Folgen der Exekutionen in Saudi-Arabien

Öl ins Feuer

Die Hinrichtung des Pazifisten Nimr al-Nimrs führt zu zusätzlichem Hass. War das Kalkül oder Dummheit des saudischen Könighauses?

Proteste in Teheran. Plakate, auf denen Nimr al-Nimr zu sehen ist.

Vor der saudi-arabischen Botschaft in Teheran: Demonstranten mit Plakaten des hingerichteten Schiiten-Scheichs Nimr al-Nimr.  Foto: dpa

KAIRO taz | Dass die Exekution des prominenten Schiitenpredigers Scheich Nimr al-Nimr ein politisches Erdbeben auslösen würde, war absehbar. Umso verwunderlicher, welches Kalkül vonseiten der saudischen Herrscher dahintersteckte oder anders gesagt: welcher Teufel die Saudis geritten hat.

Denn entweder war das ein bewusster Schritt, Öl ins Feuer der angespannten sunnitisch-schiitischen Beziehungen zu gießen oder politische Dummheit und der Glaube, sich mit diesem radikalen Schritt einen ungeliebten Dissidenten vom Leib zu schaffen, ohne auf die Folgen zu achten. Vielleicht hatten die Saudis einfach auch darauf gehofft, das Ganze in einem Gesamtpaket von 46 weiteren Exekutionen am Samstagmorgen verstecken zu können. Bei den anderen vollstreckten Todesurteilen handelt es sich um Menschen, die im Zusammenhang mit Anschlägen von al-Qaida im Königreich verurteilt worden waren.

Was immer sich die saudischen Herrscher dabei gedacht haben, heftige Reaktionen blieben nicht aus. In Teheran wurde die saudische Botschaft gestürmt und angezündet. Aus dem Iran, dem Land, das sich selbst als die Schutzmacht aller Schiiten sieht, folgte die offizielle Reaktion. Der oberste Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei kündigte den Saudis gar „göttliche Rache“ an. Im benachbarten Bahrain, in dem eine sunnitische Königsfamilie über eine schiitische Mehrheit herrscht, kam es zu gewaltsamen Protesten, ebenso wie im Osten Saudi-Arabiens selbst. Neben dem Krieg im Jemen, in den die Saudis nun bereits seit Monaten verwickelt sind, haben sie nun im eigenen Land eine zweite Front ausgemacht. Das, gepaart mit der angespannten wirtschaftlichen Lage aufgrund des niedrigen Ölpreises, bedeutet, dass den saudischen Herrschern ein schwieriges Jahr bevorsteht.

Scheich al-Nimr galt als die Führungsperson und Symbolfigur für den Kampf der schiitischen Minderheit Saudi-Arabiens im sunnitischen Wahhabiten-Staat, nicht als Bürger zweiter Klasse diskriminiert zu werden. Al-Nimr, ursprünglich eher ein religiöser Führer und Politiker aus der zweiten Reihe, erlangte Prominenz, als er sich in den Zeiten des Arabischen Frühlings an die Spitze einer schiitischen Bürgerbewegung im Osten Saudi-Arabiens stellte. Eine Rolle, die ihm vor allem eine große Gefolgschaft unter den schiitischen Jugendlichen einbrachte. Zwar bilden die Schiiten insgesamt in Saudi-Arabien eine Minderheit, aber im Osten des Landes stellen sie die Mehrheit. Für das Königshaus besonders prekär: Dort befindet sich auch ein Großteil der saudischen Ölvorkommen.

Ein unfairer Prozess

Nimrs Ansehen war den saudischen Herrschern damit schon lange ein Dorn im Auge. Im Juli 2012 war al-Nimr verhaftet worden. Er wurde des „Ungehorsams gegenüber den Herrschern“ und der Anzettelung von Demonstrationen und Aufständen angeklagt. Im Gefängnis soll al-Nimr auch gefoltert worden sein. Er trat in den Hungerstreik. Im Oktober 2014 war er zu Tode verurteilt worden. Er habe „ausländische Einmischung gefördert“, den Herrschern nicht gehorcht und habe zu einem bewaffneten Aufstand aufgerufen“, heißt es in dem Urteil. Den Prozess hatten Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch als „unfair“ bezeichnet, mit dem einzigen Ziel, einen unliebsamen Dissidenten aus dem Weg zu räumen.

Islam: Nach dem Tod von Religionsstifter Mohammed (632) kam es zur Spaltung der Muslime in Sunniten und Schiiten wegen der Nachfolge des Propheten.

Sunniten: Im sunnitischen Islam, dem an die 90 Prozent der Muslime angehören, gibt es keine von allen Gläubigen anerkannte religiöse Autorität.

Schiiten: Die Schiiten kennen dagegen eine Hierarchie der Geistlichen, an deren Spitze ein Großajatollah steht.

