Gewalt gegen werdende Mütter

Das Kind ist da. Es schreit nicht

Schwangere, die bei der Geburt eine missbräuchliche Behandlung erleben, werden beschwichtigt: „Dem Kind geht's doch gut?“ Doch was, wenn nicht?

Ein paar Babyfüße auf einer blaugemusterten Decke

Mit den Füßen zuerst auf die Welt – wie es der Mutter dabei geht, ist den Ärzten egal Foto: Imago/ Westend 61

Für einen kurzen Moment ruht unsere Tochter schlaff auf seinen Händen. Sie schreit nicht. Sie zuckt nicht. Nicht mal ein bisschen. Der ganze Körper ist blau. Die Augen geschlossen. Dann dreht der ­Oberarzt sich um.

„6.17 Uhr: Sofortige Abnabelung des Neugeborenen. Erstversorgung durch die diensthabenden Ärzte und Anästhesisten“ (aus der Krankheitsgeschichte)

Ich weiß nicht, wo unsere Tochter jetzt ist. Ich weiß nicht, ob 6.17 Uhr sowohl ­ihren Geburts- als auch ihren Todeszeitpunkt bestimmt.

Der Morgen davor: Um sieben Uhr kamen wir in die Klinik. Unsere Tochter war überfällig, nun sollte die Geburt eingeleitet werden. Zuvor war ich in der Beckenendlagensprechstunde bei dem uns empfohlenen Oberarzt gewesen. Er bestärkte uns in unserem Vorhaben trotz der Steißlage zunächst eine natürliche Geburt zu versuchen, es sei sein Spezialgebiet. Er versprach mir, dass wir uns bis zur Geburt in regelmäßigen Abständen sehen würden und dass er die Geburt begleiten würde. Dann streikten die Ärzte. Die folgenden Termine wurden von wechselnden Assistenzärztinnen übernommen. Ob ich denn den Oberarzt noch mal sehen könne? „Warum? Das können hier alle gleich gut.“

6.19 Uhr: Keine Herzfrequenz, keine Atmung, kein Tonus, keine Reflexe (aus dem Erstversorgungsprotokoll)

Am Tag der Einleitung sahen wir ihn wieder. Er steckte morgens seinen Kopf durch die Tür und wünschte uns viel Glück, ansonsten blieben wir allein im Kreißsaal. Alle paar Stunden kamen wechselnde Hebammen und verabreichten mir Einleitungstabletten und schnallten mich ans CTG. 20 Minuten sollte das ungemütliche Prozedere in Seitenlage jeweils dauern. Jedes Mal wurde ich vergessen, und erst nach anderthalb Stunden erbarmte sich jemand, und ich durfte endlich wieder aufstehen. Es gab keine Untersuchung, kein Gespräch über das weitere Vorgehen, und auch der Arzt kam nicht wieder, bis er zum Feierabend ein weiteres Mal den Kopf durch die Tür steckte, um sich zu verabschieden. Gegen 22 Uhr kam eine Hebamme: „Sie waren ja heute unser Lieblingspaar, um sie mussten wir uns gar nicht kümmern.“

6.22 Uhr: Keine Herzfrequenz, keine Atmung, kein Tonus, keine Reflexe

Trotz der geplanten Einleitung hatte man kein Zimmer für uns. Wir kamen in ein Vorwehenzimmer ohne Fenster. Es war heiß, an Schlaf war nicht zu denken. Als meine Fruchtblase platzte, lief ich zum Empfang, um mich zu entschuldigen und zu sagen, dass ich da eine ziemliche Sauerei veranstaltet hätte.

Gewalt gegen Frauen ist global – und sie ist nebenan. Sie ist institutionell und sie ist persönlich. Und sie ist immer ein Problem von allen. Am 25. November ist Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen; darum finden Sie diese Woche jeden Tag einen Text zum Thema.

Alle Texte finden Sie unter taz.de/gewaltgegenfrauen

Die Medikamente taten ihren Dienst nun mit ungeheurer Wucht. In nur anderthalb Stunden war der Muttermund zehn Zentimeter geöffnet. Das stellte allerdings weder ein Arzt noch eine Hebamme fest, sondern der inzwischen anwesende Anästhesist, der gerade dabei war, mir eine PDA zu legen. „Untersucht die mal, so wie die atmet, geht’s gleich los.“ Die ebenfalls anwesende Assistenzärztin lehnte ab. „Mach du mal“, sagte sie zu der Hebamme. Da war ein Fuß unserer Tochter schon deutlich zu spüren. Wir blieben wieder allein im Kreißsaal. Ab und an schaute die Hebamme nach uns, die gleichzeitig noch weitere Geburten zu betreuen hatte.

6.23 Uhr: Keine Herzfrequenz, keine Atmung, kein Tonus, keine Reflexe

Dann sollte ich mich in den Vierfüßlerstand begeben. Der Fuß war jetzt sichtbar. Die Assistenzärztin, die mich vorher nicht hatte untersuchen wollen, wurde hinzugerufen und wollte den Raum gleich wieder verlassen. Die Hebamme hinderte sie daran: „Sie gehen jetzt nirgendwo mehr hin!“ Ein weiterer Arzt kam hinzu. Er blieb mit verschränkten Armen in der Tür stehen. Die Wehentätigkeit ließ nach, obwohl der Wehentropf stetig hochgeregelt wurde. Auf den Monitoren suchten sie immer verzweifelter nach Herztönen. Eine zweite Hebamme kam.

