Ex-Studentenführer Tariq Ali

"Renegaten sind in jeder Regierung"

Mick Jagger schickte ihm den Song "Street Fighting Man" 1968 und schrieb "Für dich", sagt Ex-Studentenführer Tariq Ali. Heute untersucht er, was von 1968 bleibt. Ein Rückblick

Tariq Ali auf Anti-Vietnamkriegsdemo 1966 in London  Bild: ap

Ein Sturm fegte 1968 über die Welt hinweg. Er kam auf in Vietnam, wehte dann nach Asien hinüber und überquerte schließlich das Meer und die Gebirge in Richtung Europa und darüber hinaus. Abend für Abend konnte man im Fernsehen einen brutalen Krieg sehen, den die USA gegen ein armes südostasiatisches Land führten. Der geballte Effekt des Zusehens, wie die Bomben fallen, Dörfer in Flammen aufgehen und ein ganzes Land in Napalm und Agent Orange getaucht wird, löste eine Welle weltweiter Revolten aus, die man in diesem Ausmaß weder jemals zuvor, noch danach wieder erlebt hat. Wenn es den Vietnamesen gelang, das mächtigste Land der Welt zu schlagen, sollten wir doch wohl auch in Lage sein, unsere eigenen Herrscher zu schlagen - so die vorherrschende Stimmung unter den Radikaleren der 60er Generation.

Der Song "Street Fighting Man" der Rolling Stones gilt als der Song der Revolte von 1968.

Wer ist der Street Fighting Man?

Dass Jagger den Song inspiriert von einer Anti-Vietnam-Demo in London und Mai 1968 in Paris geschrieben hat, ist unstrittig. Aber ist mit dem "Street Fighting Man" der britische Studentenführer Tariq Ali gemeint?

"Ja", sagte Ali der taz. "Jagger schrieb SFM nach der Anti-Vietnam-Demonstration im Mai 1968, bei der uns Polizisten auf Pferden jagten. Jagger fand, dass wir unsere eigene rote Kavallerie brauchten, mit 5.000 Pferden, um gegen die Polizei kämpfen zu können. Das ging aber nicht. Er schrieb dann stattdessen einen Song und sandte ihn mir mit den Worten: "Für dich. Bitte publiziere den Text im Black Dwarf … die BBC hat den Song zensiert."

Als Single kommerziell mäßig erfolgreich. Chartplatzierungen: 48 (USA), 21 (UK).

Erschienen auf dem Album "Beggars Banquet" (1968) - als 1. Song der B-Seite.

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Im Februar 1968 starteten die Vietnamesen ihre berühmte Tet-Offensive, bei der US-Truppen in jeder großen südvietnamesischen Stadt angegriffen wurden. Das große Finale bildete der Anblick von vietnamesischen Guerilleros, die die US-Botschaft in Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt) besetzten und ihre Flagge vom Dach wehen ließen. Fraglos handelte es sich dabei um ein Himmelfahrtskommando, doch um ein unglaublich mutiges. Die Wirkung blieb nicht aus. Zum ersten Mal wurde einem Großteil der US-Bürger bewusst, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Die Ärmeren unter ihnen brachten Vietnam in jenem Sommer mit einer Revolte gegen Armut und Diskriminierung mit nach Hause, in der die schwarzen Ghettos aller US-Großstädte explodierten, wobei die heimgekehrten schwarzen GIs eine wesentliche Rolle spielten.

Der einzelne Funke setzte die Welt in Brand. Im März 1968 gingen die Studenten der Universität Nanterre auf die Straße und die Bewegung des 22. März war geboren mit direkt zwei Daniels (Cohn-Bendit und Bensaïd, damals Studenten in Nanterre und beide heute noch an grüner bzw. linker Politik beteiligt), die den französischen Löwen herausforderten: Charles de Gaulle, der kühle monarchische Präsident der Fünften Republik, der in einem kindischen Ausbruch die Ereignisse in Frankreich, die ihm beinah den Kopf kosteten, als "chie-en-lit" - "Bettscheißerei" - bezeichnete. Die Studenten begannen mit der Forderung nach Universitätsreformen und gingen dann über zur Revolution.

