Die Wahrheit

Gene im Sonderangebot

Seit DNA-Tests erschwinglich geworden sind, erfahren auch Iren mit kleinem Geldbeutel mehr über ihre Abstammung als ihnen lieb ist.

Es liegt also gar nicht am Alkohol, dass Leberschäden in Irland so weit verbreitet sind. Wissenschaftler haben die Überreste von drei Bauern untersucht, die vor drei- oder viertausend Jahren auf Rathlin Island vor Nordirland begraben worden waren. Ihre DNA verriet, dass ihre Wurzeln in der eurasischen Steppe im Süden Russlands liegen.

Die Immigranten brachten nicht nur blaue Augen nach Irland, sondern auch eine Blutkrankheit, die wegen ihres häufigen Vorkommens auf der Grünen Insel „keltische Krankheit“ heißt. Ihr wissenschaftlicher Name ist Hämochromatose. Dabei kommt es zu einer erhöhten Aufnahme von Eisen im oberen Dickdarm, was im Laufe der Jahre die Leber schädigt.

Ich habe vorsichtshalber einen DNA-Test machen lassen. Ein Sonderangebot, das hätte mich stutzig machen müssen. Nach einer Woche kam das Testpaket an. Die Anleitung war einfach, außerdem kannte ich das Procedere aus Fernsehkrimis: Man musste mit dem Wattestäbchen 30 Sekunden lang im Mund herumwischen, es dann in eine kleine Flasche mit einer Lösung stecken und es an ein Labor in den USA schicken.

Nach drei Wochen kam das überraschende Ergebnis: Ich bin angeblich zu 36,3 Prozent Engländer. Ich. Engländer. Herrje. Zu 25,1 Prozent bin ich Skandinavier, der Rest meiner DNA teilt sich auf in Spanier, Osteuropäer, Nigerianer und Nordafrikaner.

Plausibel klang lediglich Osteuropa, denn meine Vorfahren kamen aus Prag und Pilsen, aber das Testlabor lokalisierte sie stattdessen im Baltikum und auf dem Balkan. Ich stellte mir vor, wie die „Wissenschaftler“ Dart-Pfeile auf eine Weltkarte geworfen haben. In einem kurzen, aber sarkastischen Brief an das Labor forderte ich, wenigstens den Engländer zurückzunehmen. Daraufhin erhielt ich einen Anruf von einem Herrn, der jeden Satz oberlehrerhaft mit den Worten begann: „Lass es mich erklären …“

Es war nicht überzeugend. Erst als ich kurz darauf einen Artikel über die Herkunft der Engländer las, fügte sich das Bild zusammen. DNA-Tests haben nämlich ergeben, dass der eingeborene Engländer schwarze afrikanische Gene hat. Das äußerst seltene Y-Chromosom hgA1 soll von einem Mann aus dem heutigen Guinea-Bissau stammen, der vielleicht schon zu Zeiten der Römer in Nordengland gelebt und seine Gene dort verstreut hat.

Möglicherweise war er als römischer Soldat nach England gekommen. Oder haben ihn die Wikinger später als Sklaven nach England verschleppt? Jedenfalls sagte Mark Jobling, der die Untersuchung leitete, dass damit die versteckte afrikanische Abstammung weißer Engländer nachgewiesen sei. Was die Tory-Rechtsaußen Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg dazu sagen, ist nicht bekannt.

Ich bin aber halbwegs versöhnt mit meinem DNA-Test. Wenn schon Engländer, dann wenigstens mit afrikanischer Abstammung.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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