Die Mitglieder der Nusra-Front sind die schlagkräftigsten Gegner des syrischen Regimes. In Deir al-Sor wollen sie einen islamischen Staat errichten. Ein Besuch.von Nils Metzger

Islamisten beim Gebet in der Nähe von Deir Al-Sor. Bild: Benjamin Hiller
DEIR AL-SOR taz | „Die Front wird siegen über die Tiere, die Front wird siegen über die Ungläubigen!“ Es ist ein beliebtes Lied irakischer Dschihadisten, auf dessen Melodie ein Unterstützer der syrischen Aufständischen von Dschabhat al-Nusra (Unterstützungsfront) diese Verse gedichtet hat.
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Muthanar hört sie jeden Tag, während er mit dem Auto durch die zerstörten Straßen von Deir al-Sor fährt. Er ist Medienaktivist, verkauft Videos an den arabischen Satellitensender Aljazeera, dokumentiert die Kämpfe in seiner Heimatstadt aber auch im Auftrag islamistischer Brigaden.
Die Nusra-Front, die Medienvertretern nicht erlauben, ihre Operationen zu filmen, und deren Mitglieder ihre Gesichter unter schwarzen Sturmhauben verbergen, bewundert er. „Das Ausland versteht sie falsch, brandmarkt sie als Terroristen. Dabei wehren sie sich lediglich gegen die Unterdrückung der Sunniten durch das Assad-Regime“, betont er.
War die Nusra-Front seit Anfang Januar 2012 zunächst nur Experten ein Begriff, prägt die Furcht vor ihnen inzwischen die Außenpolitik des Westens - was zuletzt in der massiven Aufrüstung gemäßigter Rebellen nahe der Stadt Deraa im Süden mündete.
Landesweit stellen die Nusra-Front und die ähnlich agierenden Ahrar Al-Sham nun bis zu 25 Prozent aller Kämpfer, wie es in einem Bericht des Schwedish Institute for Forgein Affairs heißt. Ihre militärische Schlagkraft übersteigt die anderer Gruppen deutlich. Insbesondere im Osten Syriens kontrollieren die Dschihadisten inzwischen nahezu alle strategisch wichtigen Gebiete wie Ölquellen, Verkehrsknotenpunkte und zahlreiche öffentliche Gebäude.
Ein schwerer, goldener Vorhang verwehrt den Blick in die Basis. Eine einzelne schwarze Märtyrer-Flagge prangt darauf. Das Hauptquartier der Nusra-Front in Deir al-Sor liegt versteckt, ein aufgeschütteter Trümmerwall versperrt die Straße in eine Richtung. Die Flure führen zu provisorischen Matratzenlagern, leere Konserven und Kleidung liegen herum. An den Wänden hängen Flaggen des Dawlat al-Iraq al-Islamia, eines Dachverbandes irakischen al-Qaida-Verbündeter. Die Nusrat-Front hat zahlreiche islamistische Kämpfer aus Libyen, dem Irak und dem Kosovo aufgenommen. Die Errichtung eines islamischen Staates in Syrien ist ihr erklärtes Ziel.
„Wir sind nicht Teil dieser Revolution, sondern verteidigen unseren Glauben“, erklärt Abu Ishaq, Sprecher einer Nusra-Kampfeinheit im Stadtteil Scheich Jassin. „Unser Dschihad besteht nicht nur aus dem Kampf, sondern auch darin, die Bevölkerung mit Nahrung und Medizin zu versorgen.“ Insbesondere in Großstädten wie Aleppo und Deir al-Sor hat die Nusra-Front gemeinsam mit islamistischen Stiftungen aus den Golf-Staaten in den Wintermonaten ein Netz an Sozialstationen errichtet - Koranschule meist inklusive. War die Front bis vor einem halben Jahr darum bemüht, ihre Kampfkraft zu stärken, mischt sie sich nun verstärkt in den Wiederaufbau ein. Das sorgt für Konfliktpotenzial.
Im Januar 2013 verkündete eine im Vorort Meyadin stationierte Nusra-Einheit die Einführung ihrer Interpretation der Scharia. Eine Religionskommission und -polizei überwacht seitdem deren Einhaltung, faktisch ist es jedoch eine Willkürherrschaft. In einem umfangreichen Bericht hat Amnesty International Mitte März zusammengetragen, welcher Verbrechen sich bewaffnete Gruppen in Deir al-Sor schuldig gemacht haben: verhaftete Soldaten wurden vor laufenden Kameras geköpft, mehrere Rebellen brüsteten sich damit, die Leichen getöteter Soldaten verbrannt zu haben - ein Bruch mit islamischen Bestattungstraditionen, die auf die Schmähung der Toten zielt.
Immer häufiger kommt es auch zu Streitigkeiten und Schießereien zwischen gemäßigten und radikalen Rebellengruppen. In Meyadin protestierten Mitte März erstmals mehrere Dutzend Menschen gegen die Nusra-Front. Mehrere Oppositionsgruppen versuchen, den Einfluss der Organisation zurückzudrängen - bislang ohne Erfolg. In Deir al-Sor entstammen diese Gruppen jedoch nicht der liberalen Opposition, sondern wurzeln in den tribalen-konservativen Strukturen Ostsyriens.
Lokale Dorfautoritäten versuchen, Verantwortung für die Neugestaltung zu übernehmen. Ahmed al-Hadsch war Angestellter der Handelskammer von Deir al-Sor, nur wenige Jahre vor der Rente, er bezieht aber bis heute sein staatliches Gehalt. Die Zerstörung seiner Heimatstadt hat ihn politisiert. „In Wahrheit haben wir längst einen Krieg der Religionen in Syrien. Das Regime lehrte uns Jahrzehnte lang, zu stehlen und zu betrügen und dann ließ der Westen uns im Stich.“
Sein politisches Vorbild sieht er im autokratisch herrschenden ägyptischen Muslimbruder Muhammad Mursi. Er schätzt jedoch auch den Oppositionellen Michel Kilo, der aus einer christlichen Familie stammt. „Das Land liegt im Chaos, doch wir beobachten sehr genau, wer in den letzten zwei Jahren wie gehandelt hat“, sagt er mit Blick auf Vorwürfe der Unterschlagung gegen führende Oppositionsvertreter. „Wir möchten eine Regierung, die vom Islam und unseren traditionellen Werten geprägt ist.“ Radikalität hat im Weltbild des Familienvaters jedoch keinen Platz, es ist geprägt von Stolz und Würde - nicht von blindem Eifer.
Die taz will die Terroristen wieder als die guten darstellen, ihr berichtet über diese Region und erwähnt mit keinem Wort ...
Zitat: "Insbesondere im Osten Syriens kontrollieren die Dschihadisten inzwischen nahezu alle strategisch wichtigen Gebiete ...
Hallo Ant-iPod ...
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