Ernährungsberaterin über das Internet

„Wir leben in einem Schlaraffenland“

Früher lieferten Frauenzeitschriften Ernährungstipps und schlechte Laune, heute gibt es Instagram und Foodblogger. Eva-Maria Endres erforscht die Wirkung.

Foto eines Smartphones, das einen Tisch voller Essen fotografiert, der ebenfalls zu sehen

Und dann ist das Essen kalt! Foto: Steve Daniel/unsplash.com

taz am wochenende: Frau Endres, machen Sie manchmal Fotos von Ihrem Essen und stellen sie auf Instagram?

Eva-Maria Endres: Ab und zu. Das macht ja auch Spaß. Allerdings finde ich es grundsätzlich zu zeitaufwendig und vergesse über einem guten Essen häufig, Fotos und Posts zu machen.

Sie beobachten schon länger, wie sich das Thema Ernährung auf Facebook, Instagram, Twitter und Co. spiegelt und haben dazu auch ein Buch geschrieben.

Als ich 2013 damit begann, war das Thema noch recht unerforscht, es gab elf Studien dazu. 2018 waren es schon über 200. Ich habe versucht, diese Studien zusammenzufassen und daraus Schlüsse zu ziehen.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Man kann fünf Themenbereiche abgrenzen. Neben gesunder Ernährung sind das: Übergewicht und Abnehmen. Essstörungen. Ökologie und Nachhaltigkeit. Und Genuss, aber das ist in der Wissenschaft ein vergleichsweise kleines Segment. Was ich interessant finde: In all diesen Bereichen wird völlig unterschiedlich kommuniziert.

Nämlich?

Beim Thema gesundes Essen ist es beispielsweise extrem moralisch. Es werden innerhalb der Community sehr restriktive Regeln propagiert, teilweise noch strenger als etwa die Ernährungsmaßgabe der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Über Verstöße wird fast nicht berichtet, und falls doch, dann gleich über die Sühne, die man sich selbst auferlegt hat – eine halbe Stunde auf dem Laufband oder Ähnliches.

Das klingt nicht unbedingt gesund.

Nehmen wir den Hashtag #fitspiration. Auf Instagram werden dazu Bilder von einem gesunden Lebensstil gepostet, meist von sehr durchtrainierten Körpern. Es gibt Studien dazu, die Wissenschaftler haben sich gefragt: Was passiert mit Menschen, die dem Hashtag über einen längeren Zeitraum folgen?

Ernährungs­wissen­schaftlerin und Gründerin von Diderot, einem Begegnungsort für Esskultur in Berlin. Eva-Maria Endres’ Buch ­„Ernährung in Sozialen Me­dien: Inszenierung, Demokrati­sierung, Trivialisierung“ ist 2018 im Springer VS Verlag erschienen.

Und, was passiert?

Es führt dazu, dass man ein schlechteres Selbstwertgefühl hat, dass man sich hässlicher findet. Und auch dazu, dass es eine Tendenz zu Essstörungen gibt.

Früher haben so etwas Frauenzeitschriften gemacht.

Und jetzt passiert so etwas im Internet. Das Problem ist: Soziale Medien vermitteln einen Eindruck von Authentizität, alles wirkt wie aus dem echten Leben. Dabei werden hier inzwischen Fotos genauso gephotoshoppt wie in Hochglanzmagazinen. Der Einfluss der sozialen Medien darauf, wie Schlankheitsideale in der Gesellschaft propagiert werden, ist enorm.

Haben auch die Fake-Infos über Ernährung zugenommen?

Ja, eindeutig. Es gibt immer mehr Laien, die die Bevölkerung über Ernährung beraten. Foodblogger schreiben inzwischen auch Ernährungsratgeber. Oft haben sie aber keinen fachlichen Hintergrund, sondern nicht viel mehr als ihre eigenen Erfahrungen.

Ernährungsberater haben deswegen aber nicht weniger Arbeit.

Nein, nur treffen sie auf Menschen, die oft schon eine monatelange Selbsttherapie mit Unterstützung des Internets hinter sich haben. Wer Probleme mit seiner Ernährung hat, geht heute erst im letzten Schritt zum Arzt und dann zur Ernährungsberatung.

