Fechterin Imke Duplitzer über Olympia

„Ich mache das Maul auf“

Sie hasst und liebt die Olympischen Spiele: Fechterin Imke Duplitzer ist zum fünften Mal dabei und will endlich den großen Erfolg.

Beim Training: Imke Duplitzer (rechts).  Bild: dapd

taz: Frau Duplitzer, Sie haben in den vergangenen Wochen extrem hart trainiert. Bei Ihrer fünften Olympiateilnahme wollen Sie endlich eine olympische Medaille im Degen-Einzel gewinnen. Können Sie die Planche überhaupt noch sehen?

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Imke Duplitzer: Essen, schlafen, fechten. Das war mein Programm. Das führt natürlich zu einem Lagerkoller. Ab und zu sind mein Trainer Martin Heidenreich und ich ausgebrochen aus dieser Routine. Dann waren wir ganz überrascht, dass es da draußen noch andere Menschen gibt. Ich musste in der Olympiavorbereitung mehr tun, weil ich mich im Herbst des letzten Jahres an der Halswirbelsäule verletzt hatte und den Trainingsrückstand aufholen musste. Ich habe dafür sogar einen Fitnesstrainer verpflichtet.

Sie und das Team haben sich nur ganz knapp für Olympia qualifiziert. Um ein Haar hätte sich der ganze Aufwand nicht gelohnt.

Nach der Quali in Paris dachte ich kurz: O Mann, jetzt geht der ganze Scheiß weiter. Das klingt komisch, aber das Training geht echt an die Substanz. Diese Kopfverletzung war ja nicht von Pappe. Wieder in Form zu kommen, das war eine wahnsinnige Energieleistung. Ich hatte das Gefühl, ich muss Fechten wieder von Grund auf lernen. Mein Trainer und ich haben uns echt gequält.

Aber es ist doch wunderbar, dass Sie sich für Ihre fünften Sommerspiele qualifiziert haben. Oder etwa nicht?

Die 37-Jährige ist Hauptfeldwebel der Bundeswehr, Degenfechterin, bekennende Lesbe und lauteste Kritikerin unter Deutschlands Olympioniken. Sie nimmt an ihren fünften Olympischen Sommerspielen teil. 2004 hat sie in Athen mit der Degen-Mannschaft die Silbermedaille gewonnen. Dass das Team jetzt auch in London dabei ist, hat es hauptsächlich den Fechtkünsten von Imke Duplitzer aus Bonn zu verdanken.

Ja, es ist schön. Auf der anderen Seite geht bei den Spielen schon seit längerer Zeit etwas schief.

Was denn?

Der Plan: Der Wettkampf der Degenfechterinnen beginnt am Montag. Die Goldmedaille wird um 20.40 Uhr im ExCel Center von London vergeben. 64 Fechterinnen gehen an den Start. Es wird nach dem Knock-out-Prinzip verfahren. Um Olympiasiegerin zu werden, muss man also sechs Kämpfe am Stück gewinnen.

Das Gerät: Die Waffe des modernen Degenfechtens ist eine dreikantige, elastische Stichwaffe. Anders als in den Waffengattungen Florett und Säbel ist der ganze Körper Trefferfläche. Der Degen ist 1,10 Meter lang und wiegt 770 Gramm. Im Unterschied zum Florettfechten (500 Gramm) beträgt das Anzeigegewicht für einen Stoß 750 Gramm. Die Fechtbahn ist 14 Meter lang.

Die Stars: Florettfechterin Valentina Vezzali (Italien) hat fünf olympische Goldmedaillen gewonnen, ihre Landsfrau Laura Flessel-Colovic fünf Plaketten mit dem Degen. Meisterhaft ficht auch die Säbelschwingerin Mariel Zagunis (USA), die Doppelolympiasiegerin. Alle drei starten in London.

Jetzt sollen wir genötigt werden, einen bestimmten roten Schuh von Adidas anzuziehen, weil Adidas die Markenmacht bei den Spielen hat. Aber nicht mit mir. Sollen wir uns vielleicht auch noch die Haare färben, damit wir so auf den Sponsor aufmerksam machen? Das geht mir als Sportler auf den Geist. Ich möchte in meinen eigenen Schuhen fechten. Aus.

Und wenn das nicht geht?

Dann ziehe ich meine Schuhe vor laufenden Kameras auf der Fechtbahn aus. Ist mir scheißegal.

Keine Frage, die Spiele sind kommerziell, aber können Sie mit dem olympischen Geist, den es ja noch geben soll, nicht doch etwas anfangen?

Ich liebe den Wettkampf. Ich mache das, weil ich Fechten toll finde. Wenn man das erste Mal bei Olympia dabei ist, dann findet man das alles irgendwie faszinierend. Das kann ich verstehen. Aber ich weiß mittlerweile, wie es funktioniert: Die Jugend der Welt kommt zusammen. Das Internationale Olympische Komitee organisiert die Sause – und verdient prächtig daran. Ich für meinen Teil werde nicht im olympischen Dorf wohnen.

Im Ernst?

Ich habe ein Apartment in der Nähe vom Fechtzentrum gemietet. Ich werde mich auch aus den olympischen Feierlichkeiten heraushalten. Ich bin im Zwiespalt: Ich liebe den Sport, hasse es aber, wie Funktionäre ihn verbiegen.

Haben Sie dem IOC innerlich gekündigt?

Ich möchte einfach meine Ruhe haben. Das geht nicht im Dorf. Klar gibt es ein paar Sportler, auf die ich mich freue: Schützen, eine neuseeländische Hockeyspielerin und noch ein paar andere. Die Verabredungen stehen schon. Es ist ja für mich als olympischen Routinier nicht mehr so, dass ich einen Nervenzusammenbruch bekomme, nur weil Usain Bolt an mir im olympischen Dorf vorbeiläuft. So was brauche ich nicht mehr.

