Vor Lampedusa ist ein Flüchtlingsschiff gekentert, zahlreiche Menschen werden vermisst. Bereits am Donnerstag starben vor der türkischen Küste 61 Menschen.von Jürgen Gottschlich

Ein Mitarbeiter der türkischen Küstenwache trägt die Leiche eines ertrunkenen Flüchtlings nahe Izmir. Bild: dpa
ISTANBUL taz | Nachdem es mehrere Monate lang keine Meldungen mehr über ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer gegeben hat, gab es dort jetzt wieder neue Todesfälle. Vor der türkischen Ägäisküste lief ein Fischerboot in Sichtweite der Küste auf einen Felsen und sank. Vor der italienischen Insel Lampedusa kenterte ein weiteres mit Flüchtlingen überladenes Boot.
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Südlich der türkischen Metropole Izmir kam es zu einer nahezu beispiellosen Katastrophe. Obwohl ein rund 20 Meter langes, mit über 100 Menschen völlig überladenes Fischerboot nur 50 Meter vom Strand entfernt auf einen Felsen auflief und daraufhin sank, starben mindestens 61 Menschen. Nach Angaben der türkischen Behörden waren unter den Opfern 31 Kinder und 18 Frauen.
Der Grund, warum so viele Menschen starben, war offenbar, dass die Schmuggler Frauen und Kinder unter Deck eingesperrt hatten, um einen Angelausflug vortäuschen zu können. Die Eingesperrten konnten sich nicht mehr befreien und starben in Sichtweite des Strandes. Knapp 50 Leute wurden gerettet oder konnten an den Strand schwimmen, darunter der Kapitän und ein Helfer. Beide wurden festgenommen.
Von dem Fischerboot, dass rund 10 Meilen vor Lampedusa kenterte, konnten ebenfalls rund 50 Menschen gerettet werden. Eine Person starb, mehrere Dutzend werden noch vermisst. Genaue Angaben über die Vermissten gibt es bislang nicht. Es sollen aber mehr als 100 Menschen an Bord gewesen sein. Das Boot soll in Tunesien gestartet sein und versucht haben, in Lampedusa EU-Territorium zu erreichen.
Auch die vor der türkischen Küste gekenterten Flüchtlinge waren auf dem Weg in die EU. Angeblich war ihnen versprochen worden, sie nach Großbritannien zu bringen. Die erste Etappe hätte erst einmal auf eine der griechischen Inseln geführt, die vor der türkischen Küste liegen. Die meisten Flüchtlinge an Bord stammten nach Angaben der Polizei aus Syrien, dem Irak und den palästinensischen Gebieten. Vor allem Syrer, die vor dem Bürgerkrieg fliehen mussten und monatelang in Lagern in der Türkei oder im Irak ausharren müssen, versuchen vermehrt nach Europa zu kommen.
Weil die europäische Grenzpolizei Frontex gemeinsam mit ihren griechischen Kollegen die Landgrenze zu Griechenland mittlerweile stark überwacht, werden laut Flüchtlingsorganisationen die alten Fluchtrouten über die Ägäis wieder aktiviert. So wurden nach Angaben griechischer Behörden allein im August auf den Ägäisinseln 400 Flüchtlinge aufgegriffen. Im letzten Jahr waren es im selben Zeitraum nur rund ein Viertel.
Während Flüchtlingsorganisationen die mangelhafte Unterbringung beklagen – auf Samos sind deswegen 50 syrische Flüchtlinge im Hungerstreik –, fordern griechische Behörden von Frontex mehr Unterstützung zur Überwachung der Seegrenze an.
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