Die Wahrheit

Blinder Wackelpudding

Die meisten Sommersprossen haben, ist als Kategorie im Guinnessbuch der Rekorde nicht anerkannt. Für Iren ein Nachteil.

Woran merkt der Ire, dass Weihnachten vor der Tür steht? Am Guinnessbuch der Rekorde, das sich in den Dubliner Buchhandlungen turmhoch stapelt. Es ist das Universalgeschenk der Fantasielosen. Wer dem Opa keine Krawatte kaufen will, greift dazu und hält sich für originell – wie Millionen anderer auch. Es ist nach der Bibel das meistverkaufte und überflüssigste Werk der Welt.

In der neuesten Ausgabe erfährt man, dass die Russin Ekaterina Lisina das längste Bein der Erde hat. Es ist 132,8 Zentimeter lang. Ihr anderes Bein ist sechs Zentimeter kürzer. Sie selbst ist 2,05 Meter groß. Noch größer ist Arcturus, wenn man es auf Katzen umrechnet. Wenn das Tier auf den Hinterbeinen steht, kann es mühelos sein Dinner vom Tisch essen. Aber will man das wirklich wissen?

Ein André Ortolf aus Augsburg hält eine ganze Reihe von Rekorden, und fast alle haben mit Essen zu tun. Er verspeiste binnen 30 Sekunden 416 Gramm Coleman’s Senf, der höllisch scharf ist und den faden englischen Gerichten etwas Geschmack verleihen soll. Für 893 Gramm Kartoffelpüree oder 252 Marmite-Hefepaste benötigte Ortolf eine Minute. Genauso lange dauerte es, mit verbundenen Augen und auf dem Rücken gefesselten Händen 1.445 Gramm Wackelpudding zu vertilgen.

Der 22-Jährige hat in 60 Sekunden auch 32 Tennisbälle mit verbundenen Augen gefangen und 78 Partyknaller knallen lassen. Per Bürostuhl legte er 100 Meter in 31,92 Sekunden zurück. Was kann man in Augsburg auch sonst tun? Die Stadt sollte man meiden. Ebenso wie Roswell. Ein Brad Ladner hat dort die größte Sammlung an Batman-Memorabilia angehäuft – 8.227 Stück. Roswell? Stürzte dort nicht 1947 ein UFO ab? Ist Ladner ein Außerirdischer?

Dann dürfte er im Guinnessbuch gar nicht auftauchen, die Brauerei hat überraschenderweise strenge Regeln aufgestellt. Die meisten Sommersprossen sind zum Beispiel als Kategorie nicht anerkannt, was für Iren ein Nachteil ist. Aber dafür haben sie das älteste Bandmitglied der Welt: Der 99-jährige John Gannon spielt seit 81 Jahren in der St. James’s Brass and Reed Band. Mick Jagger ist im Vergleich ein Nachwuchstalent.

Rekorde, bei denen es um das zügige Trinken von Alkohol geht, zählen bei Guinness nicht. Das ist, als ob Wurstfabrikant Uli Hoeneß Fleisch aus der Allianz-Arena verbannen würde. Apropos Hoeneß: Michael Carmichael und seine Frau Glenda aus Indiana haben einen Baseball in den vergangenen 40 Jahren insgesamt 17.994 Mal lackiert, so dass er nun einen Durchmesser von 2,77 Meter hat. Könnte man das nicht auch mit einem Fußball machen und ihn dem FC Bayern zum Spielen geben?

Wer das Guinnessbuch zu Weihnachten kriegt, lernt über den Schenkenden schnell, dass der ein arg fantasieloser Klotzkopf ist. Damit kommen Beschenkte aber nicht ins Rekordbuch: Schnelles Lernen, so heißt es hochoffiziell in den Richtlinien, lasse sich nicht objektiv messen und scheide als Kategorie deshalb leider aus.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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