Ein Jahr nach der Pleite

Drei Schlecker-Frauen erzählen

Vor einem Jahr ging die Drogeriekette Schlecker pleite. Tausende Verkäuferinnen verloren ihren Job. Was ist aus ihnen geworden? Drei Beispiele.

Die große Leere bei Schlecker. Bild: dapd

Claudia Jacobs: Glück und Erspartes

Bei Claudia gibt es fast alles. Eine Rentnerin kauft Duschgel, Obst, Chips und Zigaretten. Ihre Enkelin bekommt Malstifte. Ein Mann stürmt herein und will sein Versandpäckchen abholen. Die Rentnerin nimmt noch eine Zeitung mit. Es gibt Tiefkühlware, Tierfutter, Uhren, Milch, Obst, Backzutaten und Zigaretten, einen Fotodruck-Automaten und Briefmarken.

Das Sortiment in dem Flachbau ist relativ groß: Fünf Doppelregale und Wandregale ringsum stehen in dem geräumigen Laden, vorn ist zudem eine Café-Ecke eingerichtet. Hier kocht Claudia Jacobs Eisbein, Sauerbraten, Grützwurst, Hausmannskost. Ab 12 Uhr stehen die Rentnerinnen aus der Gegend Schlange fürs „Essen wie bei Muttern“.

Es ist viel besser als bei Schlecker, sagt Claudia Jacobs. Sie ist 45 und schmeißt „Claudias Kiezladen“ zusammen mit ihrem Mann. Bei Schlecker, wo sie Marktleiterin war, hätte sie zum Beispiel niemals mit einer Journalistin in die Café-Ecke sitzen und über ihre Arbeit plaudern können. Sie kann das Sortiment genau an ihre KundInnen anpassen – deshalb die breite Auswahl –, „und ich muss nicht immer zur Tür gucken, ob da jemand reinkommt“.

Die Ex-Schlecker-Beschäftigte Claudia Jacobs führt jetzt einen „Kiezladen“ in Berlin. Knapp ein Jahr nachdem die Drogeriekette am 20. Januar 2012 ihre Insolvenz ankündigte, ist sie eine positive Ausnahme: Von 23.400 arbeitslos gemeldeten Ex-Schlecker-Beschäftigten haben nur 9.800 einen neuen Job.

Ex-Gesamtbetriebsratschefin Christel Hoffmann übt scharfe Kritik an Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). „Wir haben eine unglaubliche Arroganz und Scheinheiligkeit erlebt“, sagte sie der taz.

FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler und seine Länderkollegen hatten die Bürgschaft für eine Transfergesellschaft abgelehnt, in der die Beschäftigten sich hätten weiterqualifizieren können. „Sie wären dann auf dem Arbeitsmarkt schneller und zu anderen Bedingungen vermittelbar gewesen“, sagt Hoffmann.

Die bis jetzt Vermittelten seien meist in befristeten Teilzeit- oder Minijobs beschäftigt. „Von der Leyen hat in der gesamten Zeit nicht die Notwendigkeit gesehen, mit uns in Kontakt zu treten“, so die Betriebsrätin.

Die gefürchteten Schlecker-Kontrolleure, die unangemeldet kommen und den Laden inspizieren, das alles ist vorbei. Claudia Jacob ist eine Ausnahmeerscheinung, sie gehört zu einer Minderheit der Schlecker-Frauen. Von rund 23.000, die vergangenes Jahr ihren Job verloren, fanden nur 9.800 wieder eine Arbeit. Und: Sich selbstständig machen, das geht nicht so leicht.

Die praktisch gekleidete Frau mit den langen blonden Haaren und blauen Augen hatte das Startkapital für den Laden, weil sie in den Jahren zuvor noch nebenher Geld verdient und eisern gespart hatte: Gemeinsam mit ihrem Mann fuhr sie an den Wochenenden durch die Umgebung, um Haushalte aufzulösen. Sie ersteigerten Restposten per Ebay und verkauften alles auf dem Flohmarkt. „Andere sind am Wochenende baden gegangen, wir sind trödeln gegangen, so kam das“, sagt sie.

Knapp 80.000 Euro haben sie über die Jahre auf die hohe Kante gelegt. „Das war unser großes Glück“, so Jacobs. „Mit Krediten hätten wir das niemals gemacht“, wirft ihr Mann ein: „Nur ohne Schulden, das war unsere Devise.“

Ihr Geschäft liegt in einem Wohnviertel im Berliner Randbezirk Lankwitz. Sechsgeschosser wechseln ab mit Reihen- und Einfamilienhäusern. Regelmäßig geht die Ladentür auf, es ist nicht viel los an diesem frühen Nachmittag, aber es kommen doch stetig Kunden.