Im selben Monat marschierte in London eine Anti-Vietnamkriegs-Demonstration vor die US-Botschaft am Grosvenor Square. Sie sollte gewalttätig enden. Wie die Vietnamesen wollten auch wir die Botschaft besetzen, aber berittene Polizei wurde eingesetzt, um die Festung zu schützen. Es kam zu Zusammenstößen und nachdem US-Senator Eugene McCarthy Bilder davon gesehen hatte, verlangte er das Ende eines Krieges, der unter anderem dazu geführt habe, dass sich "unsere Botschaft in Europas freundlichster Hauptstadt" unter ständiger Belagerung befände. Verglichen damit wie es andernorts gärte, war Großbritannien ein Nebenschauplatz. (" in sleepy London Town theres just no place for a street fighting man", würde Mick Jagger im Laufe jenes Jahres singen): Universitätsbesetzungen und Randale am Grosvenor Square stellten keine ernste Gefahr für die Labour-Regierung dar, welche die USA unterstützte, sich jedoch weigerte, Truppen nach Vietnam zu entsenden.

In Frankreich befand sich der existenzialistische Philosoph Jean-Paul Sartre auf dem Höhepunkt seines Wirkens. Anders als die stalinistischen Apologeten argumentierte er, es bestünde kein Grund dafür, sich für das Glück von morgen zum Preis von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Elend heute zu rüsten. Was gebraucht würde, wäre eine Verbesserung jetzt.

Bis Mai hatte der Aufstand der Studenten von Nanterre Paris und die Gewerkschaften erreicht. Wir bereiteten gerade die erste Ausgabe des Black Dwarf vor, als es am 10. Mai zum Ausbruch in der französischen Hauptstadt kam. Jean-Jacques Lebel, unser tränen-vergaster Pariser Korrespondent, gab alle paar Stunden telefonisch neue Meldungen durch. Er berichtete uns: "Ein bekannter französischer Fußballkommentator ist ins Quartier Latin entsandt worden, um über die nächtlichen Ereignisse zu berichten und meldete, ,Jetzt greift die Bereitschaftspolizei CRS an, sie stürmt die Barrikade - oh mein Gott! Da tobt eine Schlacht. Die Bewohner werfen aus ihren Fenstern Sachen auf die CRS - oh! Die Polizei schlägt zurück und schießt Granaten in die Fenster der Wohnungen ' Der Produzent unterbricht: ,Das kann nicht wahr sein, die CRS würde so etwas doch nie tun!' - ,Ich berichte nur, was ich sehe ' Seine Stimme bricht ab. Sie haben ihn aus de Leitung geworfen."

Es gelang der Polizei nicht, das Quartier Latin, das nunmehr in das Heroische Quartier Vietnam umbenannt worden war, zurückzuerobern. Drei Tage später besetzte eine Million Menschen die Straßen von Paris und verlangte, der Fäulnis des Staats ein Ende zu setzen, und kleisterte die Wände voll mit Slogans wie: "Verteidigt die kollektive Phantasie", "Unter dem Pflaster liegt der Strand", "Konsum ist Opium für das Volk, Revolution ist die Ekstase der Geschichte".

Eric Hobsbawm schrieb im Black Dwarf: "Frankreich beweist, wenn jemand zeigt, dass Menschen nicht machtlos sind, fangen sie möglicherweise wieder an zu handeln."

Ich hatte geplant, nach Paris zu fahren - wir hatten in der Zeitung darüber gesprochen -, aber dann erhielt ich spät abends einen Telefonanruf. Eine geschliffene Stimme sagte: "Sie wissen nicht, wer ich bin, aber verlassen Sie nicht das Land, bevor ihre fünf Jahre hier voll sind. Andernfalls wird man Sie nicht wieder einreisen lassen." Damals erhielten die Bürger der Mitgliederstaaten des Commonwealth automatisch nach fünf Jahren die britische Staatsbürgerschaft. Mein fünfjähriger Aufenthalt war jedoch erst im Oktober 1968 vollendet. Einige Minister des Labourkabinetts hatten bereits öffentlich darüber nachgedacht, ob ich nicht abgeschoben werden könnte. Befreundete Anwälte rieten ebenfalls, das Land nicht zu verlassen.

