Ein Konzertbesuch bei Aretha Franklin

Die Queen kommt nicht zu dir

Aretha Franklin fliegt nicht, deshalb performt sie auch nie in Europa. Also besuchen wir die Königin des Soul im Caesar’s Palace von Windsor!

Aretha Franklin singt ins Mikro, trägt graue Mütze, Schal und Handschuhe

Aretha Franklin performt bei der Einführungszeremonie von Obama im Capitol im Januar 2009. Foto: ap

Noch kein Ton ist erklungen, da hat sich die Reise schon gelohnt. Neunzehn Minuten nach 21 Uhr kommt sie aus den Kulissen, schleppt zu energischen Schritten einen wirklich sehr langen Pelz hinter sich her, als sei das Stück ein Wischmopp: Aretha Franklin. 73 Jahre, ein Monument nicht nur der amerikanischen Popgeschichte, ein lebendes Denkmal aus einer Zeit, als dunkelhäutige Bürger und Bürgerinnen in Omnibussen hinten, von Weißen separiert, sitzen mussten, eine Königin des Soul, eine Freundin der Obamas nebenbei und Heldin der Bürgerrechtsbewegung seit den frühen sechziger Jahren.

5.000 Zuschauer geben viel Applaus – und dann lässt Ms Franklin ihr Kleidungsstück hinter sich mit der nachlässigsten Geste, die sich überhaupt nur denken lässt, fallen. Einfach so. Kein Garderobier nimmt das wahrscheinlich ziemlich teure Teil entgegen. Offenbar ist es nicht zugig auf der Bühne. Neulich, am 6. Dezember, als sie zur Ehrung von Carole King im Kennedy Center von Washington deren „(You Make Me Feel) Like a Natural Woman“ darbot, trug sie auch schon Pelz – um einem Reporter hernach zu sagen, ach, da möge man sich nichts denken, aber es ziehe einfach oft auf Bühnen … Kaum hatte sie dieses in Tierschützerkreisen verpönte Kleidungsstück hinter sich gelassen, hüpfte sie ein paar Schrittchen zur Mitte, um zwei ziemlich beeindruckende Stunden zu performen.

Und das in Windsor – einer definitiv unansehnlichen 300.000-Einwohner-Hölle am Detroit River am allerletzten Zipfel von Kanada. Im Caesar’s Palace, wie in Atlantic City und Las Vegas ein Mekka von Daddelautomaten, Roulettetischen und Black-Jack-Runden. Nimmt man Windsors Schnapsfabriken noch hinzu, darf man sagen: eine Stadt, die von dem lebt, was auf der anderen Seite des Flusses verboten ist. Aretha Franklin kam die Offerte, dort einen Abend zu bestreiten, gewiss recht, denn sie fliegt nicht, bewegt sich am liebsten gar nicht aus ihrem Haus in Detroit auf der anderen Seite des Flusses. Für dieses eine ihrer seltenen Konzerte brauchte sie also nur mit einer 20-Meter-Stretchlimousine geschätzt fünf Kilometer zu einem schönen Abend zu fahren.

Insofern: Nach Europa kommt sie nie. Flugangst. Alles, was unter ihr höher als sechs Meter freien Fall androht, meidet sie. Und sie muss ja auch nicht. Nach Washington, wie 2009 zur Inaugurationsfeier Barack Obamas, lässt sie sich fahren. Auch nach North Carolina, nach Florida – aber Windsor, das ist die Gelegenheit zum Nachbarschaftsbesuch. Ihr Orchester – oh, ja, 20 Leute machen ihre Combo aus, nichts an Tönen aus dem Computer. „Aretha, Aretha“, rufen beim ersten Lied einige Zuschauer beglückt.

Und sie winkt sehr gut aufgelegt, freut sich, und man glaubt aus nächster Nähe ihrer guten Laune: In dunklem, bis zum Knie geschlitzten Kleid bestreitet sie die erste Hälfte des Programm, zunächst, es ist ja der Abend vor dem Valentinstag, eine ausgesprochen beeindruckende Fassung von „My Funny Valentine“, dann auch Hits wie „Chain of Fools“, „Respekt“, Hymne der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre, später auch „There’s No Business Like Showbusiness“.

Alles, was unter ihr höher als sechs Meter freien Fall androht, meidet sie. Und sie muss ja auch nicht.

Es ist ja nicht so, dass Europäer wie wir, angereist aus Berlin und Hamburg, nicht zermürbt wären vom schlimmen CO2-Fußabdruck, den man hinterlässt, um die musikalisch in jeder Hinsicht genialische Ms Franklin einmal live zu erleben. Aber andere haben auch Mühen auf sich genommen.

Etwa die beiden Frauen neben uns, die in letzter Minute ihre Plätze einnahmen, weil zwischen Toronto, wo sie leben, und Windsor ein Blizzard den Autoverkehr fast zum Erliegen brachte. Aber Deborah Sinclair sagte uns nur: „Wir, meine Freundin und ich, hatten keine Wahl. Weiß man denn, dass es vielleicht nicht ihr letztes Konzert sein würde?“ Aretha Franklin, in der Tat, war in den letzten Jahren öfter ziemlich krank. Bald 74 Jahre – ein Alter, das nicht auf Ewigkeit hindeutet.

