Die Wahrheit

Steroide starren dich an

Manchmal erzwingen die Umstände, dass man sich Handwerker ins Haus holen muss. Die Gerätespezialisten erwarten vom Kunden tätige Mithilfe.

Brüllend schlechte Laune hatte sich meiner bemächtigt, als die Geschirrspülmaschine kurz vor einem großen Essen das Zeitliche segnete. Nicht nur, dass mir nun Abwaschorgien bevorstanden, auch dunkle Vorahnungen plagten mich.

Und siehe! Wenig später war es so weit. Auch die Waschmaschine wies mit verkrampftem Knirschen auf ihr nahendes Ende hin. Am folgenden Tag blieb sie gänzlich stumm und unbewegt. Muss ich betonen, dass wir exakt über den Zeitpunkt reden, als meine Katze auf sämtliche Woll- und Tagesdecken sowie Handtuchstapel zu pinkeln begann, um einen Ausflug zu dem netten neuen Tierarzt zu erpressen?

Da es stank und um meinen Rechner vor Ansteckung mit Defektitis zu schützen, bestellte ich sofort eine neue Maschine. Nachts. Im Internet. Bei dem bösen Versandriesen mit dem katastrophalen Finanz- und Personalgebaren, den ich normalerweise meide. Aber es ging einfach nicht anders, und es sollte sich rächen.

Ein paar Tage später klingelte es pünktlich zur vereinbarten Zeit an meiner Tür. Zwischen zwei Hünen, deren Körperbau einem Wolgograder Kriegerdenkmal nachempfunden zu sein schien, wirkte meine neue Waschmaschine fast zierlich. Die jungen Männer grüßten zunächst recht jovial. Unerwartet lauernd wurde jedoch der Ton, als sie mich fragten, ob ich die alte Maschine bereits abgebaut hätte. Ich hatte bei ihrer Firma den Abtransport bestellt und bezahlt, genau wie die Installation der neuen. Allerdings hätte ich zuvor höchstpersönlich handwerklich tätig werden müssen, was ich entweder überlesen oder verdrängt hatte.

Und so kämpfte ich unter den Blicken der muskulösen Jugend mit dem Abwasserschlauch, der seine jahrelange treue Verbindung mit dem Siphon nicht aufgeben mochte. Es mangelte mir einfach an Kraft. Mir brach der Schweiß aus. Die Junghünen waren immerhin in der Lage, mein Schnaufen so weit zu interpretieren, dass ihr Eingreifen nun dringend genehm wäre. Sie hoben die Hände: „Wir dürfen aber nichts anfassen! Sonst kriegen wir Ärger.“

Ich fragte mich, worum es hier ging. Um den Schutz vor möglicher Diskriminierung meiner handwerklichen Fähigkeiten als Frau? Oder hatten die Jungs grundsätzlich was falsch verstanden. Hatte der Chef gesagt, dass sie nichts anfassen sollten bei den Kundinnen, und sie legten die Anweisung nun sehr breit aus? Man weiß es nicht, ich bekam jedenfalls weiterhin den Schlauch nicht ab, verlor meine Contenance und fauchte roten Kopfes: „Na, dann müsst ihr wieder gehen! Aber die neue Waschmaschine nehmt ihr auch wieder mit! Habt euch ja genug Zeug in die Muskeln gepumpt, oder ist das nur Deko?“

Ob die beiden schließlich ein Einsehen hatten, soll hier offen bleiben. Ich habe mich zu Stillschweigen verpflichten müssen. Kürzlich las ich, dass Anabolika mitunter auch bei greisen Menschen gegen Schwäche eingesetzt werden. Meine Zeit wird kommen.

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