Hebammen und Ärztin waren uneins über das weitere Vorgehen, so viel bekam ich mit. Aber was passierte hier gerade? Was sollte ich tun? Warum redete keiner mit mir? Ich hielt mich an meinen Freund, wir atmeten gemeinsam, ich presste auch ohne Wehen. Der Unterkörper meiner Tochter wurde geboren. Ihre Beine baumelten zwischen meinen Schenkeln hin und her, und der unglaubliche Schmerz, den jede ihrer Bewegungen verursachte, wurde nur von meiner Angst betäubt. Ich presste und presste. Doch es ging nicht weiter. „Sie müssen jetzt schon mal ein bisschen helfen,“ rief mir die Assistenzärztin vom Fußende zu. „Sie helfen der Mutter nicht“, fauchte die Hebamme sie an.

6.26 Uhr: Keine Herzfrequenz, keine Atmung, kein Tonus, keine Reflexe

„Also wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Kind stirbt, dann drehen sie sich jetzt auf den Rücken“, sagte der Oberarzt aus der zweiten Reihe, kam aufs Bett zu und krempelte die Ärmel hoch. „Wie denn?“, fragte ich verzweifelt. Wie sollte ich es anstellen, mit all der Verkabelung aus dem Vierfüßlerstand auf den Rücken zu gelangen, ohne das Kind zu zerdrücken? Doch kein Wort der Anleitung oder Beruhigung. Irgendwie schaffte ich es, und der Oberarzt legte sich auf meinen Bauch und drückte. Endlich folgten Oberkörper und Kopf. Dann Stille.

6.31 Uhr: Herzfrequenz: 130, keine Atmung, kein Tonus, keine Reflexe.

Alles, was ich zurückbehalte, ist ein Streifen Käseschmiere auf meinem Oberschenkel. Niemand informiert uns in der kommenden Stunde, ob dieses kleine blaue Wesen, das so kurz meinen Schenkel berührt hat, lebt.

Die Hebamme, die bei mir ist, als ich die Plazenta herauspresse, weiß so wenig wie wir. Irgendwann hilft sie mir behutsam auf die Beine und schiebt das blutüberströmte Bett aus dem Raum.

Auf dem Gang rollt gerade der Inkubator mit meiner nackten, auf einer Kühldecke gelagerten Tochter vorbei, die in ein anderes Krankenhaus gebracht werden soll. Sie hat zwei Schläuche in der Nase. Ihre Augen sind immer noch geschlossen.

7.00 Uhr: Herzfrequenz: 135, Atmung: 1, Tonus: 1, Reflexe: 0

Gewalt gegen Frauen ist global – und sie ist nebenan. Sie ist institutionell und sie istpersönlich. Und sie ist immer ein Problem von allen. Am 25. November ist Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen – seit 1999 ein offizieller Aktionstag der Vereinten Nationen.

Diese Woche haben wir von Sexarbeiter*innen gehört, die sich gegen übergriffige Freier zusammentun. Von Müttern, die im ländlichen Nigeria gegen Tabus antreten. Es ging um Transfrauen, die in der Türkei um ihre Sicherheit fürchten müssen – und um Gewalt gegen Männer.

Alle Texte finden Sie unter taz.de/gewaltgegenfrauen

„Reden Sie mit ihr“, sagt die Hebamme und blickt auf unsere Tochter. In diesem Moment kommt mein Freund he­rein. Er war draußen, hatte es nicht mehr ausgehalten in dem kleinen Kreißsaal. Später erzählt er, dass es unwirklich schön gewesen sei am frühen Morgen in der warmen Sonne draußen am Kanal. Wie gerne würde ich meiner Tochter etwas sagen, aber ich stehe da in einer Pfütze aus meinem eigenen Blut, und mir fällt nichts ein.

Ich sehe mich von oben. Alle schauen mich an. Die Stille ist schwer zu ertragen. Endlich sagt mein Freund laut und deutlich ihren Vornamen. Sie sollte nicht anonym ins andere Krankenhaus verlegt werden, sagt er mir später, sie sollte nicht anonym sterben.

Wir dürfen unsere Tochter nicht begleiten. Mein Freund bekommt einen rosa Post-it mit der Adresse der Klinik, in die sie verlegt wird. Da stehen wir, ohne unsere Tochter, aber mit einem Post-it. „Ruhen Sie sich erst mal aus, in zwei Stunden rufen wir da an und fragen, ob die ein Zimmer für Sie haben. Sieht aber momentan nicht danach aus.“ Wir entlassen uns selbst und fahren hinterher.

Zwei Tage später sitzen wir am Bett unserer auf 33 Grad heruntergekühlten Tochter und halten ihre Füße. Streicheln oder hochnehmen dürfen wir sie nicht. Zwischendurch gehe ich in unser Zimmer (das erstaunlich schnell frei war, als wir sagten, dass wir den Einzelzimmerzuschlag zahlen würden), um abzupumpen. Meine Tochter bekommt Muttermilch über eine Magensonde. Plötzlich wird die Tür aufgerissen, und das Ärzteteam der Klinik, in der unsere Tochter geboren wurde, steht vor mir. Vielleicht sind sie da, um sich zu entschuldigen. Sie sagen es nicht.

Stattdessen: „Das ist alles sehr unglücklich gelaufen.“

Und wieder stehen sie über mir. Sie blicken auf mich und meine Milchpumpe herab: der Oberarzt, der nicht da war, und die Assistenzärztin, die im entscheidenden Moment weg­laufen wollte. „Wir waren gerade bei ihrer Tochter, sie scheint ja jetzt recht stabil.“

Alles, was ich in diesem Moment denke, ist: Wer hat euch eigentlich hereingebeten? Wer hat euch eigentlich erlaubt, sie zu sehen? Warum hat mich keiner gefragt, ob ich damit einverstanden bin?

Aber das sage ich nicht. Ich bleibe höflich. Ich schüttele Hände. „Wir sollten in Kontakt bleiben“, sagt der Oberarzt noch.

Wir haben uns nie wieder bei ihm gemeldet.

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