Extrem teenagerhaft

Aber jetzt, auf der Bühne, tollt sie sich fast wie ein Teenager. Hoppelt manchmal hin und her, rafft, vor allem im zweiten Teil, als sie in einem Gebirge aus Tüll erscheint, die Textilien, um nicht über die Stoffbahnen zu stolpern. Lässt sich die, schätzungsweise, Vier-Zentimenter-Pumps, ausziehen, um den Rest des Abends barfuß zu performen. Neben sich, man weiß ja nie, ob die Garderobe wirklich gut bewacht ist, ihre Handtaschen, eine pinke und eine babyblaue, beide im Kastenformat.

Das alles hat so etwas extrem Teenagerhaftes, dass es ein Glück auch zum Angucken ist. Ihre Haare leicht omahaft wellig, nicht in Gel gebacken wie neulich vor ihrem Präsidenten und seiner Frau – Arethas Franklin zeigt sich sozusagen so, wie sie zu sein scheint. Eine Musikerin, der ein absolutes Gehör attestiert wird, die Klavier spielen kann und die Tasten mit ihren Händen behämmert. Ihr Gesicht ist in fast jeder Sekunde auf zwei riesenhaften Screens zu sehen – eine alte Frau eben, die durch ihre Kunst, mit jeder Falte, mit jeder Geste, frisch und erfrischend wirkt.

Es ging ja immer um ihre Personality. Um ihre Art des Singens. Die allermeisten ihrer Lieder, die sie eingespielt hat, sind nicht von ihr im Original hervorgebracht worden. Denn gewisse Besuche dürfen keinen Aufschub dulden. „(You Make Me Feel) Like a Natural Woman“, „Respect“, „A Change Is Gonna Come“ oder „Oh No, Not My Baby” – das haben andere vor ihr gesungen, sie war die Coverkönigin, aber nennte man sie so, wäre das ein abstruses Missverständnis.

Ms Franklin hat auch Frank Sinatras „My Way“ gesungen, aber wie bei allen anderen Songs war ihr Verfahren, Cover zu singen, immer das gleiche: Sie hat durchweg alles an Vorgängertum hinter sich gelassen, den Stoff sozusagen auf das Schnellste kompostiert und aus dem Humus ihr eigenes Werk geschaffen. „Let It Be“ zählt auch hierzu, ebenso „Bridge Over Troubled Water“ – in ihren Versionen bekamen die Lieder würdigen Ingrimm und unabgefuckten Zauber. „My Way“ hat durch sie nicht mehr diese gerontoide Weinerlichkeit, diese Sentimentalität in eigener Sache: Aretha Franklin hat auf den Trümmern, die sie selbst aus dem Lied machte, ein zorniges Bekenntnis gestrickt: Hier bin ich, das war ich, und ich wollte nicht anders.

Hier bin ich, das war ich, und ich wollte nicht anders.

So gibt sie, für US-Entertainment eher ungewöhnlich, gar zwei Zugaben. Lässt sich erweichen, noch ein Lied zu singen, streckt ihre in der Tat sehr wuchtigen, faltigen Arme nach oben, animiert das Publikum zum Mitgrooven. Sitzt wieder am Klavier und schwenkt das Mikro mit huldvoller Armbewegung zum verzückten Publikum: In ihrem Blick könnte man so etwas mit Lust an der Vorstellung lesen, da kältelt keine Diva, da macht sich eine Laune, weil ihr gerade danach ist. Und verschwindet schließlich ganz.

Auf der Höhe ihrer Jahre

Sie kaschiert nichts, sie hat, so bekannte sie in einem Interview einmal, von Gott eine Musikalität geschenkt bekommen, die sie gern zeigt – sofern sie, wie erwähnt, hierfür nicht in ein Flugzeug steigen muss. Nur Toningenieure könnten hören, dass ihre Vokalisen einen Hauch an Kraft eingebüßt haben, etwa im Vergleich mit den Siebzigern. An diesem Abend, in Windsor, diesem Palast für Spielsüchtige, ist sie auf der Höhe all ihrer Jahre. Scheu winkt sie ein letztes Mal, guckt fast leutselig in die Arena – und geht.

Das Orchester spielt noch eine Weile, ein Bühnenmitarbeiter holt ihre Handtaschen und ihre Schuhe von der Bühne, Licht an. Und dann? Aus dem Hotelfenster gestarrt mit Gin-Tonic. Auf Detroit. Waren wir wirklich da, bei der Königin? Aber ja! Denn da sehen wir, aus dem 16. Stock des Caesar’s, die Stretchlimousine der Queen nach Hause fahren!

24. März, Saint Augustine, Florida

29. März, Sarasota, Florida

19. Mai, Durham, North Carolina

Morgen erst geht es weiter, mit dem Zug nach Toronto, dort minus 25 Grad, zum Valentine’s Day, dann mit dem Flieger nach Berlin über Zürich, trotz eigener Flugangst, am Ende nach Bus, U-Bahn und Zug nach Neukölln und Harverstehude? Was hatten wir Deborah und ihrer Freundin geantwortet, die drei Mal etwas bang fragten: „Was it worth to come over the ocean?“ – „Oh, yes, indeed.“ Many hugs! Denn gewisse Besuche dürfen keinen Aufschub dulden.

 

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