Ich fuhr dann erst ein Jahr später, um Alain Krivine, einen der Führer des Mai 68, als Kandidat für die Ligue Communiste Révolutionnaire bei den Präsidentschaftswahlen zu unterstützen. Als wir nach der Rückkehr von einer Kundgebung in Toulouse am Flughafen Orly landeten, umstellte französische Polizei das Flugzeug. "Ich hoffe, die meinen dich und nicht mich", brummte Krivine. So war es denn auch. Man übergab mir eine Verfügung, die mir die Einreise nach Frankreich verbot und über viele Jahre hinweg, bis zur Wahl von François Mitterrand, in Kraft blieb.

Es kam zwar nicht zur Revolution, doch die Ereignisse erschütterten Frankreich. De Gaulle, mit historischem Gespür, erwog einen Staatsstreich: Anfang Juni flog er von einem Militärstützpunkt nach Baden-Baden, wo die französischen Truppen stationiert waren, um in Erfahrung zu bringen, ob er auf ihre Unterstützung zählen konnte, sollte Paris in die Hände der Revolutionäre fallen. Sie erklärten sich bereit dazu, verlangten jedoch die Rehabilitierung jener ultrarechten Generäle, die de Gaulle gefeuert hatte, weil sie sich dem Abzug aus Algerien widersetzt hatten. Der Handel wurde geschlossen. Allerdings schlug de Gaulle seinen Innenminister auf die Finger, als dieser Sartre belangen wollte: "Voltaire verhaftet man nicht", befand er.

Das französische Beispiel veranlasste Moskauer Bürokraten ebenso zu Sorge wie die herrschenden Eliten im Westen. Widerspenstige und undisziplinierte Menschen mussten auf Vordermann gebracht werden. Robert Escarpit, ein Korrespondent von Le Monde, schrieb am 23. Juli 1968: "Ein Franzose wird im Ausland leicht wie ein Rekonvaleszent von einem bösartigen Fieber behandelt. Und wie kam es zu dem Ausschlag der Barrikaden? Wie war die Temperatur um 5 Uhr am Nachmittag des 29. Mai? Wirkt die gaullistische Medizin denn auch wirklich an der Ursache des Übels? Eine Frage wird jedoch nicht gestellt. Dabei würde im Grunde genommen jeder, sei es hoffnungs- oder angstvoll, gerne fragen, ob die Krankheit ansteckend ist."

Sie war ansteckend. In Prag hatten kommunistische Reformer - viele von ihnen Helden des antifaschistischen Widerstands während des Zweiten Weltkriegs - bereits in diesem Frühling einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" ausgerufen. Das Ziel von Alexander Dubcek und seinen Anhängern bestand darin, das politische Leben zu demokratisieren. Es war der erste Schritt in Richtung einer sozialistischen Demokratie und wurde auch als solcher von Moskau und Washington wahrgenommen. Am 21. August schickten die Russen ihre Panzer und zerschlugen die Reformbewegung.

In jeder westeuropäischen Hauptstadt kam es zu Protesten. Die britische Regenbogenpresse attackierte ständig Linke als "Agenten Moskaus" und war ehrlich erstaunt, als wir vor die sowjetische Botschaft marschierten und dabei die Invasion in unmissverständlichen Worten verurteilten sowie Bildnisse des aufgedunsenen Sowjetführers Leonid Breschnew verbrannten. Alexander Solschenizyn bezeichnete später den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei als den Tropfen, der für ihn das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Da sei ihm klar geworden, dass das System niemals von innen heraus reformiert werden könne, sondern umgestürzt werden müsse. Er war nicht der Einzige. Die Moskauer Bürokraten hatten ihr eigenes Schicksal besiegelt.

Das olympische Massaker

In Mexiko übernahmen die Studenten ihre Universitäten und verlangten das Ende von Unterdrückung und Einheitspartei. Die Armee wurde losgeschickt, um die Universitäten zu besetzen, was sie auch viele Monate lang tat und so zur gebildetesten Armee der Welt wurde. Am 2. Oktober - zehn Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Mexiko-Stadt und unter den Augen der ganzen Welt - strömten dort Tausende von Studenten auf die Straßen, um zu demonstrieren. Bei Sonnenuntergang begann das Massaker. Die Soldaten eröffneten das Feuer auf die Menge - Dutzende wurden getötet und Hunderte verletzt.

