Die Wahrheit

Die Pietät der Pubertät

Donnerstag ist Gedichtetag auf der Wahrheit: Heute darf sich die Leserschaft an einem Poem über schwierige Jugendjahre erfreuen.

Drei Jungen springen in ein Schwimmbecken

Foto: AP

Mitgefühl! Muss man für Eltern entwickeln,

wenn sie die Freude verlieren am Kind.

Denn dieses Wachstum von Knochen und Pickeln

wirkt so befremdend und kommt so geschwind.

War es gerade noch klein und verständig,

leicht zu bestrafen, gefügig und lieb,

wird nun der Eigensinn trampelnd lebendig,

wie ein nur schwer zu bezähmender Trieb.

Ungeschlacht ist es und ohne Manieren.

Jede Bewegung ist Provokation.

Da lässt sich leicht die Beherrschung verlieren.

Und man vertut sich ein wenig im Ton.

Hilfe vom Partner? Der übt sich in Stille.

Falls solidarisch, dann hält er’s geheim.

Müd ist der Sesselblick über die Brille.

Partner geht länger schon schwer aus dem Leim.

Kind will Klamotten, die nirgendwo sitzen.

Wüstes Gebammel, dann fühlt es sich wohl.

Schlappende Hosen schleifen durch Pfützen,

saugen sich bis in die Kniekehlen voll.

Schwierige Fragen stellen sie dauernd.

Dummerweis sind sie jetzt nicht mehr ganz blöd.

Und wie sie gucken! Finster und lauernd.

Bösartig forschen sie, ob man’s versteht.

Wenn sie dann bröckelt, die Antwort der Eltern,

mühsam zusammengestoppelt und lahm,

führn sie sich auf wie die siegreichen Feldherrn.

Höhnisch und herrisch. Und grinsen infam.

Aufsässig werden sie. Unförmig. Schrecklich!

Körperregionen so sinnlos verrutscht.

Futzeln an fettigen Haaren tagtäglich.

Ständig wird irgendein Dreckszeug gelutscht.

Glühend verehren sie protzige Deppen.

Schauspieler, Popstars, das glitzernde Pack.

Deren Gewummer, das Jaulen und Rappen

schädigt den Haushalt, verpestet den Tag.

Schleppen noch Freunde an, stündlich und dringend,

Albtraumfiguren, mit großem Geschick.

Deren Ganoven-Karriere sich zwingend

abzeichnet in jedem gierigen Blick.

Schön war die Zeit, als das Kind noch ein Kind war,

still und zufrieden, verträglich und nett.

Jetzt ist berechtigter Unmut empfindbar.

Hoffen wir nur, dass die Welt es versteht.

Habt also Mitleid für Eltern, die armen!

Schenkt ihnen Trost und schenkt ihnen ein.

Könnt euch am besten wohl ihrer erbarmen,

solltet ihr selber Betroffene sein.

Die Wahrheit auf taz.de

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