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Frontex wird Abschiebeagentur Schrilles „Invasions“-Gerede

Christian Jakob

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Christian Jakob

Die irreguläre Migration geht zurück, die EU-Grenzschutzagentur wird trotzdem ausgebaut. Mi­gran­t:in­nen werden als Machtoption instumentalisiert.

W ussten Sie, dass in diesem Jahr bisher ein Drittel weniger Menschen als im Vorjahreszeitraum irregulär, also ohne Einreiseerlaubnis in die EU gekommen sind? Dass es 2023 noch fünfmal so viele waren? Nein? Der nun schon Jahre anhaltende Rückgang der irregulären Grenzübertritte – erkauft etwa durch die Kollaboration mit Folterern wie in Libyen oder immer unverhohlener durchgeführten Pushbacks – ist kein großes öffentliches Thema. Stattdessen wird gewohnt hochtönend immer weiter Handlungsdruck suggeriert.

Und so legte am Dienstag EU-Innenkommissar Magnus Brunner dar, wie sich die EU-Grenzschutzagentur Frontex weiterentwickeln soll: doppeltes Budget, 30.000 Grenz­schüt­ze­r:in­nen statt wie bisher 7.000 EU-Grenzschützer:innen, und die mit erheblich weitergehenden Befugnissen als heute. Nicht wenige fühlen sich angesichts solcher Aussichten an die US-Abschiebepolizei ICE erinnert. Viermal mehr Grenzpolizisten also, während die Zahl der Grenzübertritte auf ein Fünftel zusammengeschnurrt sind. Doch die EU-Kommission hält die Gelegenheit gerade für günstig, ihre schon lange gehegten Pläne zum Aufbau einer vollwertigen EU-Grenzpolizei voranzutreiben.

Denn da ist die Angst vor russischen Nadelstichen, die rechtsextreme, prorussische Akteure stärken sollen. Der Kampf gegen die irreguläre Migration wird da zu einer Frage der Sicherheit, indem die Mi­gran­t:in­nen oft als „hybdride Gefahr“ deklariert und so instrumentalisiert werden.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Dann gibt es die Erkenntnis, sich mit Migrationsbewegungen angreif- und erpressbar gemacht zu haben – siehe die Aktionen von Marokko oder der Türkei. Und schließlich die wachsende Neigung der Konservativen, mit den Rechtsextremen im Parlament gemeinsame Sache zu machen. Dass der Migrationsdruck immer weiter sinkt, wird weder thematisiert, um das schrille „Invasions“-Gerede der extremen Rechten zu entkräften, noch wird das zum Anlass genommen, die Abschottungsspirale zu bremsen – im Gegenteil.

Christian Jakob

Christian Jakob Reportage & Recherche

Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Im Ch. Links Verlag erschien von ihm 2023 "Endzeit. Die neue Angst vor dem Untergang und der Kampf um unsere Zukunft". Seit 2019 gibt er den Atlas der Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit heraus. Zuvor schrieb er "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung, "Diktatoren als Türsteher" (mit Simone Schlindwein) und "Angriff auf Europa" (mit M. Gürgen, P. Hecht. S. am Orde und N. Horaczek); alle erschienen im Ch. Links Verlag. Seit 2018 ist er Autor des Atlas der Zivilgesellschaft von Brot für die Welt. 2020/'21 war er als Stipendiat am Max Planck Institut für Völkerrecht in Heidelberg. Er ist Autor von Hörfunkfeatures für SWR, Deutschlandradio und ORF und Mitglied im Beirat des Mediendienst Integration. Auf Bluesky: chrjkb.bsky.social
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4 Kommentare

  • fly

    Irgendwie kann man den Artikel auch anderes lesen, nämlich, dass der Ausbau sinnvoll ist gegen die hier genannte irreguläre Migration. Dann sei man besser geschützt gegen hybride Gefahren oder Aktionen wie in Marokko.

    Bleibt der Begriff, irreguläre Migration. Ist ja eher selten, dass er hier verwendet wird (Druck der Öffentlichkeit?). Sonst hieß es oft, kein Mensch ist illegal und es wurde wenig unterschieden zwischen Asylsuchenden und Einwanderung mit Arbeitserlaubnis.

  • Perkele

    Das ist sehr freundlich ausgedrückt im Text: "...wachsende Neigung der Konservativen, mit den Rechtsextremen im Parlament gemeinsame Sache zu machen..." Man kann es auch anders formulieren: ICE ist das Vorbild! Oder noch schärfer: Trump und seiner MAGA gilt es nachzueifern.



    In solche einem Europa möchte ich nicht leben.... Doch wohin?

  • gyakusou

    Der Migrationsdruck sinkt, weil die EU in den letzten Jahren immer mehr umstrittene Abschottungsmaßnahmen umgesetzt hat (neben geopolitischen Veränderungen).

    Mit zurückgehenden Zahlen bei Grenzübertritten zu argumentieren und damit derartige Maßnahmen abzulehnen, ergibt in meinen Augen keinen Sinn.

    Darüber hinaus schaffen es EU-Länder weiterhin nicht, einen Großteil derer wieder abzuschieben, die kein Asyl oder weiteren Schutzstatus erhalten. Solange das so ist, ist Abschottung notwendig.

    Ich finde sowieso, dass das System umgebaut und nur noch Menschen über Kontingente aufgenommen werden sollten. Erst dadurch ist Flucht nicht mehr hauptsächlich den Stärkeren vorbehalten (den jungen Männern) und es könnten auch Alte, Schwache, Frauen und Kinder sicher einreisen. Und ausschließlich Menschen, die tatsächlich verfolgt werden und Schutz benötigen.

  • uwe

    Die Bretter im EU-Raum sind bekanntlich etwas dicker. All die Interessen unter einen Hut zu bringen, das dauert. Entsprechend langsam ist EU-Politik.

    Bzgl. irregulärer Migration folgt aus einem einheitlichen (Schengen-)Innenraum der EU ohne Kontrollen an den Innengrenzen zwangsläufig einer Verlagerung der Kontrollen an die Aussengrenzen. M.E. eine Selbstverständlichkeit und wenig geheimnisvoll.