Und dann entlud sich im November 1968 die Situation in Pakistan. Studenten legten sich mit dem Staatsapparat einer korrupten und veralteten Militärdiktatur an, die von den USA unterstützt wurde (kommt Ihnen das bekannt vor?). Ihnen schlossen sich Arbeiter, Rechtsanwälte, Angestellte, Prostituierte und andere soziale Schichten an, und trotz der schweren Repression (Hunderte wurden dabei getötet), nahm der Kampf noch an Kraft zu und brachte im folgenden Jahr Feldmarschall Ayub Khan zu Fall.

Bei meiner Ankunft im Februar herrschte eine beschwingte Stimmung im Land. Zusammen mit dem Dichter Habib Jalib reiste ich als Redner zu Kundgebungen im ganzen Land und fand dort eine ganz andere Stimmung vor als in Europa. Hier schien die Macht gar nicht so weit entfernt. Der Sieg über Ayub Khan führte zu den ersten Parlamentswahlen in der Geschichte des Landes. Die bengalischen Nationalisten in Ostpakistan erlangten eine Mehrheit, die von der Elite und führenden Politikern nicht anerkannt wurde. Der Bürgerkrieg führte zur militärischen Intervention Indiens und beendete das alte Pakistan. Bangladesch war das Ergebnis dieses blutigen Kaiserschnitts.

Das glorreiche Jahrzehnt (1965-1975), in dem das Jahr 1968 nur den Höhepunkt darstellte, bestand aus drei zusammenwirkenden Narrativen. Politik dominierte zwar, doch es gab noch zwei andere, die einen tieferen Eindruck hinterließen - sexuelle Befreiung und ein hedonistisches Unternehmertum von unten. Wir hatten Anlass, für letzteres dankbar zu sein. Während meiner Zeit als Herausgeber des Black Dwarf von 1968 bis 1969 wendeten wir uns ständig mit Spendenaufrufen an unsere Leser. Eines Tages kam ein Typ in Arbeitsklamotten in unser Büro in Soho und blätterte 25 schmuddelige 5-Pfund-Noten hin, dankte uns für das Herausbringen der Zeitung und ging wieder. Das sollte sich alle 14 Tage wiederholen. Schließlich fragte ich ihn, ob es einen besonderen Grund für seine Großzügigkeit gäbe. Es stellte sich heraus, dass er einen Verkaufsstand auf der Portobello Road hatte, und was seine Unterstützungsbereitschaft anbelangte, so war das ganz einfach. "Mann, Kapitalismus ist so uncool." Es ist aber nur allzu cool heute und noch viel bösartiger.

In mancher Hinsicht waren die 60er eine Reaktion auf die 50er und die Intensität des Kalten Kriegs. In den USA hatten die Hexenjagden des McCarthyismus in den 50ern verheerenden Schaden angerichtet, aber jetzt konnten die Autoren, die auf den schwarzen Listen gestanden hatten, wieder arbeiten; in Russland wurden Hunderte politischer Gefangener freigelassen, die Gulags geschlossen und Stalins Verbrechen von Chruschtschow angeklagt, während Osteuropa vor Aufregung und in der Hoffnung schneller Reformen erzitterte. Eine Hoffnung, die sich jedoch nicht erfüllen sollte.

Der Geist der Erneuerung steckte auch die Kulturwelt an: Solschenizyns erster Roman erschien als Fortsetzungsgeschichte im offiziellen Literaturmagazin Novy Mir und ein neues Kino eroberte den Großteil Europas. In Spanien und Portugal, die zu dieser Zeit von den beiden Lieblingsfaschisten der Nato, Franco und Salazar, regiert wurden, herrschte die Zensur, doch in Großbritannien erschien 1960 zum ersten Mal D. H. Lawrence 1928 geschriebener Roman "Lady Chatterleys Lover". Das Buch wurde in seiner ungekürzten Fassung zwei Millionen Mal verkauft.