Bei Schlecker wachte Claudia Jacobs über zwei Mitarbeiterinnen, beide sind heute noch arbeitslos. „Ich wusste sofort, dass ich mich selbstständig mache“, sagt sie. Einer Mitarbeiterin bot sie an mit einzusteigen, doch die traute sich nicht. „Man muss ehrlich sein“, sagt Jacob, „viele haben das Startkapital nicht.“

Und? Ernährt der Laden die beiden Besitzer? Ja, sagen sie. Den Gewinn verraten sie nicht. Aber zwischen 500 und 1.000 Euro Umsatz kommen pro Tag zusammen. Ihr Plus ist das stetige Experimentieren: Der Fotodrucker ist zu teuer – er wird wieder abgeschafft. Auf Ebay ersteigern sie Ware für einen Weihnachtsmarkt „fürn Appel und ’n Ei“, sagt Mario Jacobs.

In ihrem riesigen Keller richten sie dann einen eigenen Weihnachtsmarkt ein, mit großem Gewinn. „Wir können beide nicht still sitzen“, beschreibt Claudia sich und ihren Mann. Seit vier Jahren sind sie zusammen, die Kinder aus der früheren Beziehung sind schon aus dem Haus.

Sie fühlen sich vom Schicksal geküsst: Beide sind am selben Tag geboren, im Sternzeichen Krebs. Zwei haben sich gefunden. Und ihren Job dazu.

Yvonne Bruder: Jetzt wird sie Erzieherin

Sie hatte gerade gedacht, es sei geschafft. Es sollte ein Ende haben, die unregelmäßige Belieferung, die Filialen, die geschlossen wurden. Ein Fax der Geschäftsführung verbreitete Erleichterung, die Wende sei geschafft.

Doch am nächsten Tag kamen Kunden in den kleinen Laden im bayerischen Schwabach und sagten: „Wie geht es Ihnen? Im Radio habe ich gerade gehört, dass der Schlecker Insolvenz angemeldet hat.“

Yvonne Bruder ist eine Rarität: Die 38-Jährige ist die Schlecker-Frau, die Erzieherin wird. Die christdemokratische Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte diese schöne Idee im Sommer nach der Pleite verkündet. Doch schon bald stellte sich heraus, dass die drei- bis vierjährige Ausbildung von der Arbeitsagentur nicht bezahlt wird. Nach zwei Jahren ist dort Schluss.

Yvonne Bruder hatte sich bei anderen Läden beworben, doch ob Spielwarenkette, ob Lebensmitteldiscounter: Der Lohn war erschreckend niedrig, oft war es nur die Hälfte ihres Schlecker-Lohns von 15 Euro. Und damit würde sie weniger als das Arbeitslosengeld erhalten.

Yvonne Bruder kommt aus dem Vogtland, nach der Wende wollte die Abiturientin Lehrerin werden. Doch sagte man ihr bei der Berufsberatung eine Lehrerschwemme voraus. „Ich habe mich abbringen lassen“, erinnert sie sich. Yvonne Bruder orientierte sich um, wurde Trainee bei Schlecker. 19 Jahre war sie insgesamt dabei. „Ich bereue das nicht“, sagt Bruder, „die Arbeit hat Spaß gemacht, vor allem der Kontakt mit den Kunden.“ Aber nach von der Leyens Ankündigung fand sie, die Pleite könne für sie persönlich auch zu einer Chance werden.

„Jetzt könntest du doch noch mal etwas Pädagogisches machen, dachte ich“, erzählt Bruder. Als die Arbeitsagentur ihr diesen Zahn gleich wieder ziehen wollte, ließ sie nicht locker. Schrieb an Ministerin von der Leyen. An den bayerischen Staat. Belagerte ihre Arbeitsagentur. Die Agentur sagte: geht nicht. Die Ministerien sagten: Wenden Sie sich an Ihre Agentur. Doch die Mails nach ganz oben zeigten dennoch Wirkung. Eines Tages rief der Berater Yvonne Bruder an: Sie bekäme den entsprechenden Bildungsgutschein.

