Gespräch mit einem Modedesigner

„Meine Anzüge sind sehr Berlin-typisch“

Aus abgelegter Arbeitskleidung macht Daniel Kroh tragbare Stadtmode oder Bühnenkostüme. Seine nachhaltige Arbeitsweise sieht er auch als politisches Statement.

Der Berliner Modedesigner Daniel Kroh Foto: Sebastian Wells

taz: Herr Kroh, sind die Berliner gut angezogen?

Daniel Kroh: Man kann nicht von der Berlinerin oder dem Berliner sprechen. In den Bezirken gibt es ganz unterschiedliche Styles.

Welche denn?

Die Prenzlauer Berger sind ziemlich praktisch angezogen. Sie tragen so einen alternativen Schick, der eine gewisse Qualität hat, den man aber nicht nach außen zeigt. In Mitte sehe ich mehr Design, mehr Lifestyle, in Schöneberg ist der Stil noch alternativer. In Charlottenburg wird’s dann schon wieder schicker, in Kreuzberg und Neukölln geht es eher hip zu.

Gibt es trotzdem ein typisches Stilmerkmal?

Den Berlinern kommt es darauf an, dass Kleidung praktisch und bequem ist. Die Straßen sind halt nicht unbedingt die besten, man braucht gutes Schuhwerk. Und im Winter weht ein rauer Wind, da muss es etwas Wetterfestes sein.

Der Mensch

Daniel Kroh, Jahrgang 1976, kommt aus Bad Homburg im Taunus. Der gelernte Herrenschneider studierte Modedesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und belebte damit eine Fami­lien­tradition wieder. Schon sein Urgroßvater schneiderte um 1900 Herrenmode, damals noch in Böhmen. 2006 gründete Kroh sein Modeunternehmen. Gemeinsam mit drei Mitarbeitern entwirft und schneidert er hochwertige Herrenmode aus ehemaliger Arbeitskleidung von Schweißern, Malern, Glasern oder Tischlern. Die Krähe im Firmenlogo ist seinem Nach­namen entlehnt, der aus dem Tschechischen „Kroha“ kommt und „Krähe“ bedeutet. An den Vögeln, sagt Daniel Kroh, fasziniere ihn ihr Witz und ihre Unangepasstheit. Der Vater eines Sohns lebt in Berlin-­Wedding.

Der Designer

Seine Herrenmode zeigte Kroh bisher auf Fashion Shows und Modemessen in Wien, Tokio und Berlin. Außerdem kleidete er die Musiker der Bigband Brigade Futur III ein und zuletzt die Schauspieler des Theaters Oberhausen für das Stück „Die Schneekönigin“. Gele­gentlich entwirft Daniel Kroh auch Möbel.

Wichtig ist ihm der nachhaltige Umgang mit Ressourcen, weshalb seine Einzelanferti­gungen und Kollektionen lokal beziehungsweise mit kurzen Transportwegen produziert werden. Sein Atelier ist im Haus Christiania, einem ehemaligen Umspannwerk in Wedding, heute ein Haus, in dem Kulturwirtschaftler arbeiten. Das Schönste am Beruf des Modedesigners, sagt Daniel Kroh, sei, „einer Jacke von mir auf der Straße zu begegnen“. (boe)

Und ist das jetzt schick?

„Den Berlinern kommt es darauf an, dass ihre Kleidung praktisch und bequem ist“

Für deutsche Verhältnisse, ja. International betrachtet eher „Mittelmaß“.

Verglichen mit Paris, London, Mailand …?

Verglichen mit Mailand oder Paris achtet der Deutsche an sich weniger auf die Kleidung – was ich als Modemacher natürlich schade finde. Ich kann diese ganzen Funktionsjacken im Stadtbild einfach nicht mehr sehen. Gerade da kann designtechnisch noch viel passieren.

Wenn Sie ein Berlin-Outfit für den Laufsteg entwerfen würden, wie würde das aussehen?

Ich kann schon sagen, dass meine Anzüge sehr Berlin-typisch sind.

Also ein Anzug …?

Ja, ein Anzug aus Arbeitskleidung, farblich würde ich ein dunkles Grau wählen. Aber dann darf es schon ein Anzug mit abgesetzten Nähten sein, mit kleinen Details, einer versteckten Raffinesse. Ich arbeite mit Fehlern, also mit geflickten Stellen, und finde, dass das auch sehr gut zu Berlin passt. Wichtig ist, dass sich der Träger wohl fühlt, denn so eine Jacke ist letztendlich sein Wohnzimmer.

Wie ist Ihre Idee, aus Arbeitskleidung feine Mode zu designen, entstanden?

