Die Wahrheit

Rettet diese Seelen

Falls weiter nur jedes vierte Gör ein Smartphone hat, werden die seelischen Verwundungen zunehmen. Deshalb ein Appell: Schicker Mobilfunk für alle Kleinen!

Smartphones sind nicht nur für Bischöfe, sondern auch für die lieben Kleinen ein segensreicher Besitz. Bild: Daniel dal Zennaro /dpa

Jedes vierte Kind besitzt ein Smartphone, berichtet soeben eine Studie. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass es mit den anderen drei Kindern nicht telefonieren kann, nicht chatten und keine Videokonferenzen abhalten, weshalb es sie zu hassen beginnt. Außerdem bedeutet es, dass die anderen drei Kinder das Kind mit dem Smartphone abgrundtief zurückhassen, weil es etwas hat, das sie nicht haben: ein Smartphone.

Darüber hinaus beneiden sie das vierte Kind um seine magische Fähigkeit, den Eltern das Geld für ebenjenes Smartphone und seinen Unterhalt aus der Börse zu leiern, und hassen es dafür umso mehr, anderenfalls wären sie sicherlich keine Kinder.

Das Kind mit dem Smartphone lässt seine Eltern nämlich ordentlich bluten. Nie kommt es mit dem ihm zugeteilten Gebührenvolumen auf der Prepaid-Card zurecht. Um des lieben Friedens willen schießen die Eltern ständig Geld nach, was sollen sie anderes machen. Deshalb hassen die Eltern das vierte Kind. Sie sorgen sich nämlich schon genug darüber, ob das Kind der ihm per Smartphone übertragenen Verantwortung wirklich gerecht wird.

Es könnte mit wildfremden Leuten telefonieren oder sich auf wer weiß was für Internetseiten herumtreiben. Das Kind könnte im schlimmsten Falle sogar irgendwelche kostenpflichtigen Inhalte abrufen oder rechtsgültige Knebelverträge für sauteures Zeugs abschließen, und zwar mit 24 Monaten Laufzeit und ohne jede Chance, da ohne Rechtsanwalt rauszukommen.

Weil sie das Gerät ihres Kindes immer wieder stichprobenartig daraufhin überprüfen müssen, hasst das Kind die Eltern selbstverständlich. Es spürt doch das Misstrauen, das ihm entgegengebracht wird. Es fühlt sich überwacht, kontrolliert, gegängelt und zu Unrecht verdächtigt – familiäres Vertrauen in einer liebevollen Beziehung zu „uns Kleenen“ oder „süßen Zwergen“ sieht anders aus, verehrte Eltern! Dänische Pädagogen würden euer Verhalten nicht gutheißen.

Allerdings weiß das vierte Kind sehr gut, dass es das Vertrauen der Eltern manchmal durchaus missbrauchen möchte, dies hin und wieder, in einzelnen Ausnahmefällen, die zu erklären hier zu weit führen würde, heimlich sogar tut. Deshalb hasst das Kind seine Eltern noch stärker: Sie drücken ihm das Smartphone in die kleinen Patschehändchen und lassen es mit der Verantwortung völlig alleine. Damit führen sie das Kind regelrecht in Versuchung und sollen sich nicht wundern, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, zum Beispiel die Feuerwehr vor der Tür steht und hektoliterweise Wasser in den Flur spritzt.

Mit Wildfremden telefonieren

Außerdem leidet das vierte Kind darunter, dass sich die Eltern langsam dagegen zu verwehren beginnen, ständig auf der Arbeit angerufen zu werden. Das schmerzt doch sehr, vor allem, wenn es den drei anderen gegenüber gerade in diesem Moment damit prahlen will, dass es jederzeit unverrichteter Dinge mit Mama oder Papa telefonieren kann, jetzt, hier, ganz wie es Lust hat. Ein überwältigender Hass brodelt in dem Kind mit dem Smartphone empor.

Es kann gar nicht anders, als irgendeinen wildfremden Menschen anzurufen, damit die drei anderen Kinder es nicht auslachen und mit dem Finger auf das elende Smartphone zeigen, das doofe Versagersmartphone, an dem man von den eigenen Eltern in aller Öffentlichkeit zurückgewiesen wird, insbesondere und vor allem vor den anderen Kindern. Das vierte Kind ruft jetzt jemanden an, egal wen, und schreckt auch nicht davor zurück, jemandem Papas Kreditkartennummer durchzugeben, wenn der das eben so will.

Die anderen drei Kinder hassen sich dafür; aber so sehr sie das Smartphonekind verachten und allen anderslautenden Erklärungen zum Trotz – sie möchten das Smartphone auch gerne einmal anfassen, drücken, wischen und in die Wunderwelt von Facebook und Whatsapp abtauchen. Darum wanzen sie sich hin und wieder unvermittelt an das Smartphonekind heran und überschütten es mit Aufmerksamkeit und kleinen Bestechungsgeschenken.

Abrutschen in Happy-Slapping Videos

Das merkt das vierte Kind natürlich, das sich nicht mehr um seiner selbst willen geliebt sieht, und stürzt in einen Abgrund von Traurigkeit. Es spürt: Alle Welt liebt nur mein Smartphone, mich hingegen niemand. Es rutscht tiefer und tiefer in virtuelle Beziehungen ab, in Happy-Slapping-Videos, Cyberkriminalität und möglicherweise Tierpornografie. Was dänische Pädagogen dazu sagen würden, mag sich jeder selber denken.

Eine solche Entwicklung kann niemand wollen. Wir müssen diese seelischen Verwundungen allesamt heilen. Wenn wir aber auch nur die Chance haben wollen, den Absturz des technikaffinsten Viertels einer ganzen Generation zu verhindern sowie die absehbaren Beschädigungen und Verwerfungen bei dem gesamten Rest, müssen sich die Eltern der drei anderen Kinder endlich einen Ruck geben und ihren Kindern ebenfalls ein Smartphone kaufen. Sie sollten sich beeilen: Die Zukunft unserer Kinder steht auf dem Spiel.

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