Weil die Miete eines Buchhändlers um 200 Prozent erhöht wurde, protestieren rund 400 Menschen in St. Georg.von Frank Berno Timm
Große Unterstützung: Buchhändler Jürgen Wohlers bedankt sich bei den Demo-Teilnehmern. Bild: Frank Berno Timm
Anspannung und Sorgen sind in Jürgen Wohlers’ Buchhandlung an der Langen Reihe (St. Georg) am Mittwochmorgen zu spüren. Wohlers – Lesebrille, brennende Zigarette, Bleistift in der Reverstasche des Jacketts – berichtet, der Mietvertrag sei ausgelaufen, er habe um Verlängerung gebeten.
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Als Antwort sei die Miete von 1.400 auf 4.140 Euro angehoben und eine Kündigung zum Jahresende nachgeschoben worden. „Das ist einfach unmöglich“, sagt der Buchhändler – abgesehen von einer Sanierungspause ist er seit 1954 in diesem Geschäft, der Laden wurde von seinem Großvater 1933 am Steindamm gegründet. Gespräche mit dem Vermieter kämen nicht zustande, auch sein Anwalt Helmut Voigtland hat bislang trotz eines Vorschlags nichts erreicht. Der Jurist sagt der taz aber, ähnlich wie das benachbarte Kräuterhaus, sei versäumt worden, eine Option auf Vertragsverlängerung wahrzunehmen. Die Nachbarn hätten ein neues Quartier.
Viel Platz, der eine üppige Mietsteigerung – die letzte liegt laut Wohlers fünf Jahre zurück – vielleicht rechtfertigen könnte, ist nicht, der Buchladen ist nicht groß. Wohlers macht sein eigenes Programm, betreibt ein Antiquariat, das sich auf Hamburg, Norddeutschland, Geschichte und Kunst spezialisiert. Die Räume gehören einem Immobilien-Unternehmen am Hansa-Platz; das eine Stellungnahme ablehnt.
Am Abend sammelt sich eine Menschentraube vor dem Laden, die schnell größer wird. Der Einwohnerverein St. Georg hat zur Demonstration aufgerufen. Trotz des schlechten Wetters sind rund 400 Menschen gekommen – Jürgen Wohlers reagiert sichtbar bewegt. Einwohnervereins-Chef Michael Joho moderiert die Kundgebung. „Wir verstehen uns als politische Gewerkschaft“, sagt Ver.di-Chef Wolfgang Rose. Die ganze Stadt müsse sich gegen solche überzogenen Mieterhöhungen wehren. Der Stadtteilchor Drachengold singt eine abgewandelte Version des „Heidrösleins“. Heike Sudmann (Die Linke) spricht von einem „Fehler im System“, Schriftstellerin Peggy Parnass sagt, sie sei zwar Pazifistin, Wohlers’ Vermieter müsse man aber prügeln. Weihbischof Hans-Jochen Jaschke sagt, ohne Wohlers könne er nicht leben: „St. Georg muss Farbe und Geist behalten.“ Schauspieler Rolf Becker lässt ein Grußwort verlesen: Dem Hausbesitzer die Scheiben einzuwerfen, wäre viel zu einfach. Er ruft auf, soviel Öffentlichkeit wie möglich herzustellen.
Dann zieht die Gruppe auf den Hansaplatz, wo der Hauseigentümer sein Büro betreibt. Er bekommt ausrangierte Bücher mit frechen Sprüchen vor die Tür gelegt, die Menge buht und der Stadtteilchor singt – der Eigentümer bleibt aber unsichtbar.
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Leserkommentare
10.06.2012 11:51 | Käuferin
Ich habe Wohlers sehr wohl gesehen, seit über 20 Jahren kaufe ich dort ein und werde ggf. auch einmal zuverlässig beliefert ...
08.06.2012 12:53 | Rüdiger Bäcker
Es ist also mal wieder soweit ... Wir trauern konkret um unsere eigenen subjektiven nostalgischen Anmutungen. Betrauern gew ...