In den Fußstapfen von Simone de Beauvoirs Pionierarbeit mit "Das andere Geschlecht" (1949) feuerte Juliet Mitchell im Dezember 1966 eine neue Salve ab. Ihr umfangreicher Essay "Frauen - die längste Revolution" erschien in der New Left Review und wurde umgehend zu einem Bezugspunkt, der die Probleme, mit denen Frauen konfrontiert sind, zusammenfasst: "In der fortgeschrittenen Industriegesellschaft hat die Arbeit der Frau für die Gesamtwirtschaft lediglich eine Randbedeutung Frauen wird allerdings eine eigene Welt angeboten: die Familie. Ebenso wie die Frau erscheint die Familie als etwas Natürliches, während sie eigentlich eine kulturelle Schöpfung ist Es ist die Funktion der Ideologie, diese sozialen Bildungen für natürlich zu erklären. Die ,wahre' Frau und die ,wahre' Familie sind Bilder der Fülle und des Friedens; in Wahrheit können beide durchaus Signaturen der Gewalt und der Verzweiflung sein."

Im September 1968 störten US-Feministinnen den Miss-World-Wettbewerb in Atlantic City, auf dem Cover seiner Januarausgabe widmete der Black Dwarf das Jahr 1969 den Frauen. Im Heft druckten wir Sheila Rowbothams kühnen Ruf zu den Waffen ab. (Während ich dies schreibe, stellen die grässlichen grauen Buchhalter, die die Manchester University leiten, die Beschäftigung von Professor Rowbotham in Frage. Wir leben in einer Epoche der Fließband-Universitäten, in der Prominente ein Vermögen dafür erhalten, dass sie acht Stunden wöchentlich unterrichten und echte Wissenschaftler auf dem Müll landen.)

Das Lustprinzip

Und, ja, es gab auch das Lustprinzip. Es steht außer Frage, dass die 60er Jahre hedonistisch waren, aber sie unterschieden sich von der heutigen kommerzialisierten Version. Damals markierten sie einen Bruch mit dem scheinheiligen Puritanismus der 40er- und 50er-Jahre, als Zensoren verheirateten Paaren auf der Leinwand verboten, ein Bett zu teilen, und Schlafanzüge Pflicht waren. Radikale Umbrüche stellen alle sozialen Beschränkungen in Frage. Das war immer schon so.

Im urbildlichen London des 18. Jahrhunderts erforderten sexuelle Experimente die Tarnung solcher Splitterkirchen wie der Herrnhuther Brüdergemeinde und der surrealen Anhänger Swedenborgs (für die sich die "Liebe des Heiligen" am besten im "projectione semenis" ausdrückte): Beide predigten die Tugend der Verbindung von religiöser und sexueller Ekstase. Sexualorgien bildeten einen festen Bestandteil des Rituals der Herrnhuter Brüdergemeinde, demzufolge die Penetration verwandt mit dem Eindringen in die Wunde in Jesus Seite war. William Blake und sein Zirkel praktizierten dies eifrig und einige seiner Bilder, welche diese Welt abbildeten, wurden damals zensiert. Ich hoffe, das stellt jetzt keinen allzu großen Schock für meinen alten Freund Tony Benn und andere dar, die Jerusalem singen, ohne die Bedeutung zu verstehen, die sich versteckt hinter:

Bring me my bow of burning gold!

Bring me my arrows of desire!

Bring me my spear!

Homosexualität wurde in Großbritannien erst 1967 entkriminalisiert. Schwulen- und Lesbenbewegungen entstanden mit AktivistInnen, die das Ende homophober Gesetzgebung forderten, und Gay-Pride-Paraden wurden eingeführt, nach dem Vorbild des afroamerikanischen Kampfes um Gleichberechtigung und Black Pride. All diese Bewegungen lernten voneinander. Die Errungenschaften der Bürgerrechts-, Frauen-, Schwulen- und Lesbenbewegungen, die heutzutage als selbstverständlich erscheinen, mussten auf der Straße gegen Feinde erkämpft werden, die "Krieg gegen den Horror" führten.

Die Geschichte wiederholt sich selten, aber oft erklingt noch ihr Echo. Als ich im Herbst 2004 auf einer Lesereise durch die USA war, die in die Zeit von Bushs Wiederwahlkampagne fiel, entdeckte ich auf einer großen Antikriegsveranstaltung in Madison eine unmittelbare Resonanz in einem utopischen Autoaufkleber: "Vietnam heißt auf Arabisch Irak". Der Tontechniker der Halle, ein Mexican-American, flüsterte mir stolz ins Ohr, sein Sohn, ein 25-jähriger Marineinfanterist, sei gerade von seinem Einsatz aus der belagerten irakischen Stadt Falludscha, dem Schauplatz grauenhafter Massaker durch die US-Soldaten, heimgekehrt und käme eventuell zur Veranstaltung. Das tat er zwar nicht, aber er schloss sich uns später mit ein paar Freunden in Zivil an. Er konnte sehen, dass der Raum zum Bersten mit Antikriegs-, Anti-Bush-Aktivisten gefüllt war.

