Freie Entfaltung

„Mich interessiert, wie kreativ die Natur ist“

Marianne Greve studierte Biologie – und wurde dann doch Künstlerin. Bei der Entstehung ihrer Kunstwerke räumt sie Zufällen ein Mitbestimmungsrecht ein.

Künstler eröffnen immer neue Sichtweisen: Marianne Greve. Foto: Miguel Ferraz

taz: Frau Greve, warum sind Sie nicht Biologin geblieben?

Marianne Greve: Weil schon immer zwei Seelen in meiner Brust waren: die der Künstlerin und die der Biologin.

Nach Vancouver sind Sie Anfang der 1980er-Jahre aber nicht wegen der Kunst gegangen.

Vordergründig nicht, aber es gehörte immer dazu. Als zu Beginn meines Aufenthaltes auf dem Gelände der Universität von British Columbia ein Totempfahl aufgestellt wurde, habe ich einen Super-8-Film gedreht. So bin ich mit den Kwakiutl- und Haida-Indianern in Kontakt gekommen und wurde in deren Reservat eingeladen. Mich interessierte ihre schwierige soziale Situation und ihr Naturverständnis.

Inwiefern?

Weil sie sich mit der Natur damals noch eins fühlten. Sie entnahmen ihr nur, was sie unbedingt brauchten.

Inzwischen haben Sie eigene Kiefern-Totems. Sind das spirituelle Gegenstände?

Nein. Totempfähle werden aus einem speziell ausgewählten, gefällten und bearbeiteten Stamm zum Kultobjekt. Meine Kiefernstämme mit ihren Fischgrätkerbungen dagegen gehen auf eine Kulturtechnik zurück, die in der Ex-DDR zur Gewinnung von Collophonium benutzt wurde. Man ritzte lebende Stämme, um an ihr Harz zu kommen. Gesehen habe ich sie in Bleckede in einem Wald auf der anderen Elbseite. Die Fischgrätmuster haben mich sofort fasziniert. Ich habe sie fotografiert und die Bilder unter dem Titel „Lachten“ ausgestellt. Gegen Ende meines Stipendiums hat mir der Förster drei Stammabschnitte geschenkt, die ich in einer Ausstellung über Kunst und Wunderkammer gezeigt habe. Heute stehen sie im Botanischen Museum Hamburg.

64, hat in Göttingen und Kiel Biologie studiert. Nach einem Stipendium in Vancouver studierte sie bildende Kunst in Hamburg und ist seit 1978 mit Ausstellungen und Aufführungen als künstlerisch-biologisch-musikalische Grenzgängerin tätig. Zu ihren Werken zählen unter anderem die „Helgoländer Naturätzungen“, sich selbst auflösende Brennesselbilder, mit Tierspuren operierende Schneebilder, die Totem-artigen „Lachten“, die Erdbibliothek, die Plank-Ton-Melodie, die „Elbesinfonie“ sowie der „Eine-Erde-Altar“ in Schneverdingen.

Ihr „Eine-Erde-Altar“ in Schneverdingen ist auch eine Art Wunderkammer. Wozu ist die gut?

Ja, obwohl ich diesen Auftrag im Zuge der Expo 2000 erst gar nicht annehmen wollte. Ich bin ja keine Malerin, die einen mittelalterlichen Altar mit Gold und Heiligenbildern schaffen kann und will.

Aber Sie sollten ja keinen mittelalterlichen Altar bauen.

Nein. Und nach einer Weile habe ich mich entschlossen, auf Grundlage meiner seit 1983 gesammelten „Erdbibliothek“ – einer Art Reisetagebuch mit Erden in Plexiglas-Büchern – einen Altar zu bauen. Das Thema „Buch“ lag nahe, denn das älteste Buch ist die Bibel und das längste Gedächtnis hat die Erde.

Woher kommen die Erden im Altar?

Aus aller Welt. Von Institutionen ebenso wie von heiligen Orten, allen Religionen und Menschen, die sich mit der dazugehörigen Geschichte beteiligen möchten. Denn zu jedem Erdbuch gibt es eine Legende mit Angaben zu Fundort und der Bedeutung für den Spender, die auch im Internet abrufbar ist. Die befüllten Bücher werden dann in den Altar eingestellt.

Gibt es auch Erde von verseuchten, sogar „bösen“ Orten?

Ja. Der Altar enthält Erde von Orten, an denen Naturkatastrophen stattfanden, aber auch aus dem KZ Auschwitz und von anderen „Mord-Orten“.

Aber was soll das Böse an einem heiligen Ort?

Ist die Kreuzigung gut? Auch in der Bibel stehen keine Wellness-Geschichten. Außerdem glaube ich, eine Wunde kann sich nur schließen, wenn man sie benennt. Dieser Altar enthält viele erschütternde Geschichten. Eine Mutter hat Erde des Ortes eingestellt, an dem ihre Tochter ermordet wurde. Viele empfinden es als Trost, mit ihrer Erfahrung angenommen zu werden.

