Die Wahrheit

Schwimmt nicht im Meer, Iren!

Der Wetterbericht im irischen Fernsehen ist eine höchst eigene Kunstform, die die Bewohner des regnerischen Eilands intensiv verfolgen.

Teresa Mannion ist bei der Oscar-Verleihung leer ausgegangen. Dabei hatte man fest damit gerechnet. Für ihren dramatischen Wetterbericht während des Sturms „Desmond“ im Dezember hätte sie den Oscar auch verdient. Mannion hatte live von der Promenade in Galway an der irischen Westküste berichtet, der Sturm wehte sie hin und her, und sie brüllte in die Kamera: „Macht keine unnötigen Ausflüge! Schwimmt nicht im Meer!“ Sie sah aus, als ob sie Letzteres gerade getan hätte. Ihr kurzer Live-Auftritt wurde umgehend zum Internet-Hit.

Der Wetterbericht nach den Abendnachrichten im Hauptsender RTÉ ist ohnehin eine feste Größe im Leben der irischen Nation. Man verpasst ihn nur im äußersten Notfall. Er beginnt stets mit der meteorologischen Zusammenfassung des zu Ende gehenden Tages. Zwar hat man das Wetter selbst erlebt, wenn man den Tag nicht im Bett verbracht hat, aber man hört gern, dass es nicht nur im eigenen Viertel geregnet hat.

Mit Spannung warten die Zuschauer darauf, wie ihnen die Wetterfrösche den nächsten Tag schmackhaft machen. Gibt es ein neues Wort für Regen? Wird das Wetter wechselhaft, wie es seit hundert Jahren ist? Wird es „sonnige Intervalle“ geben? Wird Ger Fleming zum Schluss der Nation mit einem Auge zuzwinkern, was ihm viele Heiratsanträge von Frauen eingebracht hat, die glauben, das Zwinkern gelte allein ihnen? Und welches farblich gewagte Kostüm wird Jean Byrne heute tragen?

Den Schnee am Freitag in Dublin haben sie uns aber nicht prophezeit. Ohnehin ist das Wetter nicht frühlingshaft, sondern feucht, obwohl nach dem keltischen Kalender seit 1. Februar Frühling herrscht. An der Westküste sind neue Seen entstanden, wo früher Wiesen und Straßen waren. Meine Nachbarin trug neulich Gummistiefel, die auf halber Höhe einen leuchtend roten Strich aufwiesen. „Wenn die Straße überflutet ist, steige ich aus dem Auto und laufe durch die Pfütze. Bleibt das Wasser unter dem roten Strich, fahre ich weiter. Andernfalls kehre ich um.“

Vier US-Touristen wurde das Wetter vorige Woche zum Verhängnis: Ihr Mietwagen blieb in einer tiefen Pfütze stecken. Doch sie hatten vermeintlich Glück im Unglück. Ein Bauer kam mit seinem Traktor vorbei. Ob er sie aus dem Wasser ziehen könne, fragten die Amis. Kein Problem, meinte der Bauer.

Weil das Wasser so hoch stand, konnte er aber den Haken nicht finden, um das Abschleppseil daran festzumachen. So zog er das Seil durch die Fenster, verknotete es auf dem Dach und band das Seilende an seinen Traktor. Dann fuhr er rückwärts. Im nächsten Moment gab es ein Geräusch, als wenn eine Hose platzt. Es war jedoch das Autodach. Es war abgerissen und lag nun hinter dem Wagen in der Pfütze, während die vier Touristen in ihrem zum Cabriolet mutierten Auto nass wurden.

Der Bauer kappte geschwind das Seil und machte sich aus dem Staub. Was aus den Amis geworden ist, weiß man nicht. Und wie sie der Mietwagenfirma die Sache mit dem Dach erklärt haben, ist ebenso wenig bekannt.

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