Digitale Arbeitswelten

Wo bin ich, wenn ich überall bin?

Es gibt keine festen Abläufe, alles hängt von dir ab. Das einzige Feedback: Bekomme ich den Auftrag oder nicht? Digitale Arbeiter, vereinigt euch!

"Wir neuen Selbständigen brauchen nicht viel: einen Computer mit Internetanschluss, ein Telefon, vielleicht noch Fax und Drucker."  Bild: hannesleitlein / photocase.com

Wir sind eine Wolke. Eine Wolke, die weder in ihrer Größe noch in ihren Auswirkungen greif- oder messbar ist. Wir sind die, die "was mit Medien" machen: Wir sind nicht fest angestellt, haben kein extra Büro, führen nicht täglich Kollegengespräche, bekommen kein regelmäßiges Monatsgehalt. Oft arbeiten wir von zu Hause aus, im Wohnzimmer.

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Wir neuen Selbständigen brauchen nicht viel: einen Computer mit Internetanschluss, ein Telefon, vielleicht noch Fax und Drucker. Minimale Investition.

Mein Schreibtisch wird zum Esstisch, wenn ich für Freunde koche, dann stelle ich ihn einfach in die Mitte und ein paar Stühle mehr in den Raum. Morgens ist mein Weg zum Schreibtisch kurz, der Kaffee meiner Küche ist billig, das Leitungswasser ebenfalls. An diesem Tisch verwalte ich meine verschiedenen Aufträge nicht nur inhaltlich: Ich bin meine eigene Sekretärin, lege Rechnungen ab, zahle Steuern, Krankenkasse, in meinem Fall über die Künstlersozialkasse, die es ja zum Glück in Deutschland gibt.

Mein Privatleben überlagert mein Arbeitsleben. Oder ist es andersherum? Denn ich beziehe bei meiner Arbeit meine persönliche Umgebung mit ein. Indem ich meine Ressourcen vermische, spare ich Ressourcen: eine Miete, eine Infrastruktur, eine Telefonnummer für Leben und Arbeiten.

Aber wie erkläre ich das, was ich mache? Heute vereine ich viele Jobs, sie haben mit Texten, Redaktion zu tun, mit Lektorat, Organisation, mit Finanzen, Kultur, aber auch mit Politik und neuen Medien. Wenn ich eine typische Handbewegung machen müsste, gäbe es sie nicht. Es gibt eher eine typische Haltung: Ich bewege mich beim Arbeiten kaum, sitze oft viele Stunden stumm am Rechner, nur der Zähler meines Surfsticks zeigt mir an, wie lange ich bereits online bin.

"Wir sind ständig eingeloggt, erstellen Profile, um unsere ,Selbsts' auf dem globalen Markt für Arbeit, Freundschaft und Liebe zu präsentieren", beschreibt der niederländische Netzkritiker Geert Lovink unsere Online-Existenz. "Jede Minute unseres Lebens wird in ,Arbeit' oder zumindest in Erreichbarkeit verwandelt." Jede Situation kann in eine Arbeitssituation umgewandelt werden - vorausgesetzt, dass ich online gehen kann. Ich und mein Computer sind mein mobiles Büro.

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Jeder Tag sieht anders aus, ich habe keine regelmäßigen Arbeitsabläufe, Meetings oder Kommunikationsstrukturen. Die Startseiten wechseln. Wenn ein Projekt beendet ist, fängt ein neues an. Alles ist im Fluss. Ich bin meine eigene Chefin, wähle aus, mit wem ich arbeite, verhandele einigermaßen angemessene Honorare, kann und muss mich selbständig weiterbilden. Andererseits habe ich keine geregelte Wochenstundenzahl, keinen geregelten Urlaub, wenn ich krank bin, macht niemand meine Arbeit, alles hängt von mir ab, von meinen Ideen, auch von meiner Freundlichkeit, mit der ich mich verkaufe. Das einzige Feedback, das ich erhalte, ist: Bekomme ich den Auftrag oder nicht? Das kann müde machen, denn der Druck kommt eher von innen als von außen, von mir selbst.

Viele digitale Selbständige arbeiten allerdings nicht so monolog wie ich, sondern auf Honorarbasis in größeren Medienunternehmen: Sie geben Daten ein, testen Computerspiele, telefonieren in Callcentern, schreiben Programme, pflegen Webseiten. Die Informationen unserer Informationsgesellschaft versklaven freie Arbeiter zu "digitalen Knechten", wie es ein Freund nennt, der so einen Job ausübt. Der Lohn, der am Ende des Tages herauskommt, reicht fürs Leben, das ist gut, aber nicht unbedingt für eine Zukunft mit Familie oder für das Abdämpfen von Alterserscheinungen.

Als ich mich vor einem Jahr zum ersten Mal mit einem Finanzberater in Sachen Rentenvorsorge traf, gab er mir Fragebögen zu meiner Lebenssituation. Die Fragen zu meinen langfristigen Planungen konnte ich nicht klar beantworten, denn ich kenne meine berufliche Situation maximal auf ein Jahr im Voraus. Ich schob die Fragebögen und damit auch die Vorsorge einfach zur Seite. Ich gehe, wie viele meiner Freunde, eigentlich stillschweigend davon aus, dass ich bis ins hohe Alter arbeiten werde. Rente, das klingt wie ein Wort aus einer fernen Zeit. Ebenso wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Wir sichern unser Heute, nicht unser Morgen.

