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Gespräch mit Kevin Rowland„Ich glaube schon, dass ich meine feminine Seite stark betone“

Ein Gespräch mit Kevin Rowland, Sänger der Dexys Midnight Runners, über seinen wütenden Vater, seine feminine Seite und den Fluch des Älterwerdens.

Interview von

Dirk Schneider

taz: Kevin Rowland, ist Ihr neues Album „Love“ eine musikalische Autobiografie?

Kevin Rowland: Ich glaube, es wurde dazu, obwohl das ursprünglich gar nicht beabsichtigt war.

taz: Letztes Jahr haben Sie Ihre Autobiografie „Bless Me Father“ veröffentlicht. Der Buchtitel bezieht sich auf das schwierige Verhältnis zu Ihrem Vater. Im Song „Once A Man And Twice A Child“ vom Album singen Sie nun über die Nähe, die Sie erst in seinen letzten Lebensjahren zu ihm herstellen konnten.

Im Interview: Kevin Rowland

Geboren 1953 im englischen Wolverhampton. Seine Eltern stammten aus Irland. Er arbeitete in der Baufirma seines Vaters und später als Friseur. Mitwirkung in diversen Bands. 1978 gründete er Dexys Midnight Runners, die ihren größten Hit mit „Come On Eileen“ (1983) hatten. In seiner Autobio­grafie „Bless Me Father“ (Penguin, London 2025, 400 S., ca. 15 Euro) schreibt Rowland offen über Drogenmissbrauch und sein egomanes Verhalten, das in der Band und in privaten Beziehungen immer wieder zum Problem wurde.

Rowland: Mein Vater hatte eine sehr große Präsenz in meinem Leben. Ich habe ihn als sehr wütenden Menschen erlebt, fast bis zum Ende. Mein Vater wurde 102. Fünf Jahre vor seinem Tod hatte er einen Schlaganfall, das hat ihm endlich erlaubt, etwas zu entspannen. Er wurde danach viel ruhiger, und für mich war es plötzlich möglich, mich mit ihm zu unterhalten. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit. Als er gestorben ist, habe ich nicht geweint. Bis heute nicht. Keine Ahnung, warum.

taz: Sie haben sich als als Künstler oft mit Ihrer femininen Seite auseinandergesetzt. Ob äußerlich, wenn Sie sich androgyn kleiden, oder in Songtexten. Auf dem letzten Dexys-Album, „The Feminine Divine“ leisten Sie Abbitte und singen davon, wieviel Schlechtes Sie Frauen angetan haben. Die Selbstkritik ist beeindruckend. Und doch habe ich mich gefragt, warum Sie Ihre eigene feminine Seite nicht ein bisschen mehr feiern?

Rowland: Ich glaube schon, dass ich meine feminine Seite sehr stark betone. Doch ich war mein Leben lang Macho. Oder sagen wir, ich habe vorgegeben, ein Macho zu sein, weil ich glaubte, hart sein zu müssen. Ich dachte, ich dürfte keine Schwächen zeigen, müsste alles selbst in die Hand nehmen, weil die Frauen mich sonst verlassen würden. Ich habe einfach an das ganze Programm geglaubt, Werte, mit denen ich groß geworden bin. Die Kontrolle, die Männer über Frauen hatten, und immer noch haben. Und das vor allem, weil wir Angst vor den Frauen haben. Wir haben solche Angst, vor ihrer Sexualität, vor allem. Und ich war Teil davon. Das musste ich erstmal loswerden.

taz: 1999 haben Sie Ihr Soloalbum „My Beauty“ bei Creation Records veröffentlicht. Labelboss Alan McGee hat es als seinen „letzten großen Misserfolg“ bezeichnet, auf den er bis heute stolz sei. Man sieht Sie auf dem Cover in Reizwäsche und geschminkt. Kein anderes Label wollte es in dieser Form veröffentlichen, aber Sie haben darauf bestanden. Wie schauen Sie heute darauf?

