Gedenktafel für Rio Reiser

Porzellan für eine Scherbe

Viel Stolz auf die Verweigerung: Seit Dienstag erinnert eine Gedenktafel in Berlin-Kreuzberg an den Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser.

Rio Reiser in den 80er Jahren in Berlin Kreuzberg, fotografiert von seiner Nachbarin Ann-Christine Jansson, heute Fotoredakteurin in der taz. Bild: Ann-Christine Jansson

BERLIN taz | In gewisser Weise ist sein Wirken selbst zur Mahnung geworden. Denkt man nicht automatisch an den von ihm getexteten Song „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“, wenn von Rio Reiser die Rede ist?

Gestern wurde anlässlich seines 17. Todestags am Tempelhofer Ufer in Berlin-Kreuzberg eine Gedenktafel für den Sänger und Komponisten enthüllt. Der Einweihung wohnten in seltener Eintracht sein Bruder Gert und die Bandkollegen R.P.S. Lanrue, Kay Sichtermann und Klaus „Funky“ Götzner bei. Angebracht ist die Tafel aus Porzellan am Eingang eines Mietshauses am Landwehrkanal, in dem Reiser mit seiner Band Ton Steine Scherben zwischen 1970 und 1975 gelebt hat.

Damals begann im Westteil der Stadt der Häuserkampf, die Scherben waren Teil der Auseinandersetzungen um bezahlbaren Wohnraum und ein selbstbestimmtes Leben. Sie beherbergten Trebegänger, wie Jana Borkamp, Bezirksstadträtin für Finanzen, in ihrer Ansprache bemerkte. Rio Reiser habe sich zeitlebens gegen Verdrängung engagiert und stünde für ein Konzept der behutsamen Stadterneuerung, sagte die Grünen-Politikerin.

Ideologisch vermintes Gelände

Wie sich die Zeiten geändert haben. Finanziert wurde die Tafel vom Berliner Versorgungsunternehmen Gasag. Ausdrücklich unterstützte der Hausbesitzer, ein Anwalt, ihre Anbringung. Heute befindet sich in seinem Gebäude unter anderem das Büro von Art Berlin Contemporary, einem Interessenverband des Kunsthandels. „Ihr krieg uns hier nicht raus / Das ist unser Haus“ reimte Reiser im „Rauch-Haus-Song“, benannt nach dem 8. Dezember 1971 besetzten alten Krankenhaus Bethanien am Mariannenplatz.

Das nur als Hinweis darauf, wie sehr das Sprechen über Reiser und seine Band lange Zeit auf ideologisch vermintem Gelände ausgetragen wurde. Reiser, der eigentlich Ralph Christian Möbius hieß, und seine Texte „lieferten der anarchistischen Systemverweigererszene tönende Verhaltensmuster“, steht etwa im Rocklexikon von Rororo.

In Westdeutschland waren die Scherben umstritten, in der DDR durften einige ihrer Songs gar nicht öffentlich aufgeführt werden. Gregor Gysi mischte sich am Dienstag unter die stattliche Menschenmenge bei der Einweihung. „Herr Reiser war ein großartiger Mensch und wichtiger Bestandteil der Berliner Kulturszene, damals subversiv und heute Mainstream“, sagte Björn Böhning, Chef der Senatskanzlei Berlin. Ihm gefalle Reisers Spätwerk, Songs seiner Soloalben besser, sagte der SPD-Politiker.

Reiser gehörte zu den Ersten, die sich trauten, Rock-’n’-Roll-Lebensstil und deutsche Agitprop-Texte unter einen Hut zu bringen. Das mobilisierte in der linken Szene sehr viele Leute. Aber auch Vorwürfe des Ausverkaufs linker Haltung, die die Scherben 1975 erst aufs Land nach Fresenhagen und dann in die Auflösung trieben. Jetzt sind sie endgültig back in Berlin.

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