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Epstein FilesWenn ein Presseausweis wichtiger ist als die Opfer

Ein deutscher Presseausweis für Ghislaine Maxwell sorgt für Aufregung – über die von Epstein ausgebeuteten Frauen und Mädchen wird deutlich weniger gesprochen.

Amtliche deutsche Presseausweise: nur für hauptberufliche Jour­na­lis­t*in­nen bei entsprechendem Nachweis Foto: imago

D ie von der US-Justiz ins Netz gekippten neuen Epstein-Akten haben es in sich. Donald Trump kommt über 38.000-mal drin vor, was bislang aber mal wieder komplett an ihm abprallt. In Großbritannien ist weniger Teflon. Hier wackelt Premierminister Keir Starmer, weil er wusste, dass sein früherer Labour-Parteifreund Peter Mandelson viel tiefer und länger im Epstein-Sumpf steckt. Aber Starmer schickte ihn trotz dieses Wissens erst mal als britischen Botschafter an den Hof des Donald Trump.

Deutsche Medien ergötzen sich derweil am bizarren Umstand, dass Epsteins einstige Freundin und Helferin Ghislaine Maxwell offenbar mal einen deutschen Presseausweis besaß. „Über solche Formalitäten echauffieren sie sich, aber nehmen das nicht zum Anlass, noch stärker auf die Opfer zu achten und ihnen eine Stimme zu geben“, sagte die Mitbewohnerin.

Wobei auch das mit dem Ausweis ungenau ist. In den Akten ist ein Ausweis der International Federation of Journalists (IfJ), also eines internationalen Dachverbands aufgetaucht, auf dem als „Heimatverband“ von Maxwell die Deutsche Journalisten Union (DJU) bei Verdi genannt ist.

Mit Presseausweisen kenne ich mich aus, ich bin ehrenamtlich Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbands (DJV) für Berlin und Brandenburg. Wie die Kol­le­g*in­nen der DJU gibt auch der DJV den sogenannten bundeseinheitlichen Presseausweis aus. Bundeseinheitlich heißt das Ding, weil es den Segen von Presserat und Bundesinnenministerkonferenz hat. Bekommen können ihn deshalb auch nur hauptberufliche Jour­na­lis­t*in­nen bei entsprechendem Nachweis. Allerdings ist das erst seit 2018 wieder so. Zuvor gab es den hochwertigeren Ausweis.

Ausweis nicht mal unterschrieben

Genau in diese Zeit fällt die IFJ-Karte von Ghislaine Maxwell, die laut den zirkulierenden Bildern eine Laufzeit bis zum 15. 9. 2017 hatte und die nicht mal von Maxwell unterschrieben zu sein scheint. Da die internationalen Ausweise zwei Jahre gelten, muss ihn Maxwell also im Herbst 2015 beantragt haben. Nun ist die IFJ eh so eine Sache. Der DJV ist dort 2023 nach langen Diskussionen ausgetreten, die Gründe waren mit „Intransparenz, einsamen Entscheidungen der IFJ-Spitze und undemokratischem Verhalten“ nicht von Pappe.

Gegen Maxwell selbst liefen schon seit 2015 Ermittlungen der US-Justiz. Damals tauchte sie so gut ab, dass ihr Gerichtsdokumente nicht zugestellt werden konnten und niemand wusste, wo sie war. Sich jetzt darüber zu mokieren, dass dafür ausgerechnet der Presseausweis ankam, ist billig.

Und leider genau das Muster, das immer noch viel zu oft bei der Berichterstattung über sexualisierten Machtmissbrauch vorkommt. Die Frage, wo der Presseausweis herkommt und wie echt er ist, bringt rein gar nichts. Sorgt aber dafür, dass die Geschichten der wirklich Betroffenen, also der von Epstein und Maxwell ausgebeuteten Frauen und Mädchen nach hinten rutschen.

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Steffen Grimberg
Medienjournalist
2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, ab 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Seit Juni 2023 Leitung des KNA-Mediendienst. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"
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2 Kommentare

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  • Ich fürchte, die Flut an unbedeutenden Nebensächlichkeiten verdeckt, dass die Täter nicht vor Gericht kommen.

    Statt die Aufmerksamkeit darauf zu richten, wer wen kannte, wer welches Konto oder welchen Ausweis hatte, sollte man sich endlich darauf konzentrieren, wer von den "Partys" wusste und wer daran teilnahm. Und dann diese Verbrecher hinter Schloss und Riegel bringen.

  • Exakt. Nebenstraße.



    Können wir wieder mal kurz das mit Trump klären?



    Flood the zone with ... investigative journalism!