Rowland: Das kam vielleicht ein bisschen zu früh für mich, und geriet ein bisschen zu extrem. Es gab einen anderen Coverentwurf, der nicht so freizügig war. Vielleicht hätte der besser funktioniert und nicht so viel Wirbel erzeugt.

taz: McGee schreibt, dass er sich auf die Plakate mit dem Cover gefreut hat. Er wollte, dass es auf britischen Straßen zu Massenkarambolagen kommt, wenn die Leute das Bild an Bauzäunen sehen.

Rowland: Ich tat mich sehr schwer mit der Ablehnung, die das provoziert hat. Viele Leute sagten ich sei verrückt, das ging unter die Gürtellinie. Heute sind solche Reaktionen nur noch schwer vorstellbar. „My Beauty“ wurde ja vor fünf Jahren wiederveröffentlicht und hat sich gut verkauft, mit demselben Cover. Die Zeiten haben sich anscheinend gewandelt. Allerdings geht die gesellschaftliche Stimmung mit dem weltweiten Aufstieg der Rechten wieder in Richtung Machokultur.

taz: Produzent David Holmes hat Ihre Art zu singen mit Method Acting verglichen. In der Autobiografie beschreiben Sie den Zustand, in den Sie beim Singen kommen als „state of grace“, Zustand der Gnade. Wie erreichen Sie den?

Rowland: Manchmal erreiche ich ihn, manchmal nicht. Wenn ich vor Publikum stehe und wirklich alles gebe, wie ein Method Actor, dann passiert es leichter. Ich habe ein Buch vom russischen Schauspiellehrer Konstantin Stanislawski gelesen, dem Erfinder dieser Methode. Vieles hat damit zu tun, Spannung im Körper loszulassen. Und es geht darum, in die Person einzutauchen, die man spielt, und in die Szene. Auf mich bezogen heißt das: Ich muss mir darüber klar werden, zu wem ich singe, und warum, was bedeuten diese Worte wirklich, für mich persönlich? Vielleicht sind das auch ganz selbstverständliche Dinge, die jeder Sänger macht? Keine Ahnung, ich habe noch nie KollegInnen gefragt. Vielleicht sollte ich das mal tun.

taz: Im Epilog Ihres Buches steht, dass Sie Ihr Leben lang versucht hätten, ein gewöhnlicher Mensch zu sein. Aber musikalisch haben Sie das nie versucht, oder? Ich habe den Eindruck, dass Sie sich in der Musik immer ziemlich frei gefühlt haben.

Rowland: Das stimmt. Meine Musik war der Ort, an dem alles raus konnte. Aber ich schreibe in dem Buch über mein Leben, und das ist mehr als nur meine Musik, verstehen Sie? Ich habe mich immer darum bemüht, ein gutes Leben zu haben. Manchmal habe ich die Musik fast gehasst, denn das bin nicht wirklich ich, das ist nur eine Person, von der die Leute denken, das sei ich.

taz: Wer sind Sie denn wirklich? Trägt nicht jeder Mensch unterschiedliche Persönlichkeiten in sich?

Rowland: Ja. Dennoch ging es mir in meinem Leben so, dass ich dachte, ich müsste mehr wie die Anderen sein. Vergessen Sie nicht, dass ich den größten Teil meines Lebens nicht damit verbracht habe, Musik zu machen. Aber ja, in der Musik wollte ich mich immer unterscheiden, ich fand es wichtig, individuell zu sein, meinen eigenen Stil zu haben und zu sagen, was ich sagen möchte. Dort hatte ich immer Angst, zu sehr wie jemand anders zu klingen.

taz: Beim Lesen der Autobiografie hatte ich direkt Mitleid mit dem Mann, über den Sie da schreiben, weil Sie so hart mit sich selbst ins Gericht gehen.

Rowland: Ja, das habe ich schon öfter gehört. Ich weiß nicht. Ich musste dieses Buch genauso schreiben.

taz: Weil Sie die Wahrheit sagen wollten?

