piwik no script img

EU-Haushalt Bei den Agrarsubventionen könnte die EU wirklich sparen

Kommentar von

Jost Maurin

Kanzler Merz sollte den Rotstift in der EU zuallererst bei den Agrarsubventionen ansetzen. Auch ohne sie würden genügend Lebensmittel produziert.

D ie EU könnte durchaus einige hundert Milliarden Euro in ihrem Finanzrahmen für die Jahre 2028 bis 2034 einsparen. So wie das Bundeskanzler Friedrich Merz und die Regierungschefs fünf weiterer Nettozahlerländer jetzt gefordert haben. Die verlangte Summe ließe sich durch den Abbau nur eines Postens erreichen: der mindestens 300 Milliarden Euro für die Agrarsubventionen. Diese etwa 15 Prozent des Haushaltsentwurfs sind nicht notwendig, um die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln in der EU zu garantieren.

Ähnlich argumentieren Agrarökonomen immer wieder. Schon weil Brüssel die wichtigste Subventionsart keinesfalls dafür zahlt, dass Bauern Lebensmittel produzieren. Stattdessen werden die „Direktzahlungen“ vor allem dafür überwiesen, dass ein Agrarbetrieb landwirtschaftlich nutzbare Fläche zur Verfügung hat. Sie werden pro Hektar, nicht pro Kilogramm Kartoffel oder Weizen berechnet. Auch wer auf dem Acker zum Beispiel Mais für die Biogas-Anlage anbaut, bekommt Geld aus Brüssel.

Wahrscheinlich würden ohne Direktzahlungen einige kleinere Nebenerwerbsbetriebe aufgeben, mit denen die jeweiligen Bauern nur noch einen kleinen Teil ihres Einkommens erwirtschaften. Aber deren Äcker fallen dann in der Regel nicht brach, sondern werden von effizienteren Betrieben weiter bewirtschaftet. Dass es so kommen würde, legt die historische Entwicklung nahe: Obwohl die Zahl der Betriebe stark gesunken ist, bleibt die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Deutschland bei ungefähr 17 Millionen Hektar stabil.

Deshalb würde die EU auch nicht mehr Lebensmittel importieren müssen, die möglicherweise zu geringeren Umweltstandards erzeugt werden. Subventionen für Landwirte ließen sich nur dadurch rechtfertigen, dass die Bauern zum Beispiel mehr Blühstreifen auf ihren Äckern freiließen oder ihre Tiere besser halten als vorgeschrieben. Aber gegen solche höheren Auflagen wehrt sich die Agrarlobby seit Jahrzehnten weitgehend erfolgreich. So hat sie selbst dazu beigetragen, dass die von ihr mit Verve verteidigten Agrarsubventionen zusehends an Legitimation verlieren.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Jost Maurin Redakteur für Wirtschaft und Umwelt

Jahrgang 1974. Er schreibt vor allem zu Ernährungsfragen – etwa über Agrarpolitik, Gentechnik und die Lebensmittelindustrie. 2026 nominiert für den Wächterpreis. Journalistenpreis "Faire Milch" 2024 des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter. 2018, 2017 und 2014 gewann er den Preis "Grüne Reportage" des Verbands Deutscher Agrarjournalisten. 2015 "Bester Zweiter" beim Deutschen Journalistenpreis. 2025 nominiert für den Deutschen Journalistenpreis, 2022 nominiert für den Deutschen Reporter:innen-Preis (Essay "Mein Krieg mit der Waffe"), 2013 für den "Langen Atem". Bevor er zur taz kam, war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur Reuters und Volontär bei der Süddeutschen Zeitung.
Mehr zum Thema

9 Kommentare

 / 
  • Günter Witte

    Das Problem sind nicht die Landwirte, sind nicht die Verbraucher, das Problem ist der Handel !! Verbraucher bezahlen mehr als früher, Landwirte bekommen weniger als früher, WO BLEIBT DAS GELD ?? Jedes Jahr steigen die Lebensmittelpreise, jedes Jahr sinken die Margen der Landwirte, jedes Jahr machen die Handelsketten mehr Gewinn, warum tut unser Staat nichts dagegen ?? Kein Landwirt bräuchte Subventionen, kein Verbraucher müsste mehr bezahlen wenn der Staat die Markmacht der Handelsriesen brechen würde !!