Während meiner Ausbildung zum Herrenschneider wollte ich Modedesign studieren, das habe ich dann in Berlin getan. Im zweiten Semester hatte ich die Idee, die Mensa-Frauen neu einzukleiden. Wir waren schließlich auf einer Hochschule für Gestaltung und ich fand es schade, dass die Damen in den letzten Kitteln rumliefen.

Welches Outfit haben Sie ihnen verpasst?

Sie hatten alle Hosen an, die waren ein bisschen eleganter geschnitten. Farblich habe ich hellblau, gelb und weiß kombiniert. Und längere Jacken, denn die Damen hatten nicht unbedingt Modellmaße, wie man sich vorstellen kann. Inspiriert war die Kleidung von japanischen Kimono-Schnitten, nur auf Kochjacke gedreht. Die Idee habe ich mit Arbeitskleidung umgesetzt, zunächst aber mit neuen Stoffen.

Sicher eine tolle Herausforderung …

Das war teilweise gar nicht so einfach, weil ich die Sachen immer wieder neu nähen musste. Eine der Damen hatte nichts anderes mehr zu tun, als abzunehmen, nachdem sie wusste, dass sie bei der Modenschau mitmachen würde. Die hat innerhalb von sechs Wochen 20 Kilo abgenommen. Und eine andere nahm nur noch zu.

Und wie fanden die Mensa-Frauen ihre neue Arbeitskleidung?

Sie waren total stolz und haben die Sachen mit Pathos getragen. Wir haben dann eine Show in der Mensa gemacht.

So richtig mit Laufsteg?

Mit Laufsteg und Podesten, auf die sind sie dann gestiegen und haben ihre Küchengeräte hochgehalten. Ich habe erst mal alle Frauen in einer Reihe einmarschieren lassen. Zum Schluss der Show haben sie auf Tabletts Rote Grütze mit Vanillesauce ins Publikum verteilt. Das Projekt hieß Eintracht Mensa.

Damals haben Sie zu Ihrem Material, der Arbeitskleidung, gefunden?

Über dieses Projekt lernte ich zunächst eine Firma kennen, die Arbeitskleidung an Handwerksbetriebe vermietet. Anschließend habe ich dort als Designer in der Produktentwicklung gearbeitet und bin auf das aussortierte Material gestoßen. Für mich ein kleines Wunder. Ich habe mich durch die Tonnen und Berge gewühlt, angefangen zu sammeln und zu sortieren. Mein erster Impuls war: Du musst das Zeug vor dem Schredder retten.

Woher kommt dieser Antrieb, scheinbar Wertloses zu retten und es zurück in den Wirtschaftskreislauf zu bringen?

Das ist eine ordentliche Portion Rebellentum, gepaart mit einem absoluten Gestaltungswillen. Ich habe mich nun mal in dieses Material verliebt. Ich fühle mich verantwortlich dafür. Das ist meine Aufgabe. Arbeitskleidung zu retten, hat für mich aber auch etwas Romantisches.

Weil die Kleidung schon eine Geschichte hat …?

Ja, aber auch, weil sie aus dem wirklichen Leben kommt. Sie kommt vom Malocher und ich bin auch eher ein Malocher. Also ein bisschen der Bauarbeiter unter den Designern.

Wollen Sie mit Ihren Blaumännern nicht auch dem Modezirkus etwas entgegensetzen? Es ist ja schon ein Statement, mit gebrauchter Arbeitskleidung zu arbeiten.

Auf der einen Seite ist es ein politisches Statement. So nach dem Motto: Seht her, wir schöpfen Wert aus etwas anscheinend Wertlosem, und das mit Stil und hohem Anspruch. Andererseits brauchen wir Alternativen in der Textilindustrie, denn es wird einfach so viel für den Mülleimer produziert.

Upcycling ist so eine Alternative: Was bedeutet das eigentlich genau? Ganz einfach gesprochen bedeutet das, aus etwas Wertlosem etwas Wertvolles zu schöpfen. Als ich 2006 angefangen habe mit dem Thema, kannte ich den Begriff überhaupt nicht. Ich bin am Anfang auch immer in die grüne Schublade gesteckt worden, in die Öko-Ecke.

Öko umgibt eher das Image, dass es langweilige Mode ist, oder?

Ja, so müslimäßig, aber es ist schon viel besser geworden. Im ökologischen Sinne finde ich das alles wunderbar, aber vom Designanspruch gehe ich da einen anderen Weg. Mittlerweile gibt es aber auch ein paar gute Labels.

Welche?

Ich habe zum Beispiel einen schönen Regenmantel von Rains, der ist aus recycelten Pet-Flaschen produziert.