Rowland: Exakt. Meine Geschichte verlief anders als die anderer Musiker. Nach dem Motto: Ich ging zur Schule, mochte sie nicht, habe sie verlassen, meine Leute gefunden und eine Band gegründet. So war es bei mir nicht. Ich hatte viele Kämpfe auszufechten. Und ich gehe auch mit anderen Leuten hart ins Gericht. Mit meinem Vater und meinem Bruder. Und darum musste ich auch zu mir selbst hart sein, sonst wäre es nicht gerecht.

taz: Bei Ihrer letzten Tour vor drei Jahren haben Sie zuerst die Songs von Ihrem damals aktuellen Werk „The Feminine Divine“ gespielt – tolle, mitreißende Musik. Aber erst am Ende, bei „Come On Eileen“, sind alle aufgestanden und haben getanzt. Ist das nicht auf Dauer frustrierend?

Rowland: Ich bin dankbar für „Come On Eileen“, für alles, was dieser Song mir gegeben hat. Vor allem für das Geld. Aber ja, es ist schon ärgerlich, wenn die Leute nur diesen einen Song von mir kennen. Manchmal kommen Menschen auf mich zu und sagen: Ich habe deine Musik geliebt, „Come On Eileen“ hat mir so viel bedeutet. Ja, schön, danke, sage ich dann, aber weißt du was, wir machen immer noch Musik! Es ist schwierig. Ich weiß bis heute nicht, wie ich damit umgehen soll.

taz: Es gibt einen Song auf Ihrem neuen Album, der mir besonders gut gefällt, „Old Love“. Darin singen Sie, wie schwer es ist, alt zu werden, und ausschließlich als alter Mensch wahrgenommen zu werden. Da ist mir erst klar geworden, dass Sie inzwischen über 70 sind. Ich habe Sie nie als alten Mann gesehen.

Rowland: Junge Leute nehmen einen gar nicht wahr, für sie existiert man gar nicht. Und wenn, dann sehen sie nur das Alter. Ich fühle mich im Inneren wie früher. Dass ich alt bin, merke ich nur, wenn ich in den Spiegel schaue. Sonst vergesse ich es einfach. Aber manchmal fühle ich mich einfach müde. Den Song habe ich auf einem Sofa liegend aufgenommen. Unser Toningenieur Sam hat mir ein Mikro hingestellt, ich wollte so müde klingen, wie ich mich an manchen Tagen fühle. Alt und müde, und müde davon, alt zu sein.

taz: Ich kenne Sie ja nur von Fotos und auf der Bühne, mit extravaganten Klamotten. Sind Sie auch im Alltag so angezogen? Wenn ja, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, dass die jungen Leute Sie übersehen.

Rowland: Na gut, sie mustern mich schon. Aber keine Ahnung, was sie in mir dann sehen. Eine Art Exzentriker? Aber Sie haben vermutlich recht, das spielt sich alles vor allem in meinem Kopf ab.

taz: Warum nennen Sie sich jetzt wieder Dexys Midnight Runners, nachdem Sie zuletzt nur noch Dexys hießen?

Rowland: 2024 haben wir beim Glastonbury-Festival gespielt. Kurz zuvor habe ich vor meinem Wohnhaus auf einer Bank gesessen und mich mit einer jungen Nachbarin unterhalten. Sie hat mir erzählt, dass sie nach Glastonbury fährt, und ich erzählte ihr, dass ich dort mit meiner Band spiele, die Dexys heißt. Darauf sie: Ah, hat die etwas mit Dexys Midnight Runners zu tun? Da wurde mir klar, dass es junge Menschen gibt, die Dexys Midnight Runners kennen, wahrscheinlich durch Songs wie „Come On Eileen“ und „Geno“. Also, dachte ich, müssen wir zurück zum Originalnamen.

taz: Das letzte Wort auf Ihrem neuen Album ist „Goodnight“.

Rowland: Ja. Das ist eine gute Art, zum Ende zu kommen, vielleicht wird dies unser letztes Album sein. Es war eine ganz schöne Reise von „Searching For The Young Soul Rebels“ bis jetzt. Sieben Alben. Nicht, dass wir überaus produktiv waren, aber ich finde, wir haben ganz gute Arbeit geleistet.

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