Ex-Läufer Jan Fitschen zu Olympia

„Leistungssprünge sind möglich“

Der frühere EM-Titelträger über 10.000 Meter glaubt, dass auch ohne Dopingmittel neue Rekorde fallen können. Der Trainingsmethodik wegen.

Chepngetich Kipyegon reckt ihre Fäuste nach oben

Im Blickpunkt: Chepngetich Kipyegon nach ihrem Olympiasieg über 1.500 Meter Foto: dpa

taz: Herr Fitschen, als einstiger Europameister über 10.000 Meter haben Sie ein Auge für die von den Afrikanern dominierten Laufwettbewerbe in Rio. Hat Sie etwas überrascht?

Jan Fitschen: Eigentlich gar nichts so sehr. Dass Ruth ­Jebet, die Kenianerin, die für Bahrain startete, den 3.000 Meter Hindernislauf früh von der Spitze aus gelaufen und gewonnen hat, war schon bemerkenswert. Spielen sie auf etwas Besonderes an?

Ja, auf den 10.000-Meter-Weltrekord der Äthiopierin Almaz Ayana, der um 14 Sekunden unter der bis dahin gültigen Bestmarke lag.

Für mich war das keine Riesenüberraschung. Letztlich war auch das nur eine Frage der Zeit, wann dieser fällt.

Warum?

39, ist ein ehemaliger deutscher Langstreckenläufer. Er war 2006 Europameister im 10.000-Meter-Lauf.

Die Trainingsmethodik verfeinert sich immer mehr. Gerade in Kenia und Äthiopien hat sich in Sachen Infrastruktur viel getan. Wenn diese unglaublich guten Athleten zum Beispiel auch physiotherapeutisch optimal betreut werden, sind natürlich noch Leistungssprünge möglich.

Aber 14 Sekunden schneller sind doch schon erstaunlich.

Die Rekorde der Frauen haben auch etwas mit dem Umdenken in den afrikanischen Ländern zu tun. In Kenia etwa galt lange: Die Männer verdienen das Geld, die Frauen kümmern sich um das Haus und die Kinder. Mittlerweile werden reine Frauenteams aufgebaut. Man hat gemerkt, dass durch die geringere Konkurrenzsituation bei den Frauen schneller größere Erfolge zu erzielen sind.

Sie haben etliche Trainingslager in Kenia absolviert und ein Buch „Wunderläuferland Kenia“ geschrieben. Warum ist dieses Land auch in Rio wieder so erfolgreich?

Läufer haben in Kenia einen unglaublichen Stellenwert. Es gibt Tausende von Athleten, die das Lebensziel haben, schnell zu rennen und damit ihr Geld zu verdienen. Es kommen noch viele andere Gründe dazu.

Zum Beispiel?

Bei bestimmten Stämmen in Kenia findet man viele Menschen mit einem idealen Körperbau für Langstreckenläufer. Sie sind sehr dünn, sehnig und leicht. Und die Motivation ist sehr groß, wenn man aus ökonomisch schlechten Verhältnissen kommt. Zudem ernähren sich die Kenianer besser, es gibt nicht so viel Fast Food.

Viele denken gerade auch beim jüngsten Weltrekord der Äthio­pierin über 10.000 Meter an Doping.

Nach den Enthüllungen über Russland und Kenia denkt man automatisch daran. Ich bin aber überzeugt, dass die meisten Athleten auch in Kenia mit sauberen Mitteln arbeiten.

Kenia steht auf der Doping­sünderliste an Nummer 2 hinter Russland. Zu Unrecht?

Ich glaube nicht, dass man da eine Rangliste aufstellen kann. Nur die Recherchen des Journalisten Hajo Seppelt haben zu den Enthüllungen geführt. Wer weiß, was herausgekommen wäre, hätte er sich woanders umgeschaut.

Die Versuchung zu dopen ist in wirtschaftlich ärmeren Ländern größer, schreiben Sie in ihrem Buch.

Doping ist durch nichts zu rechtfertigen, aber wer wird in Deutschland Läufer, um Geld zu verdienen? In Russland sind die Athleten zum Beispiel oft Zwängen ausgesetzt und ­trotzdem stehen sie am Pranger. Viel schlimmer sind die Strukturen, die dahinterstehen.

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Vom 5. bis zum 21. August 2016 fanden in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele statt. Die taz war dabei, in den Stadien und Hallen, aber auch auf den Straßen und hinter den Kulissen.

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