Dortmunds Jungstar Jadon Sancho

Teenager mit Weltklassepotenzial

Jadon Sancho, an dem der FC Bayern nie Interesse hatte, beweist in Dortmund sein Talent. Gegen Atlético Madrid betritt er die große Bühne.

Dortmunds Jadon Sancho beim Fußballspiel im Westfalenstadion

Dortmunds Trainer Lucien Favre schwärmt: „Tack, Tack, Tack, mit einem Kontakt“ spiele Sancho Foto: reuters

DORTMUND taz | Natürlich spielte irgendwo im Hintergrund auch Borussia Dortmund eine Rolle, als die Chefs des FC Bayern sich in der vorigen Woche entschlossen, ihre mittlerweile legendäre Pressekonferenz zu veranstalten. Wenn es sportlich sehr gut läuft beim BVB, werden die Herren in München traditionell ein wenig unruhig, und wer jenseits der Widersprüchlichkeit der Veranstaltung etwas genauer hinsah, konnte sogar einen Hauch von Neid hineininterpretieren in die Erläuterungen von Karl-Heinz Rummenigge.

Der Vorstandsvorsitzende des Rekordmeisters beschwerte sich über eine „falsche Darstellung“ in einer Publikation des Springer-Verlages zur „Einschätzung des Spielers Sancho, der ja jetzt bei Borussia Dortmund spielt“. Wahrscheinlich ging es um einen Bericht in der Sport-Bild mit der Überschrift „Bayern lehnte Shootingstar Sancho ab“. Dieser 18-Jährige macht die Münchner nervös. Einerseits, weil sie an der Säbener Straße nicht immer Glück haben bei ihrer Suche nach Teenagern mit Weltklassepotenzial. Und zum anderen, weil Sancho ihnen sportlich weh tun kann.

Am Mittwochabend spielt der junge englische Nationalspieler nun erstmals mit dem BVB gegen eine internationale Klubmannschaft aus dem Kreis der wirklich großen Champions League-Giganten. Atlético Madrid ist zu Gast in Dortmund. Nicht nur die Verantwortlichen beim Bundesligatabellenführer werden mit großer Neugier beobachten, ob der kleine Dribbler vom linken Flügel die robusten Spanier in einen Zustand des Schwindels versetzen wird.

„Tack, Tack, Tack, mit einem Kontakt“ spiele der Engländer, sagt Trainer Lucien Favre über das Juwel, das am letzten Tag der Transferperiode im Sommer 2017 von Manchester City zum BVB wechselte. Marco Reus bezeichnet seinen Doppelpasspartner als „echte Waffe“, in England nennen sie den Sohn von Einwanderern aus Trinidad und Tobago „wonderkid“.

Aus Manchester nach Dortmund

Dass dieser Spieler, der zuvor in der Jugendakademie von Manchester City spielte, zu Borussia Dortmund wollte, ist in der Tat erstaunlich, denn eigentlich strömen die Migrationsflüsse des modernen Fußballs eher in die andere Richtung, hin zur Premier League. „Ich denke, er hat sich für den BVB entschieden, weil wir seit mehr als einem Jahrzehnt die besten europäischen Talente verpflichten, ihnen vertrauen, viel Spielzeit geben und sie immer besser machen“, sagt Michael Zorc in dem Artikel, der für Diskussionsstoff in München sorgte.

Jenseits der vielen sportlichen Niederlagen, die der BVB zuletzt gegen den Rekordmeister erlitt, haben sie sich diesen Wettbewerbsvorteil tatsächlich bewahrt. Mit dem Ergebnis, dass Sanchos Vertrag Anfang des Monats bis 2022 verlängert wurde, ohne Ausstiegsklausel, wie die Verantwortlichen beim BVB versichern. Denn Sancho, den Zorc als einen „der spannendsten Spieler in Europa“ bezeichnet“, ist ein zentraler Baustein des runderneuerten BVB.

Für Zorc ist Sancho einer „der spannendsten Spieler in Europa“ und zentraler Baustein des runderneuerten BVB

Jenseits der neuen professionellen und willensstarken Mentalität, die von Spielern wie Axel Witsel oder Thomas Delaney verkörpert wird und der fachlichen Qualität des Trainers Favre steht Sancho für den Zauber des jugendlichen Überschwangs. „Hier entsteht etwas Großartiges, hier kann ich mich entwickeln“, sagt Sancho der in dieser Bundesligasaison bereits sechs Treffer vorbereitet und zwei weitere selbst erzielt hat.

Sogar der große Pep Guardiola ist angesichts dieser Entwicklung ein wenig neidisch. Denn natürlich hätte der Durchbruch des Talents auch bei ihm in England gelingen können. Doch irgendwie fehlte dem jungen Spieler im Sommer 2017 das Vertrauen des Cheftrainers von Manchester City. Sancho „entschied damals zu gehen, weil er nicht mehr hier sein wollte. Das heißt, dass er wohl keinen guten Eindruck von diesem Ort hat“, sagt Guardiola.

45 statt acht Millionen Euro Marktwert

Der Transfer war eines der letzten Geschäfte, das der Scout Sven Mislintat, der mittlerweile für den FC Arsenal ­arbeitet, für die Dortmunder eingefädelt hat. Rund acht Millionen Euro überwies der BVB angeblich nach Manchester, inzwischen wird der Marktwert Sanchos, der bei der U17-EM 2017 zum Spieler des Turnier gekürt wurde, auf 45 Millionen Euro taxiert.

Zwar verlor England damals das Finale gegen Spanien im Elfmeterschießen, aber der deutsche Trainer Christian Wück sagte über Sancho und den zweiten Turnierstar Phil Foden: „Ich habe niemals bessere Spieler in diesem Alter gesehen.“ Anfang Oktober debütierte der junge Dortmunder nun auch in der englischen A-Nationalmannschaft, die Entwicklung schreitet rasant voran. Ein nächster Schritt könnte ein Tor in der Champions League sein, der Mittwochabend wäre nicht der schlechteste Moment für solch eine Premiere.

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