G., der junge Marineinfanterist mit Bürstenhaarschnitt, erzählte Geschichten von Pflicht und Heldenmut. Ich fragte ihn, warum er sich der Marine-Infanterie angeschlossen hätte. "Für Leute wie mich gibt es keine andere Wahl. Wenn ich hiergeblieben wäre, wäre ich auf der Straße umgekommen oder lebenslänglich ins Gefängnis gekommen. Die Marine-Infanterie hat mir das Leben gerettet. Wenn ich im Irak gestorben wäre, wäre ich zumindest durch Feindeshand gestorben. Die meisten der Leute, die für den Frieden demonstrieren, gehen zur Uni, demonstrieren und bald haben sie das alles vergessen, wenn sie in ihren gut bezahlten Jobs arbeiten. Für Leute wie mich ist das nicht so einfach. Ich finde, es sollte eine Einberufung geben. Warum sollen die armen Kids die einzigen da draußen sein?"

Später saß G. auf einem Sofa zwischen zwei älteren Männern - beide ehemalige Kämpfer. Zu seiner Linken saß Will Williams, 60, in Mississippi geboren, der mit 17 zur Armee gegangen war. Für ihn war ganz klar, hätte er Mississippi nicht verlassen, hätte ihn der Klu-Klux-Klan oder eine andere rassistische Bande umgebracht. Auch er sagte mir: "Das Militär hat mein Leben gerettet." Für seine Verwundung im Kampf in Vietnam erhielt er das Purple Heart, die Verwundetenauszeichnung der US-Streitkräfte, und zwei Bronze-Star-Medaillen für herausragende Leistungen im Kampfeinsatz. Infolge einer Rebellion schwarzer Soldaten in Cam Ranh Bay aus Protest gegen den Rassismus innerhalb der US-Streitkräfte begann auch er sich zu verändern.

Aus dem Gefühl heraus, dass das Land wieder angelogen würde, traten er und Dot, seine Gefährtin seit über 43 Jahren, der Bewegung gegen den Krieg im Irak bei und erheben ihre Gospelchorstimmen auf Kundgebungen und Demonstrationen.

Zu G.s Rechten saß Clarence Kailin, 90 Jahre alt in jenem Sommer und einer der wenigen noch Überlebenden der Abraham Lincoln Brigade, die auf Seiten der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat. Auch er gehört inzwischen zu den Aktivisten der Bewegung gegen den Krieg im Irak.

Ein Jahrzehnt vor der Französischen Revolution stellte Voltaire fest, "Geschichte ist die Lüge, auf man sich geeinigt hat." Danach gab es nur noch wenig Einigung auf irgendetwas. Die Diskussion über 1968 wurde jüngst von Nicolas Sarkozy wiederbelebt, der sich damit brüstet, der letzte Nagel im 68er-Sarg zu sein. Der Philosoph Alain Badiou verglich den neuen Präsidenten der Republik daraufhin scharfzüngig mit den Bourbonen von 1815 und Marschall Pétain während des Kriegs. Auch sie hätten über Särge und Nägel gesprochen. "Der Mai 1968 hat uns allen intellektuellen und moralischen Relativismus auferlegt", erklärte Sarkozy. "Die Erben des Mai 68 haben die Idee aufoktroyiert, dass es keinen Unterschied mehr zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Schönheit und Hässlichkeit gäbe. Durch das Erbe des Mai 68 hat der Zynismus Einzug in Gesellschaft und Politik erhalten."

Er machte das Vermächtnis von Mai 68 sogar verantwortlich für raffgierige und zwielichtige Geschäftspraktiken. Der Angriff des Mai 68 auf die moralischen Normen hätte dazu beigetragen, "die Moral des Kapitalismus zu schwächen, den Boden für den skrupellosen Kapitalismus des Goldenen Fallschirms für Gaunerbosse vorzubereiten". Somit wird die 60er-Generation für Enron, Conrad Black, die zweitklassige Hypothekenkrise, Northern Rock, korrupte Politiker, Deregulierung, die Diktatur des "freien Marktes" und eine Kultur im Würgegriff eines unverfrorenen Opportunismus verantwortlich gemacht.

