DIE WAHRHEIT

Smarte Rekrutierung

Die Ausbildung an der Waffe muss attraktiv bleiben.

Fein gemacht fürs Robben durchs Unterholz: eine Nachwuchsrekrutin aus der Abteilung „Spaßkrieg“.  Bild: ap

Oberstleutnant Knäpper strahlt: „So muss es aussehen, wenn ein moderner Betrieb nach neuen Mitarbeitern sucht.“ Und noch während er es stolz ausspricht, explodieren in nächster Nähe mehrere Handgranaten, Schüsse fallen in einer Lautstärke, als ob Kampfbomber über einen hinwegdonnern würden. „Die Granaten sind nicht scharf, das ist nur Feuer, daran ist noch niemand gestorben“, versichert der robuste Mittvierziger jovial und verfolgt weiterhin konzentriert das Spektakel. Während sich der Nebel verzieht, erkennt man langsam, dass auf dem Feld vor ihm unzählige Jugendliche in Uniform über die Wiese kriechen, robben und stolpern. Einige von ihnen ziehen andere über die Grasfläche.

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Oberstleutnant Knäpper ist einer der aktivsten Weiterbildungsoffiziere der Bundeswehr, die seit dem Ende der Wehrpflicht auf eigene Faust nach Rekruten suchen muss. „Das ist manchmal gar nicht so einfach, aber wir sind Herausforderungen gewohnt.“ Auf seine Veranstaltungen ist er stolz, denn hier bietet er neben einem Überblick über die Karrieremöglichkeiten bei der Bundeswehr (Fotograf, Landschaftsgärtner, Koch und Tätigkeiten im weitgefächerten Bereich „Mode“) auch einen Einblick in sein eigenes Leben.

Zu den wichtigsten Elementen zählen jedoch die spannenden Nachmittage bei den „Fun Wars“, wie der lebenslustige Oberstleutnant sie nennt. Diese „Spaßkriege“ finden in den ehemaligen Bundeswehrstandorten statt, die seit ihrer Schließung brachliegen. „Die Jugendlichen merken hier erst mal so richtig, dass sie einen Körper haben.“

Im Hintergrund Schreie. Die Jugendlichen konnten wohl nur schwer einschätzen, was sie erwarten würde, als sie und ihre Eltern den Antrag ausgefüllt haben. Von „kultigen Real-time-Aktionen in einsturzgefährdeten Häusern, in denen man witzige Fotos für Facebook machen kann“, ist da die Rede, von „geilen Begegnungen mit Menschen, mit denen man befreundet sein könnte“, von „gesteuerter Gewalt, die für tolle Nachrichten bei Twitter sorgen kann“. Das Informationsmaterial gibt nur ungenügend wieder, was die Jugendlichen an den zwei Tagen erleben. Und sie erfahren erst nach der Anreise, dass sie Smartphones und Digitalkameras am Kasernentor abgeben müssen.

Zu Beginn der Informationsveranstaltung versammelt der Weiterbildungsoffizier die interessierten Jugendlichen noch in einem Seminarraum. „Das könnte öde und langweilig sein, aber ich hab da so meine Technik.“ Er ist nicht einfach nur ein „Bürger in Uniform“, sondern auch ein guter Freund, dem man alle Fragen stellen darf – auch die unangenehmen. „Einige sind überrascht, dass man bei einem Einsatz sterben kann. Da frage ich mich schon manchmal, ob die keine Filme gucken.“ Die Schüler hören dem entspannt plaudernden Oberstleutnant zu, der mit Hilfe eines Laptops Bilder an die Wand wirft. Bilder von sich und einigen Kollegen in Feierlaune, Bilder von sich, wie er als junger Mann aussah. „Da beißen die meisten an, weil die sehen, hey, der war auch mal ein lässiger Typ wie ich, und jetzt ist er ein lässiger Typ in Uniform. Das könnte ich sein.“

Auf dem Feld sieht die Lage dann aber ganz anders aus. Locker greift sich der Oberstleutnant einen jungen Bewerber aus den Kampfhandlungen heraus: „Das ist der …?“ Der unsichere Junge schaut verängstigt und flüstert: „Ich bin der Markus.“ – „Der Markus! Der Markus wird ein ganz toller Soldat werden. Mag der Markus auch Sand oder andere Kulturen?“ – „Nein“, antwortet der ausgepowerte Teenager. Dann schubst ihn Knäpper wieder ins Schlachtfeld. „Sehen Sie, hier werden noch richtige Gespräche geführt. Da sind sicher zwei oder drei brauchbare Bewerber dabei. Aus denen kann man was machen.“

Für Außenstehende mag der Aufwand sehr hoch erscheinen. Zwei oder drei Bewerber werden aus den ungefähr 300 anwesenden Interessierten ausgewählt, das ist nur scheinbar ein schlechter Schnitt. „Das ist wie in einer Bank oder einer Versicherung. Da wird ja auch nicht der Erstbeste angestellt, der durch die Tür hereinspaziert. Die Bundeswehr stand und steht für Qualität und Tradition“, meint Oberstleutnant Knäpper. Und zu dieser Tradition gehört es auch, die Bewerber mit alkoholischen Getränken gefechtsklar zu machen: Die Rückfahrt nach Hause wird im überfüllten Zug bestritten – mit der Bierbüchse in der Linken und der Kornflasche in der Rechten. Traditionen müssen eben gepflegt werden.

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03. 07. 2012

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