Diese absolute Verantwortung fürs Selbst ist manchmal nicht nur anstrengend, sondern macht auch einsam. Der französische Medienphilosoph Paul Virilio nennt dieses selbstverlorene Dasein vor dem Computer, das nur scheinbar mit der Welt in Kontakt steht, "elektronische Apartheid" oder "mediale Ghettoisierung". Er fragt: "Wo bin ich, wenn ich überall bin?" Diese Frage lässt sich leicht weiterspinnen: Wo fühle ich mich zugehörig, wenn ich überall bin? Wo fühle ich mich verantwortlich - wo bringe ich mich als politisches und gesellschaftliches Wesen ein? Wie entstehen Verbindlichkeiten in einer Welt, in der die Nachrichtenagentur Reuters "unfriend" zum Wort des Jahres 2009 kürt - und wo ich Bindungen mit einem Mausklick kappen kann?<object width="460" height="280"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/CRYQxYtU6X8&hl=de_DE&fs=1&"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/CRYQxYtU6X8&hl=de_DE&fs=1&" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true" width="460" height="280"></embed></object>VIDEO-KOMMENTAR von Julia Seeliger. Alle Videos finden Sie hier.

Dabei sollten wir unsere Verbindungen gut pflegen, denn wir sind so kompetent wie unser Netzwerk. In Berlin sind in den vergangenen Jahren viele sogenannte Co-Working Spaces entstanden. Orte, an denen viele mit vielen eine gemeinsame Arbeitsinfrastruktur teilen: betahaus, Studio 70, das WLAN-Café St. Oberholz. Auch in anderen europäischen Städten greift dieser Trend um sich: von Lissabon bis Lund gibt es Orte für Kollaboration. In kleinen Gruppen denkt und arbeitet es sich besser. Wir können dann nicht nur die eigenen Ressourcen sparen, sondern die eigenen Ressourcen mit anderen teilen und von denen der anderen profitieren. Wir gehen nicht in der Masse auf, sondern bringen unsere individuellen Stärken ein. Die Voraussetzung ist allerdings, dass wir unser Wissen, unsere Kompetenzen mit den anderen tauschen wollen, dass wir verbindlich miteinander sind.

Charles Leadbeater, ein US-amerikanischer Innovationsberater (noch so ein Job), spricht bereits von der Kultur der Wolke, einer "cloud culture". Das Arbeiten mit und in Datenwolken, in denen Wissen, Kreativität und Technikanwendungen gespeichert sind, ermöglichen ein bestimmtes kulturelles und kreatives Verhalten. Das Datenwetter macht das Arbeitsklima. Aber wer mit so flüchtigen Kollegen, wie es die Wolken ihrer Natur nach nun einmal sind, zu tun hat, braucht andere Sicherheitsnetze als die klassischen uns bekannten.

Schutzhütten, wenn es mal donnert und blitzt: nachhaltige Stadtentwicklung, damit das Umfeld auch Erholung sein kann, Investitionen in Mehrgenerationenhäuser und in Bildung für alle, auch im Alter, damit man voneinander lernen und sich gegenseitig helfen kann, strukturelle Unterstützung regionaler Produktionen und Arbeitsweisen, unkomplizierte Krankenversicherung für Freie. Auch unbürokratische Fonds für Existenzgründer können helfen.

Denn in Deutschland gibt es ein Unternehmertum: Für 2009 verzeichnete das Bundesministerium für Wirtschaft 410.000 Existenzgründungen, 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Wir brauchen urbane und regionale Infrastrukturen und Angebote, an denen auch die Menschen teilhaben können, die diese instabile Arbeitswelt als Bedrohung wahrnehmen, die verunsichert sind, die ihren angestammten Platz verloren haben, die sich wertlos fühlen.

Dazu als Ausgleich: mehr Teilzeit, Gleitzeit für Festangestellte. Auch sie müssen begreifen, dass sie Teil der sich ändernden Arbeitswelt sind. Wir brauchen das Recht auf einen Onlinezugang, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Aber wir brauchen auch das "Recht auf den Ausschaltknopf als bedeutendes Menschenrecht", wie es der Autor Peter Glaser fordert. Damit wir mal ein paar Schritte zurücktreten können. Unsere Eltern anrufen - und besuchen. Mit unseren Freunden, mit Kindern Spaß haben.

Neulich berichtete das Magazin GEO und berief sich auf die Studien des Natursoziologen Rainer Brämer, dass Jugendliche in der freien Natur eine aussterbende Spezies sind. Wir brauchen daher solche Projekte wie die Prinzessinnengärten, repairberlin, Save Berlin oder Mundraub.org, damit wir in der Sonne Kirschen pflücken oder im Gras liegen können, auch wenn wir keinen Garten haben.

Ich verlasse jetzt meine persönliche Datenwolke und gehe in den Park. Vielleicht treffen wir uns dort?

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Nikola Richter konzipiert Blogs mit ihrer Seite www.blogmacherei.de, derzeit das www.theatertreffen-blog.de. Außerdem mag sie Printmedien: Sie schreibt Lyrik und Prosa, unter anderem \"die do-re-mi-maschine\" (2009) und \"Die Lebenspraktikanten\" (2006), und engagiert sich im Vorstand der Journalisten-NGO n-ost.de.

 

 

 

 

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