Film der japanischen Regisseurin Hikari

Yuma macht sich endlich frei

Im „Panorama“ der Berlinale: „37 Seconds“ erzählt liebevoll eine zwischen Abhängigkeit und Ausbruch verlaufende Mutter-Tochter-Beziehung.

Mutter und Tochter liegen zusammen in der Badewanne

Yuma (Mei Kayama) wird von ihrer Mutter (Misuzu Kanno) kaum aus den Augen gelassen Foto: knockonwood/Berlinale 2019

Gut, wenn jemand da ist, der sich um einen kümmert. Mütter tun so etwas. Auch bei Yuma. Und da Yuma seit ihrer Geburt an Zerebralparese leidet und sich nur im Rollstuhl fortbewegen kann, hilft die Mutter ihr bei den täglichen Verrichtungen. Sie duscht die Tochter ab, hilft ihr über den Wannenrand – in Japan wäscht man sich vor dem Baden – und bringt sie morgens zum Bus.

Eigentlich kann Yuma sich nicht beklagen. Bloß ist sie 23 Jahre alt und damit „technisch“ gesehen erwachsen, wie sie von sich sagt. Einen Job hat sie auch. Als Comiczeichnerin ist sie die eigentliche kreative Kraft hinter ihrer Chefin Sayaka (Minori Hagiwara), die mit ihren pastellfarbenen Gothic-Mädchenkostümen im „Fairy Kei“-Stil eine erfolgreiche Karriere als Manga-Künstlerin und Bloggerin bestreitet – auf Kosten Yumas, die schlecht bezahlt als ihre „Assistentin“ im Hintergrund arbeitet.

Yuma, von Mei Kayama virtuos gespielt mit heiser-gehauchter Piepsstimme, die auf irritierende Weise anrührend klingt, lässt das alles mit sich machen. Will aber irgendwann nicht mehr. Zaghaft versucht sie, bei Sayakas Verleger einen Comic unter ihrem Namen zu veröffentlichen. Und wird freundlich abgewiesen: Sie zeichne einfach „zu nah“ an Sayakas Stil.

Die japanische Regisseurin Hikari beginnt ihren Spielfilm „37 Seconds“ fast wie ein Jugenddrama, das die Schwierigkeiten eines Menschen zeigt, auf eigenen Füßen zu stehen, vor allem weil sein Umfeld es nicht zulässt. Die Mutter nicht, weil sie in ihrer großen Sorge um die Tochter überfürsorglich auf Yuma aufpasst, aber auch ­Sayaka nicht, weil sie Yuma das Gefühl ­vermittelt, nicht ohne sie und ihre ­öffentlichkeitswirksame Inszenierung als Künstlerin bestehen zu können.

Mangas für Erwachsene

Dann kippt der Film ins beinah Surreale: Yuma findet auf ihrer Suche nach einem Abnehmer für ihren Comic zufällig ein paar Mangas „für Erwachsene“ und beginnt, deren Verleger abzutelefonieren. Nach einigen Abwimmelungen wird sie schließlich vorgeladen, darf ihre Entwürfe präsentieren. Doch die Porno-Verlegerin findet die Sexszenen nicht authentisch genug. Sie gibt Yuma den Rat, erst ein paar „Erfahrungen“ zu sammeln, um aus eigener Anschauung zeichnen zu können. Die Konstellation hat allemal etwas Komisches.

Die Tochter beginnt, der eigenen Geschichte nachzuspüren, und erhält Antworten auf Fragen, die sie der Mutter nie gestellt hätte

Denn die in vielen Lebensdingen – Liebesdinge eingeschlossen – unkundige Yuma macht sich fortan heimlich auf den Weg ins örtliche Rotlichtmilieu, um sich dort einen Mann zu suchen. Was als Handlungsstrang sehr doof hätte geraten können, wäre da nicht Mei Kayama, der Yuma so unschuldig-entschlossen auf Entdeckungsreise durch den Sperrbezirk und in Sexshops rollt, dass man dem Film manche sexfolkloristischen Schlenker verzeiht. Auch den Dildo, den sie für ihre Zeichenversuche erwirbt.

Ohnehin hat die drastische Episode in erster Linie den Zweck zu verdeutlichen: Bei dieser Frau gerät etwas in Bewegung. Ob auch körperliche Intimität darunter sein wird, sei an dieser Stelle nicht weiter verraten.

Ausbruchsversuch

Und so konsequent, wie Hikari den Wechsel von Yumas Abhängigkeit von der Helikoptermutter, liebevoll-ängstlich gegeben von Misuzu Kanno, hin zum sexuellen Ausbruchsversuch, der in seiner Unbedarftheit zum Scheitern verurteilt ist, erzählt, wechselt sie im abschließenden Teil des Films noch einmal komplett die Richtung.

So wird Yuma im Finale eine Reihe von Erfahrungen machen, aus denen sie eigenständiger, erwachsener und wissender hervorgeht. Sie beginnt, der eigenen Geschichte nachspüren, erhält Antworten auf Fragen, die sie der Mutter nie gestellt hätte, einfach weil über bestimmte Dinge, so erfährt man, zu Hause nie gesprochen wurde.

Und irgendwann dreht sich auch das Kräfteverhältnis zwischen Mutter und Tochter. Zum Guten. Ein leicht versöhnlicher, von seiner Hauptdarstellerin getragener Film, der die Außenseiterin Yuma nicht als anders ausstellt, sondern an einem extremen Beispiel vorführt, wie Erwachsenwerden ermöglicht oder verhindert werden kann.

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Vom 7. bis 17. Februar 2019 finden in Berlin die 69. Internationalen Filmfestspiele statt. Die taz ist dabei und berichtet täglich aus den Kinos und vom roten Teppich.

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