Dort kommt dann erst mal das gesamte Halbwissen auf den Tisch …

… und als Ernährungsberaterin ist man dann erst einmal damit beschäftigt, all die Fehlinformationen auseinanderzuklamüsern. Gerade bei Menschen mit ernsthaften Problemen, mit einer Essstörung, starkem Übergewicht oder einer diagnostizierten Zöliakie, trägt es nicht dazu bei, dass sie sich sicherer fühlen und ihr Essverhalten verbessern können, sondern es sorgt für viel mehr Verwirrung. Als ich anfing, mich mit den sozialen Medien zu beschäftigen, war meine Hoffnung die, dass Ernährungskommunikation hier besser funktionieren könnte, verbraucherfreundlich, alltagsnäher. Anschaulicher, zum Beispiel, indem man Rezepte teilt. Aber so positiv ist es leider nicht. Das hat auch mit den Kommunikationsmechanismen zu tun.

Was haben Sie dazu herausgefunden?

Ich habe mal geschaut, wer auf Facebook die Hauptakteure im Ernährungsbereich sind. Dort geben vor allem die NGOs den Ton an, große wie Greenpeace, WWF oder Foodwatch, aber auch viele kleinere. Solchen Organisationen gelingt es, plakativer, skandalträchtiger, markanter zu formulieren, leider manchmal auch näher an der Grenze zur Unsachlichkeit. Für die Wissenschaft, aber auch für Behörden ist es viel schwieriger, hier eine Sprache zu finden, die gehört wird. Es gibt keine Waffengleichheit.

Ohne Skandalisierung geht es oft kaum.

Leider. Das Publikum ist inzwischen sehr für Skandale sensibilisiert, es gibt geradezu eine Erwartungshaltung. Darauf reagieren die Akteure. Ernährungsdiskurse werden deshalb immer weniger auf einer sachlichen, entspannten Ebene geführt, auch in klassischen Medien. Es ist zwar wichtig, auch die Lebensmittelindustrie infrage zu stellen, die Produktionstechniken, Verbesserungen zu fordern. Und natürlich können unsere Lebensmittel noch viel gesünder werden, aber man muss sich auf der anderen Seite auch mal vor Augen führen, dass unsere Lebensmittel so sicher sind wie noch nie. Wir leben in einem Schlaraffenland. Da haben viele den Bezug zur Realität verloren.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Das ist ein ernüchterndes Fazit. Haben Sie denn auch positive Aspekte gefunden?

Ja, etwa im Themenbereich Übergewicht und Abnehmen. Übergewichtige sind mittlerweile die mit am stärksten diskriminierte Bevölkerungsgruppe. Sie haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zu sich selbst: Es gibt da Blogger, die sehr dafür eintreten, dass Übergewicht und Übergewichtige in der Gesellschaft eher anerkannt werden – ein sehr emanzipativer Gestus. Gleichzeitig wollen viele auch abnehmen und setzen sich eine Challenge, die sie online dokumentieren. Gerade dieser Bereich ist ein Beispiel dafür, dass man auch anders in den sozialen Medien kommunizieren kann.

Wie ist hier der Tonfall?

Es gibt Blogs, in denen übergewichtige Menschen teilweise über fünf oder zehn Jahre beschreiben, wie sie abzunehmen versuchen, wie sie auch Rückschläge erleben. Diese Blogger haben eine Community aufgebaut, die sie seit Jahren begleiten, es entwickeln sich feste Freundschaften und ein stabiles Netzwerk. Hier ist die Kommunikation ganz anders, viel verständnisvoller. Da ist es eben nicht so schlimm, wenn man mal ein Stück Schokotorte isst, da gehören Rückschläge dazu. Zu wissen, es stehen Leute hinter einem, die einen auch auffangen, wenn man doch wieder fünf Kilo zugenommen hat, ist ganz wichtig, wenn man abnehmen will. Das eröffnet enorme Therapiemöglichkeiten, etwa für den Bereich Adipositas.

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