Der harte Winter im Nahen Osten erschwert das Leben syrischer Flüchtlinge in den Lagern. Eine Alternative haben sie nicht.von Raphael Thelen
Zwischen den Flüchtlingszelten ist der Schnee einen halben Meter hoch. Bild: Raphael Thelen
DALHAMIEH taz | Bis sich die Augen vom gleißenden Schnee auf den umliegenden Feldern an das schummrige Licht im Zelt gewöhnt haben, sieht man nur Schemen. „Komm rein! Komm rein!“, sagt die 80-jährige Syrerin und zeigt auf den kleinen, warmen Ölofen, der in der Mitte des Zelts steht.
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Nachdem alle ihre Schuhe ausgezogen haben und sitzen, enthüllt ein breites Lächeln die wenigen Zähne, die sie noch hat. „Ich heiße Thaljeh. Ich wurde an einem schneereichen Tag geboren.“ Thaljeh, arabisch für „Schnee“, ist eine von knapp tausend syrischen Flüchtlingen, die im hochgelegenen Bekaa-Tal in einer Zeltstadt wohnen.
Unweit vom Camp sieht man die weißen Gipfel des Anti-Libanon-Gebirges in den tiefhängenden Wolken verschwinden. Dahinter liegt Syrien. Thaljeh ist sich der Ironie ihres Namens nur zu bewusst. „Wir waren glücklich in Syrien. Dort waren die Winter ähnlich, aber wir hatten ein Haus“, sagt sie.
Zusammen mit ihrem Ehemann und zehn Kindern lebte sie Homs. Ihr Mann arbeitete bis ins hohe Alter als Schafhirte. Als ihre Kinder genug Geld verdienten, übernahmen sie die Versorgung. Trotzig blickt sich Thaljeh in ihrem neuen Zuhause um. „Ich hätte nie gedacht, dass ich ein Mal unter solchen Umständen leben müsste“, sagt Thaljeh.
Die Zelte bestehen aus Plastikplanen und zusammengenähten Kartoffelsäcken. Auf dem Betonfundament liegen ein dünner Teppich und Matratzen. Zwischen den Zelten ist der Schnee einen halben Meter hoch. Tagsüber schmilzt er und sickert in die Zelte. Nachts fallen die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt.
Eine Wohnung können sich die Menschen hier nicht leisten. Vergangene Woche zog der schlimmste Sturm seit 25 Jahren über den Libanon hinweg. Bis an die Strände Beiruts fiel Schnee und Hagel. Viele Landesteile wurden durch den Schneefall von der Außenwelt abgeschnitten. Mehrere Menschen starben und Dutzende wurden verletzt.
„Der Sturm war schrecklich“, sagt Thaljeh und das Lächeln weicht aus ihrem Gesicht. „Wir waren im Zelt gefangen und der Wind und Regen war so laut, dass ich die ganze Nacht Angst hatte.“ Die Männer blieben nachts wach, um den Schnee vom Zeltdach zu schieben und Kanäle um die Zelte zu graben. Andere wurden von dem Sturm überrascht.
Khaleds Zelt wurde am ersten Tag des Sturms vollstänig überschwemmt. Der 23-Jährige liegt auf einer klammen Matratze, die Decke bis ans Kinn gezogen. Auf dem nackten Beton um ihn herum steht das Wasser. „Ich habe keine andere Möglichkeit als hier zu bleiben. Ich muss das Zelt wieder trocken kriegen.“
Die handbreiten Holzlatten, die das Dach stützen, sind von der Schnee- und Wasserlast durchgedrückt. Seine Ehefrau Nesrine ist zu ihren Eltern ins Zelt gezogen. Ihre einjährige Tochter wurde in der Nacht der Überschwemmung wie die meisten Kinder im Lager krank. Auch eine Woche später hat sie noch Fieber.
Fehlende medizinische Betreuung, Kälte und schlechte Ernährung erschweren die Genesung. „Wir schliefen, als das Zelt überflutet wurde. Wir wachten erst auf, als alles nass war,“ sagt Nesrine. Die 19-Jährige sitzt auf einer Matratze am Rand des Zelts. Ihr violettes Gewand spannt über ihrem Bauch. Sie ist im sechsten Monat schwanger.
Wenn das Kind ein Junge wird, soll es Mahmoud heißen. Zur Ehre ihres Schwagers, der im Krieg in Syrien getötet wurde. „Ich habe Angst, mein Kind in diesen Umständen großzuziehen“, sagt sie. „Es mangelt uns am Notwendigsten.“ Ihre Eltern und fünf Geschwister sitzen um sie herum. Nachts teilen sie sich vier Wolldecken.
Jedes Familienmitglied erhält vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen 30 Dollar pro Monat. Damit müssen sie alle ihre Ausgaben decken. Doch schon der Schulbus kostet monatlich knapp 20 Dollar. Für ihr Zelt zahlt die Familie im Monat knapp 30 Dollar. Heizmaterial und ein wenig Elektrizität am Abend kosten extra.
Ihre spärlichen Mahlzeiten aus Reis, Kartoffeln und Bulgur bereitet Nesrines Mutter in einem abgetrennten Bereich zu. Hosn zeigt einen Gaskocher, ein paar Metall- und Plastikschüsseln und Töpfe. Tapfer lächelt sie. Der Schlafraum ist kahl, aber aufgeräumt. Die Küche hingegen scheint unmöglich sauber zu halten. In den Ritzen des Betonbodens verfängt sich Dreck.
Die Feuchtigkeit verwandelt alles in Matsch. „Wir haben Ratten und Mäuse hier“, sagt die 34-Jährige und zeigt auf die Kochecke. „Sie kommen in die Zelte und fressen die Essensreste.“
Zwei Meter dahinter teilt eine dreckig-weiße Plastikplane den Raum. „Hier waschen wir uns“, sagt Hosn und zieht die Plane zur Seite. Ein Dutzend Plastikeimer stehen in der Ecke eines Raums. Im Boden klafft handgroß ein Abfluss im Beton. Um sich zu duschen, erhitzen sie Wasser. In dem Raum herrscht die gleiche Temperatur wie draußen.
Der Winter im Bekaa-Tal dauert mindestens bis Ende März, wobei die Schneeschmelze die Situation noch verschlimmern wird. Wann sie zurück nach Syrien können, darauf hat Nesrine keine Antwort. Ihr Blick wandert zu ihrer kranken Tochter, die in eine Decke gewickelt ihr gegenüber liegt und zuckt mit den Achseln. „Es ist immer noch sicherer als in Syrien.“
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