  • Otto Mohl

    Man sollte aber so ehrlich sein und sagen, dass ein bedeutender Teil der Subventionen überhaupt nicht bei den Bauern ankommt.

    Im Agraretat wird viel untergebracht:

    Sämtliche Förderung für Dorferneuerung geht darüber. Also der z.B. eine Förderung des Umbaus von alten Gebäuden auf dem Land zu Wohnraum, das Schaffen von Dorfgemeinschaftsräumen und -Plätzen....

    Der Matschspielplatz am Strand von Bensersiel ist übrigens auch aus dem Agraretat bezahlt worden!

    Die unsinnige Subvention pro Hektar wird fast komplett durch die Pachtpreise an die Landeigentümer weiter gereicht. Bei Subventionen von ca. 250 Euro/ha bleibt bei (sagt grad die Google-KI) Durchschnittspachten von 350 bis 400 Euro nicht viel übrig.

  • Nebenerwerbslandwirt

    Bio landwirtschaft wäre dann nicht mehr möglich. Ohne Förderung völlig unwirtschaftlich.

    • Jost Maurin , Autor des Artikels, Redakteur für Wirtschaft und Umwelt

      @Nebenerwerbslandwirt:

      Die Subventionen für Bio-Landwirtschaft sind nur ein sehr kleiner Teil der heutigen Agrarsubventionen. Ökolandbau ist ein echter Mehrwert. Sollte man weiter finanzieren.

      • Otto Mohl

        @Jost Maurin:

        Den Mehrwert müssen Sie erklären!

        Bio-Landwirtschaft braucht für die gleiche Erntemenge die dreifache Fläche der konventionellen, nimmt der Natur also deutlich mehr Platz für Artenvielfalt.



        Bio-Landwirtschaft benötigt pro erzeugter Einheit nicht weniger Energie/CO2 als konventionelle.



        Bio-Landwirtschaft erzeugt ein hoch subventioniertes Produkt, das sich trotzdem nicht alle leisten können.



        Bioprodukte sind nicht gesünder.



        Da die Kreisläufe nie geschlossen sind (welcher Biokäufer macht sein Geschäft auf dem Bioacker?), ist Bio-Landwirtschaft Raubbau am Boden.

      • Nebenerwerbslandwirt

        @Jost Maurin:

        Dann betrachten wir die Sache einmal sachlich. Die Landwirtschaft wollte niemals Subvention. Es wird (von Landwirtschaft unwissenden) immer so getan, als wenn die Politik den Landwirten einen gefallen tuen würde. Mitnichten. Ohne Förderung wäre ein Teil der Landwirtschaftlichen nutzfläche nicht rentabel zu bewirtschaften. Die Lebensmittel Preise würde steigen und wir wären noch abhängiger vom ausland. Selbstversorgung ca. 85 % Tendenz fallend. In Wirklichkeit eine Umverteilung von oben nach unten. Ohne Förderung müsste due Landwirtschaft radikal umgestellt werden. Gentechnik erlauben, Bürokratie radikal einschränken. Großflächige flurbereinigung. Kein feldstück unter (sagen wir einmal) 30ha. Kann noch mehr bieten.

      • Günter Witte

        @Jost Maurin:

        Weil ja auch nur ein sehr kleiner Teil ( 13/14 %) momentan Bio ist und Subventionen erhält. Müssten wir die ganze Landwirtschaft mit 80 % Subventionen fördern, wie jetzt Bio, währe es unbezahlbar.

    • Otto Mohl

      @Nebenerwerbslandwirt:

      Wäre doch gut. Wer das möchte, soll es selbst bezahlen. Es gibt keinen Grund, dass staatlich zu fördern

  • Hans Dampf

    "Auch ohne sie würden genügend Lebensmittel produziert. "



    Stimmt! Aber die Lebensmittel wären dann auch teurer. Und die ersparten Steuern wären für die unteren Lohngruppen nicht bemerkbar, nur die neuen hohen Preise.



    " ...würden ohne Direktzahlungen einige kleinere Nebenerwerbsbetriebe aufgeben. Aber deren Äcker fallen dann in der Regel nicht brach, sondern werden von effizienteren Betrieben weiter bewirtschaftet."



    Sie meinen Großunternehmen und Agrarkonzerne übernehmen diese Äcker. Wollen wir das wirklich?