Ist es ein Trost, wenn die Erde des Nazi-Wachturms neben der eines KZ-Krematoriums steht?

Ich denke schon. Es ist ja kein Begräbnis-, sondern ein Loslass-Ort, und das hat auch mit Verzeihenkönnen zu tun. Und wer Erde herbringt, ist dazu wohl bereit.

Wie sortieren Sie die Bücher?

Ich habe eine Zufallsverteilung errechnet, damit sich der Altar gleichmäßig füllt und nicht stur von unten nach oben beziehungsweise von links nach rechts. Inzwischen stehen dort 5.500 Bücher. 1.500 fehlen noch.

Bei 7.000 ist Schluss?

Ja. Die Zahl 7.000 geht auf die Schöpfungsgeschichte in der Bibel zurück. „Ein Tag war wie 1.000 Jahre“ steht dort, und „Die Schöpfung währte sieben Tage“. Das macht 7.000.

Ist es eines Künstlers würdig, sich einer so strengen Zahlensymbolik zu unterwerfen?

Künstler eröffnen immer neue Sichtweisen, Erfahrungen. Das Systematisieren und Strukturieren ist eine meiner wichtigsten Arbeitsmethoden.

Aber das ist keine Freiheit.

Doch, es ist die absolute Freiheit. Hinzu kommt, dass durch die Zufallsverteilung niemand den Platz in der Mitte reservieren oder selbst bestimmen kann, wo sein Erdbuch platziert wird.

Aber hat mal ein Muslim gesagt, seine Erde solle nicht neben der eines Juden stehen?

Nein. Allerdings gab es anfangs von christlicher Seite Berührungsängste. Als Muslime, Buddhisten und die Vertreter anderer Religionen eingeladen wurden, Erde mitzubringen, gab es Diskussionen darüber, ob ein Muslim den christlich geweihten Altarbereich betreten dürfe.

Wie ging es aus?

Er durfte.

Irgendwann ist der Altar „voll“. Dann müssen Sie Menschen abweisen.

So ist es vorgesehen, auch unser Leben ist begrenzt. Aber die Bücher und Legenden sind ja weiterhin zugänglich.

In Ihrem Atelier steht ein Tisch mit Tellern, auf denen Heukugeln liegen. Warum?

Unter diesen Heuhonigkugeln sind Lautsprecher, die Gesprächsfetzen und Essgeräusche von sich geben. Es geht dabei um Kunst als Speise – die so leicht dann doch nicht zu verspeisen ist. Denn die Heuhonigkugeln kann man nicht essen und an dem hohen Tisch nicht sitzen. Es ist eine Partitur für 14 Gedecke.

Ihre „Elbesinfonie“ dagegen ist eine „echte“ Partitur. Oder geht es gar nicht um Musik?

Doch. Es geht um die Verbindung. Darum, wissenschaftliche Werte zu einer poetischen Erfahrung zu machen. Ich habe mir ein Jahr lang Wassertemperatur, Sauerstoff-, Nitrit- und Nitratgehalt dreier Elbstandorte geben lassen – aus Geesthacht, dem Hamburger Hafen und aus Wedel. Ich konnte also die Reise des Wassers in den Hafen und von dort in die Nordsee verfolgen. Diese Werte habe ich auf das Notensystem umgerechnet und so instrumentiert, wie es mir passend erschien. Den Sauerstoff spielte zum Beispiel die Flöte, das Nitrat das Saxofon.

Ein steigender Wert wurde zur aufsteigenden Melodie?

Ja. Außerdem habe ich aus den Werten eine Sinfonie erstellt, bei der jeder der drei Sätze für einen Standort steht. Deren anfängliche Dissonanz mündet in eine große Harmonie und zerfällt wieder in Wellenbewegungen.

Wollten Sie davor warnen, dass die Elbe erstickte?

Nein. Mich interessiert eher, wie kreativ die Natur ist – nur hört man es oft nicht. In dieser Sinfonie wird das sonst Unhörbare hörbar – als „Urmusik“, die allem inhärent ist.

Auch Einzellern?

Ja. Vorerst habe ich aber Stachelbeerquallen, Hummerlarven und Salinenkrebse eine „Plank-Ton-Melodie“ schreiben lassen. Und die Metamorphose von Kaulquappen habe ich für Klavier und Orgel umgesetzt.

Die Tiere komponieren?

Ja. Ich fotografiere in regelmäßigen Abständen, wie sich die Tiere in wassergefüllten Plexiglasbehältern bewegen. Hinter den Behältern liegt ein Notenblatt, und die Tiere werden die Noten. Diese Fotos verbinde ich dann zu einem Leporello.

Das Unhörbare hörbar machen: Sollte man der Natur das letzte Geheimnis entreißen?

Es ist kein Geheimnis. Es ist uns ja zugänglich. Wir sind uns dessen nur nicht bewusst.

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