Die Wahrheit

Drinnen. Draußen

Donnerstag ist Gedichtetag. Heute darf sich die Leserschaft an einem Poem über die stillen Freuden des Bahnreisens ergötzen.

Foto: ap

Drinnen knarzt der Zugbegleiter

krachend Englisch durch den Draht;

wiehernd schnaubt ein Herrenreiter.

Draußen schweigt ein Apparat.

Drinnen dröhnt ein Anzugträger,

schlingend schmatzt ein Mann für zwei;

schnarchend sägt ein junger Säger.

Draußen fliegt still Welt vorbei.

Drinnen schenkelklopft ein Lachen,

lauthals zischt ein Pensionär;

lässt mit Knirsch die Zähne krachen.

Draußen schweigt’s, als wenn nichts wär.

Drinnen keift Investmentbanker

sich die Aktien dick und rund;

brüllend junger Weltenlenker.

Draußen leckt sich stumm ein Hund.

Drinnen grölt die Sportskanone,

lüstern pfeift der Lebemann;

quiekend gluckst die Amazone.

Draußen mäuschenstillt ein Tann.

Drinnen zanken Graf und Gräfin,

voll verkracht sich Rentnerpaar;

schrill verstrickt ein Schaf die Schäfin.

Draußen liegt tot Landschaft da.

Drinnen lärmt das halbe Leben,

Vorgeschmack des Weltgerichts;

dezibeles Erdenbeben.

Draußen hinterm Fenster: nichts.

Drinnen Kakophongewölle.

Draußen still und starr der See.

Drinnen Ausgeburt der Hölle:

Ruhezone, ICE.

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