Macht das nicht gerade den Reiz aus, Stars zu treffen, aber auch Underdogs aus Entwicklungsländern?

Die Grundidee der Spiele finde ich immer noch gut, was daraus geworden ist, nicht. Daher die Distanz, auch die räumliche. Ich bin darauf gefasst, dass es Kritik hageln wird, wenn ich nicht erfolgreich sein werde. „Die braucht eine Extrawurst und bringt nur Unruhe rein“, wird es dann heißen. Aber warten wir mal ab.

Sie üben sich in professioneller Distanz.

O ja, das ist schön formuliert.

1996, als Sie als Ersatzfechterin zu den Spielen von Atlanta gereist sind, wie war es für Sie als olympische Novizin?

Da habe ich schon einen leichten olympischen Knacks wegbekommen. Ich war ein Niemand. Musste extern wohnen. Damals hätte es mir gut gefallen, im olympischen Dorf unterzukommen. Aber ich durfte nicht, weil es eine neue IOC-Regel gab. Ich war bei den Spielen, aber trotzdem nicht richtig dabei. Und die olympische Flamme habe ich damals auch nicht auf Anhieb gefunden, sondern zunächst nur die Olympic French Fries Flame von McDonald’s, also die Frittenflamme. Mittlerweile fechte ich fast lieber bei einer Weltmeisterschaft, weil es da noch ums reine Fechten geht.

Und bei Olympia nicht?

Dort herrscht ein extremer Kampf um Aufmerksamkeit. Und wer findet Gehör? Sportler, die sich total vermarkten, die Stars in einer Trendsportart sind oder ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen, konservativen Sportarten fallen immer mehr unter den Tisch.

Bei den Olympischen Spielen haben aber auch die vermeintlichen Randsportler die Chance, auf die große Bühne zu treten.

Der Ruhm ist nicht von Dauer. Was ist denn aus den letzten beiden deutschen Olympiasiegern im Fechten geworden? Ein Olympiasieg im Fechten zählt heute weniger als früher. Der Sport an sich zählt nicht mehr so viel. Es muss heute schrill sein, unterhaltend und schräg. Und der Sportler muss wissen, womit er in der Medienlandschaft ankommt, sonst geht er unter. So schaffen es auch wenig erfolgreiche Sportler mit nackten Tatsachen auf die Titelseiten.

Sie wissen doch auch, womit man bei den Medien gut ankommt.

Ich mache das Maul auf, richtig. Kritik allein nützt wenig. Sie muss schon mit Schmackes daherkommen, sie muss den Angesprochenen richtig wehtun. Das habe ich mit den Jahren gelernt.

Deswegen haben Sie der Bild-Zeitung vor ein paar Tagen auch ein vielbeachtetes Interview gegeben, in dem Sie über unfähige Sportfunktionäre wie den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbunds, Thomas Bach, wettern?

Ich habe dafür viel Zuspruch erhalten. Meine Facebook-Seite ist fast explodiert. Und der Sportbund hat mich ja nach den Spielen zu einem Gespräch eingeladen.

Warum legen Sie sich so gern mit denen an?

Weil es kein anderer macht. Keiner möchte sich den Mund verbrennen, man möchte nicht aus dem Förderungssystem rausfliegen. Und es ist sehr schwer, bestehende Strukturen infrage zu stellen. Ich will mich aber mit der Verarsche nicht abfinden.

Wie läuft die Verarsche Ihrer Meinung nach?

Man lässt sich von den bunten Bildern beeindrucken und versteht die Botschaft dahinter nicht mehr. Sie wird auch oftmals bewusst von den TV-Rechteinhabern ausgeblendet. Ich meine Doping, Kommerz, Korruption und Machtmissbrauch.

Im Moment des Wettkampfs muss Ihnen das egal sein, denn Sie wollen ja Ihre erste Olympia-Einzelmedaille, auf die Sie seit 1996 warten. Wie sehr setzen Sie sich selbst unter Druck?

Ich will die Belohnung für meine Quälerei einstreichen. Das geht aber nicht mit der Brechstange, sondern nur mit einer gewissen Demut. Man muss ackern, aber man muss dankbar dafür sein, dass man ackern darf. Ich bin dankbar dafür, dass ich dreimal am Tag in der Halle stehen und mein Programm durchziehen darf. Ich wühle, kämpfe und schaffe gern. Mein Trainer auch. Ich bin das von Kindesbeinen an gewohnt. Eigentlich geht es mir vor allem um die Fechtarbeit. Wenn am Ende eine Siegerpose steht, umso besser.

Verstehe ich Sie richtig: Der Weg ist das Ziel?

Beim Leistungssport darf man nie fragen: Was kriege ich dafür? Denn man hat nie eine Erfolgsgarantie oder eine sichere Rendite für die Investitionen im Training. Letztlich geht’s immer nur darum: umfallen, aufstehen, umfallen, aufstehen.

Sind Sie eigentlich eine bessere Fechterin als Anfang der neunziger Jahre?

Ich bin eine andere Fechterin. Ich bin geduldiger und demütiger geworden. Und ich bin immer noch fasziniert vom Fechten, begreife es aber mittlerweile als komplexes System. 1991 war ich eine Rotznase, der König der Welt, der nicht haushalten musste mit seinen Kräften, der nicht so viel nachgedacht hat und nach zwei harten Trainingseinheiten noch eine Stunde Badminton gespielt hat. Das ist heute etwas anders.

 

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30. 07. 2012

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