Wahhabismus: Die Staatsreligion Saudi-Arabiens ist eine strenge Form des sunnitischen Islam, "gereinigt" von modernen Einflüssen. Eine Religionspolizei bewacht die Einhaltung der Regeln.

Derweil vertrat al-Nimr eher die Linie, mit friedlichen Mitteln gegen die Diskriminierung der Schiiten in Saudi-Arabien zu protestieren. Die schiitischen Demonstranten hatte er während des Arabischen Frühlings 2011 aufgerufen, „sich den Kugeln der Polizei mit dem Dröhnen des Worts entgegenzustellen“. Denn Worte seien stärker als Kugeln, und von einem bewaffneten Kampf würden nur die Herrscher profitieren.

In von WikiLeaks veröffentlichten US-Geheimpapieren wird berichtet, dass Vertreter der US-Botschaft in Saudi-Arabien sich regelmäßig mit al-Nimr getroffen hatten, um seine Positionen auszuloten. „Er werde sich immer aufseiten seines Volkes gegen das, wie er es nannte, „reaktionäre saudische Regime“ stellen, erklärte er dort. Das bedeute aber nicht, dass er all deren Aktionen gutheiße, vor allem, wenn Gewalt angewendet würde, soll er nach diesen Berichten seinen Standpunkt dargelegt haben. Al-Nimr verwehrte sich bei den Treffen auch dagegen, eine iranische Marionette zu sein. Zwar machte er immer wieder deutlich, dass die saudischen Schiiten durchaus auch Hilfe von außen anfordern dürfen, gleichzeitig gab er sich aber auch kritisch gegenüber dem Iran. „Frömmigkeit gebührt nur Gott allein, nicht Staaten und Nationen, die in ihrem eigenen Interesse handeln“, wird er in einem WikiLeaks-Bericht zitiert.

Der 56-jährige al-Nimr, der den geistlichen Rang eines Ajatollahs trug, wurde in einem Dorf im Bezirk Qatif geboren, der Hochburg der schiitischen Bürgerbewegung in Saudi-Arabien. Er studierte im Iran und in Syrien. 1994 kehrte er nach Saudi-Arabien zurück und erlangte schnell die Aufmerksamkeit des saudischen Sicherheitsapparats.

„Schürt das Feuer nicht noch mehr!“

Ironie der Geschichte ist, dass nun ausgerechnet seine Exekution zu sunnitisch-schiitischen Spannungen führt, denn al-Nimr selbst hatte sich immer wieder dagegen verwehrt, sich vor einen konfessionellen Karren spannen zu lassen. In einer seiner berühmten religiösen Ansprachen hatte al-Nimr erklärt, dass die Unterdrückten einig gegen die Unterdrücker vorgehen sollten, anstatt zu Instrumenten in ihren Händen zu werden. So unterdrücke die sunnitische Chalifa-Königsfamilie in Bahrain die schiitische Mehrheit im Land, aber die Sunniten als solche seien nicht verantwortlich für diese Unterdrückung. Verantwortlich seien allein die Tyrannen. Das, führte al-Nimr aus, gelte auch für Syrien. Dort sei die Assad-Familie verantwortlich für die Unterdrückung, nicht aber der Schiismus. „Niemals sollte ein Unterdrückter die Unterdrückung eines anderen rechtfertigen“, formulierte er sein Verständnis von sunnitisch-schiitischer Einheit. Für al-Nimr waren nicht die Konfessionen, sondern die autokratischen Regimes das Problem.

Nicht Konfessionen, sondern die auto­kratischen Regime seien das Problem

Umso tragischer, dass seine Exekution gerade diese konfessionellen Spannungen jetzt anheizt, anstatt einer kritischen Haltung gegenüber den Herrschern in Saudi-Arabien und in Iran, die in ihrem regionalen Machtinteresse immer wieder die konfessionelle Karte ausspielen mit den entsprechenden Folgen nach der Vollstreckung des Todesurteils gegen den populären Schiitenscheich im wahhabitischen Saudi-Arabien.

Denn schon am Tag nach der Exekution gingen sich der Iran und Saudi-Arabien an die Gurgel. In einer Erklärung des saudischen Außenministerium ist vom „iranischen Staatsterrorismus“ die Rede, während die iranische Regierung die Straße vor der gestürmten und angezündeten Botschaft Saudi-Arabiens provokant zu Nimr-al-Nimr-Straße umbenennen ließ. Da verhallten Appelle wie der des emiratischen Internetaktivisten Sultan al-Qassime ungehört. „Es herrscht eine toxische Mischung aus Hypernationalismus und Konfessionalismus in der Region. Sie ist schon jetzt ein Pulverfass“, beschreibt er die Lage in einer Twittermeldung und ruft dazu auf: „Bitte schürt das Feuer nicht noch mehr!“

 

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