Französischer Gynäkologen-Verband

Ärzte drohen mit Abtreibungsboykott

Französische GynäkologInnen nutzen einen Abtreibungsstreik als Druckmittel auf die Politik. MinisterInnen kritisieren das scharf.

Eine junge Frau hält ein Plakat hoch, auf dem auf Französisch "Schwangerschaftsabbrüche für alle" steht

Eine junge Frau in Toulouse fordert „Schwangerschaftsabbrüche für alle“ Foto: imago/zuma press

BERLIN taz | Von einem ethischen Tiefschlag ist die Rede, von Erpressung, gar von einer Geiselnahme. Was französische PolitikerInnen und feministische Organisationen momentan so entsetzt, ist eine Drohung des Gynäkologenverbandes Syngof. Der hatte kürzlich erklärt, keine Abtreibungen mehr durchführen zu wollen – als Druckmittel.

Die etwa 1.600 Mitglieder des Verbandes wollen auf einen angeblichen Missstand aufmerksam machen: Wie der Guardian berichtet, stünde ihrer Ansicht nach zu wenig Geld für KollegInnen zu Verfügung, die wegen medizinischer Fehler Schadenersatz zahlen müssten.

Gesundheitsministerin Agnès Buzyn verurteilte die Aktion aufs Schärfste. In einer Pressemitteilung schrieb sie von einer „Geiselnahme“ der Frau. Sie betonte, dass es in keinem Fall akzeptabel sei, auf diese Art und Weise Verhandlungen über eine Sache zu erzwingen, der sich ihr Ministerium längst angenommen habe.

Ein französischer Zusammenschluss von ÄrztInnen, ähnlich der deutschen Bundesärztekammer, pflichtete Buzyn bei. Was die Gynäkologen vorhätten, gehe gegen alle medizinische Ethikregeln. Gleichstellungsministerin Marlène Schiappa nannte das Vorgehen laut Guardian eine „inakzeptable Erpressung“. Überall auf der Welt würden Frauenrechte bedroht – „manchmal von Regierungen, manchmal aber auch von Interessengruppen, Nichtregierungsorganisationen oder Verbänden“.

Vorsitzender hatte Abbrüche als „Mord“ bezeichnet

Was den sogenannten Abtreibungsstreik besonders brisant macht, sind die Positionen des Vorsitzenden Bertrand de Rochambeau. In einem Fernsehinterview im vergangenen Herbst hatte er Schwangerschaftsabbrüche als Mord bezeichnet. Seiner Meinung nach sei kein Mediziner bereit, „ein Leben zu beenden“. Dass Syngof als Repressalie ausgerechnet Schwangerschaftsabbrüche boykottiert und nicht andere gynäkologische Leistungen, scheint die Moralvorstellungen einiger seiner Anhänger widerzuspiegeln.

Syngof richte sich gegen den „bedingungslosen Respekt vor dem Recht auf Abtreibung“, das in ihrem Land garantiert sei und werfe zudem ein schlechtes Licht auf den Berufsstand, teilte die Gesundheitsministerin mit. In Frankreich ist Abtreibung anders als in Deutschland bis zur zwölften Woche nicht nur straffrei, sondern legal. Der Schwangerschaftsabbruch gilt als Frauenrecht und kann ohne Angabe von Gründen eingefordert werden.

Seit 2014 gibt es eine Bedenkzeit zwischen Arzttermin und Abbruch nur noch für Minderjährige. ÄrztInnen, die eine Abtreibung aus Gewissensgründen nicht durchführen möchten, sind verpflichtet für den Eingriff eine andere Praxis zu empfehlen. Strafbar sind auch sogenannte „Pro-Life-Kampagnen“, in denen mit schockierenden Darstellungen, gefälschten Erfahrungsberichten und Gesundheitsrisiken, die es gar nicht gibt, vor Abbrüchen gewarnt wird.

Auf Twitter hagelte es für Syngof Mittelfinger- und Kotzemojis. Der Verband habe jegliche Glaubwürdigkeit verloren, heißt es da. Ein anderer Nutzer schreibt, dass der Abtreibungsstreik zeige, inwieweit eine Gesellschaft bereit sei, Frauenrechte zu missachten. Und für Userin Caroline ist er ein guter Grund, die Feststelltaste gedrückt zu halten. Denn: „DIE GEBÄRMUTTER IST KEIN VERHANDLUNGSINSTRUMENT.“

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