Der Kampf gegen den Vietnamkrieg hielt zehn Jahre an. 2003 gingen sogar noch mehr Leute in Europa und Amerika auf die Straße, um den Irakkrieg zu verhindern. Der Präventivschlag scheiterte. Der Bewegung mangelte es an der Kraft und Resonanz ihrer Vorgängerinnen. Innerhalb von 48 Stunden war sie buchstäblich verschwunden und unterstrich damit, dass sich die Zeiten geändert haben. Waren die Träume und Hoffnungen von 1968 also nur sinnlose Hirngespinste? Oder ließ die Geschichte in ihrer grausamen Art etwas Neues scheitern, das im Begriff stand, geboren zu werden? Revolutionäre - utopische Anarchisten, Fidel-Anhänger, trotzkistisches Allerlei, Maoisten aller Couleur - wollten den ganzen Wald. Liberale und Sozialdemokraten waren auf einzelne Bäume fixiert. Der Wald, warnten sie uns, sei eine Ablenkung, viel zu unüberschaubar und schwer zu definieren. Ein Baum hingegen sei ein Stück Holz, das man identifizieren, verbessern und zu einem Stuhl oder Tisch gestalten könne. Jetzt ist auch der Baum verschwunden.

"Ihr seid wie Fische, die immer nur den Köder, aber nie den Haken sehen", war unsere spöttische Antwort. Denn wir glaubten - und tun das noch bis heute -, dass Menschen nicht an ihrem materiellen Besitz gemessen werden sollten, sondern ihrer Fähigkeit, das Leben der anderen - der Armen und Benachteiligten - zu verändern; dass die Wirtschaft gemäß den Interessen aller und nicht einiger weniger neu organisiert werden müsse; und das Sozialismus ohne Demokratie niemals funktionieren würde. Vor allem glaubten wir an die Redefreiheit.

Vieles davon erscheint heute utopisch und einige, denen 1968 seinerzeit nicht radikal genug war, begrüßen die Gegenwart mit offenen Armen und betrachten heute - wie Mitglieder altertümlicher Sekten, die problemlos von rituellen Ausschweifungen zu Keuschheit wechseln konnten - jede Form von Sozialismus als die Schlange, die Eva einst aus dem Paradies vertrieb.

Der Zusammenbruch des "Kommunismus" 1989 schuf die Grundlage für ein neues Sozialabkommen, den Washington Consensus, durch das Deregulierung und der Einzug von Privatkapital in bislang geheiligten Bereiche der öffentlichen Versorgung überall zur Norm werden sollten und damit die traditionelle Sozialdemokratie überflüssig machten sowie den demokratischen Prozess an sich gefährdeten.

Einige, die einst von einer besseren Zukunft träumten, haben einfach aufgegeben. Andere verfechten eine bittere Maxime: unless you relearn you wont earn (ohne Umdenken kein Einkommen). Die französische Intelligenzija, die seit der Aufklärung Paris zur politischen Arbeitsgruppe der ganzen Welt gemacht hat, macht es vor mit Schlupfwinkeln an jeder Front. Renegaten bekleiden Ämter in jeder westeuropäischen Regierung und verteidigen Ausbeutung, Kriege, Staatsterror und neokoloniale Besetzungen; andere, die inzwischen vom Wissenschaftsbetrieb pensioniert worden sind, haben sich darauf spezialisiert, reaktionären Unrat in die Blogosphäre zu schleudern, und legen dabei den gleichen Eifer an den Tag, den sie einst darauf verwendeten, parteiinterne Rivalen der extremen Linken herunterzumachen. Auch das ist nichts Neues. Das kommt gut in Shelleys Zurechtweisung von Wordsworth zum Ausdruck, welcher sich zunächst für die Französische Revolution begeistert hatte und dann aber zum ländlichen Konservativen wurde:

In honoured poverty thy voice did weave / Songs consecrate to truth and liberty, / Deserting these, thou leavest me to grieve, / Thus having been, that thou shouldst cease to be.

 

<typohead type="5">Aus dem Englischen von Birgit Kolboske</typohead>

 

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