Upcycling ist also nicht Öko, sondern nachhaltige Mode?

Nachhaltiger geht’s für mich nicht. Wir nutzen Vorhandenes und rezyklieren das zu etwas Neuem. Es muss überhaupt nichts neu angebaut oder geerntet und mit sehr viel Wasser und Chemikalien behandelt werden. Noch nachhaltiger wäre es, wenn wir Zero Waste mit unserem neuen Produkt schaffen würden.

Ist das Ihr Anspruch – gar keinen Müll zu produzieren?

Ja, ich habe jetzt wieder angefangen, Abschnitte zu sammeln. Deswegen quillt das Lager auch gerade über.

Was machen Sie daraus?

Mit diesen Resten experimentiere ich, daraus entstehen dann zum Beispiel Ballonmützen oder Jacketts.

Ziemlich konsequent, Ihr Ansatz, alles verwerten zu wollen: Begreifen Sie sich als Kapitalismuskritiker?

(zögert) Wenn ich an die Verschwendung und das Ignorieren von natürlichen Ressourcen denke, dann ja. Und wer billig kauft, kauft letztendlich teuer. Die Relationen stimmen einfach nicht mehr. So möchte ich nicht konsumieren, man hat doch nur Freude an Dingen, wenn man lange etwas davon hat.

Ihre Kleidung wird inzwischen auch bei Manufactum verkauft: so wie die Weste, die Sie tragen. Wie entsteht so ein Stück?

Zuerst kommt das Material gereinigt von der Mietwäsche-Firma. Dann wird es von meinen Mitarbeitern und mir nach Qualität und Eigenschaften gesichtet, farblich sortiert und aufgetrennt. Zum Beispiel schneiden wir eine Latzhose in der Mitte durch, trennen die Hosenträger und aufgesetzten Taschen ab. Diese Details kommen dann wieder an anderer Stelle vor (zeigt auf den Kragen seiner Weste, früher Taschenklappen einer Latzhose). Später gehen wir im Atelier mit unseren Schnittkonstruktionen über dieses Stück Stoff und schauen, wo wir das Filet rausholen. Für eine Weste brauchen wir zwölf Schnittteile, also mindestens zwei bis drei Hosen.

Oh, das ist viel …

Genau, ich brauche viel von dem Material. Danach wird mit Schneiderkreide angezeichnet und zugeschnitten. Zum Nähen gehen die Sachen dann raus in lokale Werkstätten.

In Berlin?

Ja, größtenteils. Wir haben mittlerweile aber auch eine Manufaktur in Stettin.

Bevor die Weste fertig ist, wird noch ein Zettel ins Innere genäht, auf dem steht, wer die Kleidung vorher getragen hat. Warum ist Ihnen diese Geschichte so wichtig?

Weil jede Berufskleidung ihre eigenen Gebrauchsspuren hat. Diese Spuren der unterschiedlichen Gewerke erzählen, was zum Beispiel der Dachdecker mit der Hose gemacht hat. Ob er auf den Knien gerutscht ist und sie deshalb verstärkt oder auch drei Mal geflickt wurde. Oder bei Malern, das sind manchmal tolle Farbcollagen auf der Kleidung. Jedes Handwerk beansprucht die Kleidung anders und das macht das neue Stück dann besonders.

Wie kamen Sie eigentlich zur Mode?

Durch meine Mutter, die sehr gut stricken kann. Jedes Mal, wenn ich eine neue Hose bekam, hat meine Mutter einen passenden Pullover dazu gestrickt. Wir hatten einen sehr schönen Wollladen in unserem Ort. Als kleines Kind bin ich mit meiner Mutter dorthin gegangen, um mir die farblich passende Wolle auszusuchen. Ich bin dann schon als Dreijähriger durch die Regale gelaufen. Mit sechs Jahren habe ich selbst angefangen zu stricken.

Ihre Mutter hat viel Wert auf gute Kleidung gelegt?

Ja, und mein Vater auch. Meine Mutter war sehr stilbewusst und stilsicher. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun.

Hat es nicht?

Wir haben nie viel Geld für teure Kleidung ausgegeben und wir sahen trotzdem immer gut aus. Stil kann man nicht kaufen. Stil kann man lernen.

Aber kauft man nicht Stil, wenn man ein Jackett von Ihnen kauft?

Ich kann da beratend tätig sein. (lacht) Stil ist eher etwas Emotionales, etwas Bauchiges. Also, welche Farben, welche Materialien, welche Schnitte gehen zusammen, wie kombiniere ich etwas. Ist es vielleicht auch mal ein Stilbruch, der dann wieder stilvoll ist. Das ist etwas sehr Gefühliges, das man nicht kaufen kann.

