Fiktiver Ort in Katalonien

Das Dorf, das es nur auf Twitter gibt

Der kleine Ort Sant Esteve de les Roures in Katalonien ist im Netz beeindruckend aktiv. Der Haken daran: Es gibt ihn gar nicht.

Wäsche an einer Wäscheleine in einer Dorfgasse

Wäscheleine in einer Gasse von Sant Esteve de les Roures? Sicher nicht, den Ort gibt es ja gar nicht Foto: Stephen Lustig/Unsplash

MADRID taz | Der 1. Oktober, der Tag des von Madrid untersagten Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien, war ein regelrechter Ausbruch der Gewalt. Auch wenn weltweit nur Bilder von Polizisten, die auf friedliche WählerInnen einknüppelten zu sehen waren, trug die paramilitärische spanische Guardia Civil 315 mutmaßliche Fälle von Gewalt seitens des Wahlvolkes zusammen. Das Dossier landete nicht nur beim Ermittlungsrichter in Madrid sondern auch bei der konservativen Tageszeitung El Mundo.

„Einige der aggressivsten Zwischenfälle ereigneten sich in Sant Esteve de les Roures“, berichtete das Blatt am 28. März. Von einem Motorradfahrer, der versuchte, einen Beamten zu überrollen und dessen Dienstwaffe zu stehlen, war da unter anderem die Rede.

Schockierend – hätte das Ganze nicht einen kleinen Schönheitsfehler. Sant Esteve de les Roures gibt es gar nicht. Oder besser gesagt, gab es nicht. Denn nur wenige Tage nach besagtem Artikel meldete sich auf Twitter unter @st_esteveroures das Rathaus des Ortes zu Wort: „Wir waren von den neuen Technologien nie besonders angetan, aber aufgrund der jüngsten Gerüchte über die Inexistenz unseres geliebten Dorfes, sehen wir uns gezwungen, uns in Sachen sozialer Netzwerke auf den neuesten Stand zu bringen.“

500 Tweets später folgen der Gemeindeverwaltung knapp 30.000 Menschen und Maschinen und informieren sich dort über den Verkehr, öffentliche Ausschreibungen oder Kulturveranstaltungen in Sant Esteve. „Ich möchte in Sant Esteve de les Roures wohnen, denn dort gibt es alles“, schreibt einer der Leser.

Über 80 Konten öffentlicher und privater Einrichtungen

Kein Dorf seiner Größe in Katalonien, ja wohl in ganz Europa, hat so viel vorzuweisen wie Sant Esteve de les Roures. Über 80 Konten öffentlicher und privater Einrichtungen aus dem Ort sind mittlerweile bei Twitter aktiv. Sant Esteve verfügt über ein weitläufiges U-Bahnnetz, dessen rote Linie 2 den Weg Kataloniens zur Unabhängigkeit aufzeigt. Angesichts der ständig durch separatistische Protestaktionen verursachten Staus rund um den Ort ist die Metro wohl das beste Transportmittel, um zu den beiden Universitäten (@unisedr und @univ_st_esteve), dem Markt (@Sanesroures), der öffentlichen Bibliothek (@BibliotecaLes) oder einem im Netz vereinbarten Techtelmechtel (@TindersedeR ‏) zu gelangen.

Natürlich darf auch die Privatwirtschaft nicht fehlen: ein Laboratorium für Molekularbiologie (@LBMsedr), eine Zahnklinik (@rouresdentista), eine Dönerbude (@KebabRoures‏) oder die Landwirtschaftsvereinigung (@Asc_Roures) informieren regelmäßig. Ein Verband deutscher Unternehmer (@alemanes_roures‏) vertritt die Interessen seiner Mitglieder. Polizei, Guardia Civil (@CivilRoures‏), Staatsanwaltschaft (@FiscaliaRoures) und ein Richter (@jutgedret), der den gleichen Nachnamen trägt, wie der Ermittler gegen die katalanischen Politiker und Aktivisten in Madrid, für den das fragliche Dossier der Guardia Civil bestimmt war, sowie die Feuerwehr (@bmbrs_SntStvRrs), sorgen für Ordnung und Sicherheit.

Die Parteien, von JxCat (@PdecatRoures), der Partei des in Deutschland auf seine Auslieferung wartenden ehemaligen katalanischen Regierungschefs Puigdemont, bis hin zu den für die Einheit Spaniens streitenden Ciudadanos (@Cs_SanEsteban‏) oder die rechtsradikale Vox (@VoxRoures), sind alle im Ort vertreten und streiten sich über die Zukunft Kataloniens.

Sant Esteve de les Roures ist mittlerweile ein beliebtes Ziel für einen Wochenendausflug

Sant Esteve de les Roures ist mittlerweile ein beliebtes Ziel für einen Wochenendausflug. Der durch seine Antikorruptionsfälle bekannte Richter @elpidiojsilva bedankt sich für „Ein fantastisches Wochenende, wunderbare Leute und gutes Essen.“ Bis heute haben weder die Guardia Civil noch die Tageszeitung El Mundo sich zu den erfundenen Vorfällen am 1. Oktober geäußert.

Der offizielle Twitterkanal der Guardia Civil weiß mittlerweile selbst nicht mehr zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Als das Rathaus ein Video verbreitete, auf dem zu sehen ist, wie Grenzschützer an der Grenze zu Marokko Gummigeschosse abfeuern, beschuldigt die Guardia Civil auf Twitter die Gemeindeverwaltung von Sant Esteve des Amtsmissbrauchs: „Von einem offiziellen Konto @st_esteveroures aus? …Vertreten sie so ihre Bürger, in dem sie über falsche Einschüsse berichten … ?“

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