Die Rückkehr der Utopie

Imagine!

Menschen im globalen Norden können sich kein besseres Leben mehr vorstellen. Dagegen hilft die Methode des „Imagineering“.

Bild: Nasa

von Jörg Metelmann

Mit zunehmender Lebenserfahrung neigt man dazu, dem Drogenguru Timothy Leary doch recht zu geben: Es gibt genau zwei Arten von Menschen, die lockeren und die unlockeren. Oder Umberto Eco: Es gibt immer Apokalyptiker, für die alles untergeht, und Integrierte, für die es einfach weitergeht. Oder dem gesunden Menschenverstand: Es gibt halt Träumer und Praktiker, die einen dichten Verse, die anderen Rohrleitungen ab. Aber halt: Gibt es wirklich noch Träumer? Die sich was ganz Anderes – mit ganz großem A – vorstellen können?

Im kapitalistischen Realismus des globalen Nordens fällt es vielleicht deshalb so schwer zu träumen, weil man sich kein besseres Leben vorstellen kann. Eine historisch einmalige Friedensepoche, eine politisch stabile demokratische Ordnung, Rechtssicherheit, eine unfassbar saturierte Konsumwelt mit Ablenkungsangeboten, bis der Arzt kommt. Welche Utopie sollte man da haben? Der Lackmustest: In Thomas Morus‘ Roman Utopia von 1516, dem wir den Namen für unser Problem verdanken, ist der größte Unterschied zwischen dem Inselstaat und der ‹realen› Welt, dass es kein Privateigentum gibt. Dort stehen Sätze wie dieser: »[W]o es noch Privatbesitz gibt, wo alle Menschen alle Werte am Maßstab des Geldes messen, da wird es kaum jemals möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben.« Klingt irgendwie verdammt nach aktueller Oxfam-Studie über globale Vermögensverhältnisse (Hashtag 1:99) und zeigt, wie weit wir von einer Utopie für das 21. Jahrhundert entfernt sind.

Denn Kollektivierung und Gemeinwohlzwang rufen bitterste Erinnerungen an die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts wach, deren dystopisch abgewrackte Landschaften zusammen mit den besten Absichten nach der Wende 1989 auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sind. Unsere Diskussionen um das Grundeinkommen sind ein ganz schwacher Nachhall dieser Energie, sich andere Eigentums- und Wertbegriffe vorstellen zu können. Und ein gutes Beispiel für Imagineering.

Die Utopien der einen sind die Dystopien der anderen

Imagineering ist der Möglichkeitssinn nach dem Konsum der Utopie. Die liberale Utopie, gebündelt in den Schwestern Demokratie und Marktwirtschaft, hat einen solchen Erfolg gehabt, das Leben vieler Menschen besser zu machen, dass dabei Systemalternativen zum Wachstumsdogma verschwunden sind. Der Preis dafür war hoch, denn die Utopien der einen sind die Dystopien der anderen: Die großen europäischen Imperien und der Wohlstand made in USA, der gegen die völkisch-nationalen und die sozialistischen Diktaturen das private Glück im materiellen Überfluss in Stellung brachte, waren wie Letztgenannte auf Ausbeutung, Unterdrückung und systematisches Unrecht gebaut und sind es bis heute. 

Die gemeinsame Vorstellungskraft, die Imagination im »Imagineering«, weiß um dieses Erbe. Sie ist keine wilde, unzähmbare, sondern eine verantwortungsvolle. Sie will die Dinge endlich wirklich besser machen, und das geht nur ohne Fantastereien und eingedenk gewisser Lehren der Geschichte. Daher passt sie so gut zum »Engineering«, dem technisch gedachten Umgang mit der Welt: Man kann und darf Gesellschaften nicht ausschließlich so behandeln wie Maschinen, aber es ist doch hilfreich, wenn bestimmte Sachen »wie auf Knopfdruck« funktionieren, zum Beispiel Ämter, Rechtswege oder Hilfeleistungen aller Art. Dafür muss man ja auch nicht jedes Mal die Reste des Träumen-Könnens bemühen.

Imagineering als Methode der Transformation

Imagineering ist im besten Fall die Methode der Transformationsberater, die es in wachsender Zahl gibt. Die Prozesse – das Engineering – lassen sich gut gliedern und abhaken: Man muss sich Technik und ihre Wirkungen anschauen, ökonomische Zusammenhänge neu denken, soziale Strukturen modernisieren und kulturellen Wandel begreifen und gestalten.

Wie man die Imagination befeuert, ist hingegen schwieriger, ist doch die gesamte neoliberale Event-Wirtschaft auf Dauerfeuer eingestellt. Einen Weg ins Jenseits des Spektakels weist vielleicht der Maler Paul Klee, der einst die Landschaftsmalerei revolutionierte. Für ihn ist die Erfahrung einer gemalten Landschaft nicht die Wahrnehmung einer Zeichnung, die zum Beispiel ein Gebirge abbildet. Klee will die Sehgewohnheit ändern und nennt seine Schule der Ästhetik »eine kleine Reise ins Land der besseren Erkenntnis«. Im Wandern über die Punkte und Linien des Bildes entsteht im Kopf der Rezipientin eine imaginäre Landschaft, die die Betrachterin Farben, Klänge, Stimmungen und Gefühle erfahren lässt. Diese bilden sich im Zwischenraum von Welt, Bild und Kopf mittels der Vorstellungskraft und der Methode des Gehens. Der Ein-Druck kommt so nicht von außen (passivierendes Spektakel), sondern wächst mit dem Wünschen von innen heraus (was wir wollen): ein Imagineering, das bei der Gestaltung der »Großen Transformation« (Schneidewind mit Polanyi) unverzichtbar sein wird.

JÖRG METELMANN unterrichtet Kultur- und Medienwissenschaft an der Universität St. Gallen.