Welches Männerbild schaffen Sie mit Ihrer Mode?

Es muss auf jeden Fall lässig sein. So ein bisschen der Großstadtcowboy mit Eleganz, aber auch genügend Laissez faire. Beim Mann darf es nie aufgesetzt wirken.

Und worum geht’s bei Ihrer Frauenmode?

Bei der Frau versuche ich auch so eine Rock ’n’ Roll-Attitüde zu integrieren, da darf es auch noch ein bisschen eleganter und verspielter sein. Bei der Frau kann man mehr experimentieren als beim Mann. Mein Hauptaugenmerk liegt jedoch bei Männermode.

Wer sind eigentlich die Player in der Modemetropole Berlin?

Für mich sind es Frauen, wie Arianna Nicoletti, die die „Green Fashion Tours“, geführte Touren durch Shops und Ateliers für nachhaltige Mode, organisiert. Oder Ina Budde, Gründerin von „Design for Circularity“, die mit ihren digitalen Designtools – wie QR-Codes im Innenfutter – über die Herkunft und Produktion ihrer Kleidung informiert. Oder auch Elisabeth Prantner, die alte Kleidung mit ihrem Veränderungs­atelier umgestaltet. Mit der typischen Glitzer- und Glamourwelt in der Mode kann ich nicht so viel anfangen.

Warum nicht?

Da bin ich zu sehr der Handwerker. Ich bin auch eher Bier- und nicht Champagnertrinker.

Und die Fashion Week oder Bread and Butter: Nehmen Sie nicht daran teil?

Nicht an den großen Shows, aber zur Selvedge Run [Modefachmesse für nachhaltige Kleidung und Accessoires, Anm. der Red.] würde ich als Aussteller schon gut passen. Jedoch sind die Kosten für solche Veranstaltungen exorbitant. Eine Show bei der Fashion Week belief sich in den letzten Jahren auf 10.000 bis 20.000 Euro und ist deshalb für kleine Unternehmen schwer zu realisieren.

Man kauft sich da ein?

Ja klar, so ein Messestand kostet etwa 5.000 Euro. Und das ist noch relativ günstig im Vergleich zu Mailand oder Paris.

Berlin versucht sich seit Jahren hartnäckig als Modemetropole. Finden Sie, dass das gelingt?

Mein Eindruck ist, dass die Stadt seit zehn Jahren in der Findungsphase ist und sich noch immer nicht gefunden hat. Von der deutschen Vogue gibt es einen Showroom, da werden immer mal wieder interessante neue Talente gefördert oder protegiert. Was die Modeveranstaltungen angeht, hat es Berlin aber auch nicht leicht.

Wieso nicht?

Berlin kam zum Schluss in die Modewelt Europas und es war immer ein Kampf, sich neben den großen Modemetropolen wie Paris, Mailand und London zu etablieren.

Wegen der fehlenden Kaufkraft?

Auch deshalb. Bei der ersten Fashion Week 2007 haben die Veranstalter beschlossen, als erste Stadt Europas mit den Shows anzufangen. Doch hatten sie dann das Problem, dass bei den Einkäufern für die Boutiquen und Stores das Geld noch nicht so locker saß, weil die etablierten Messen der anderen Städte noch folgten.

Die falsche Herangehensweise … ?

Ich glaube, die Veranstalter haben vom Konzept her schon einiges richtig gemacht. Sie hatten dann aber auch noch die großen Messen gegen sich. Paris war nicht daran interessiert, das sich Berlin auch noch etabliert. Kreatives Potential ist in der Stadt vorhanden, gar keine Frage.

Eine andere Frage: Mit welchen Berufsbekleidungen würden Sie gern mal arbeiten?

Eine maritim inspirierte Kollektion schwebt mir vor, so mit Matrosen- und Kapitänsuniformen. Auch die Kleidung von Dock- und Hafenarbeiter würde sich dafür anbieten.

Und wen würden Sie gerne einkleiden?

(lacht) Helge Schneider hätte ich gerne mal unter meinem Fingerhut. Bei ihm denkt man immer gleich an den Clown, aber er ist bestimmt auch ein Gentleman. Früher war es immer David Bowie, aber das geht leider nicht mehr.

Zuletzt haben Sie Schauspieler am Stadttheater Oberhausen ausgestattet: Bestimmt haben Sie die Kontroverse um Neu-Intendant Chris Dercon in der Volksbühne verfolgt. Wie würden Sie die Schauspieler dort einkleiden?

Ich weiß, dass Chris Dercon mehr auf Performance und Tanz geht. Ein Blaumann-Tütü auf den Brettern der Volksbühne wäre doch reizvoll.

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