Seit September besucht Yvonne Bruder eine Fachschule für Pädagogik. Ein erstes Praktikum im Hort einer Grundschule hat sie schon hinter sich. „Das hat mich bestätigt. Der Beruf ist richtig für mich: Den Kleinen bei ihrer Entwicklung helfen, basteln, bei den Hausaufgaben helfen, das hat mir alles großen Spaß gemacht.“

Ihr drittes Jahr ist zwar immer noch nicht finanziert, aber inzwischen plant die bayerische Staatsregierung ohnehin, die Ausbildung auf zwei Jahre zu verkürzen. Unter Umständen existiert das dritte Jahr gar nicht mehr, bis Yvonne Bruder dort angelangt ist. Damit könnte die Schlecker-Frau eine Vorreiterin werden: Das Land täte gut daran, die Ausbildung regulär als Umschulung anzubieten. Erzieherin, das ist der Mangelberuf der Zukunft.

Eileen Steiner: Noch nicht einmal Absagen

Zuerst ging es mir gar nicht so schlecht. Na gut, musste dich halt mal wieder bewerben, hab ich gedacht. Aber inzwischen ist das anders.“ Eileen Steiner dachte, eine Frau in ihrem Alter, 36 Jahre, mit einer abgeschlossenen Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, die kann es auf dem Arbeitsmarkt ja nicht so schwer haben. Die Berlinerin, Mutter dreier Kinder, meldete sich arbeitslos und bewarb sich: Rossmann, dm, Aldi, Lidl, Kräuter Kühne, ein Bioladen. Absagen. Noch nicht mal eine Einladung zum Gespräch.

Dann der Bahnhofskiosk: Ob sie um fünf Uhr morgens anfangen könnte? Kann sie nicht, morgens muss sie die Kleine für die Kita fertig machen. Wenn ihr Mann Nachtschicht bei den Wasserbetrieben hat, kommt er dafür zu spät. Sie fragte bei Büros nach freien Stellen und erhielt nicht mal eine Absage.

Eine Fortbildung zur Kommunikationsassistentin für Hörgeschädigte kam nicht zustande. In der Zeitarbeitsfirma riet man ihr, erst das Arbeitslosengeld auszureizen. Die 7,60 Euro, die sie in der Firma verdiene, lägen unter ihrem Arbeitslosengeld. „Ich habe unterschätzt, dass der Arbeitsmarkt im Handel überschwemmt ist mit entlassenen Kolleginnen. Die einen Job gefunden haben, sind jung oder haben keine Kinder – am besten beides. Die Unternehmen können sich die Rosinen rauspicken“, sagt sie. Dass sie als Betriebsrätin in der Öffentlichkeit aufgetreten sei, habe ihre Chancen sicher nicht erhöht.

Dann kam Ministerin Ursula von der Leyen mit ihrer Kita-Idee. Eileen Steiner zog zur Arbeitsagentur: Sie sei bereit für die Ausbildung. Für sie gebe es keine Bildungsgutscheine, so die Auskunft. Eileen Steiner begann, den Mut zu verlieren. Zu Hause zu sitzen „ist ja nicht wie Urlaub. Sie blicken da ins Unendliche. Manchmal saß ich dann nur da und habe geheult.“ Ihr Hobby, das Nähen, hat sie mittlerweile ausgebaut. Ob sie sich damit nicht selbstständig machen solle, fragt sie ihre Sachbearbeiterin. Die lächelt freundlich und rät entschieden ab. Kleinstgewerbe, von denen man nicht leben kann, kennt sie zur Genüge.

In sechs Monaten läuft das Arbeitslosengeld von Eileen Steiner aus. Hartz IV bekommt sie nicht, dafür verdient ihr Mann zu viel. Schon jetzt belastet sie, dass sie weniger eigenes Geld hat. „Den Mann bitten, einem Geld fürs Einkaufen zu geben, das finde ich schrecklich“, sagt sie.

Die Idee mit der Erzieherinnenausbildung hat sie nicht losgelassen, schließlich wird das Land bald Pädagoginnen brauchen. Man kann auch eine Lehre machen, direkt in einer Kita, hat sie inzwischen herausgefunden. Jetzt sucht sie gerade Kitas heraus, die Azubis nehmen. Dann hätte sie Lehrgeld – und eine Ausbildung. Wollen die eine 37-jährige Kauffrau als Lehrling? Keine Ahnung. Und wenn es nicht klappt? „Dann geh ich putzen“.

Das habe ich mit 16 schon mal gemacht, warum sollte ich das 20 Jahre später nicht wieder machen?“ Als würde das Leben dazwischen gar nicht zählen.

 

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