Girl Talk übers Sampeln von 372 Popsongs

"Ich bewege mich in einer Grauzone"

Gregg Gillis alias Girl Talk macht aus 372 Song ein 71 Minuten langes Album – zum Gratis-Download. Trotzdem lässt ihn die Musikindustrie in Ruhe. Ein Gespräch über modernes Musikmachen.

Laptopgefrickel: Girl Talk auf der Bühne im Liberty State Park, New Jersey im Sommer 2008.  Bild: ap

taz: Mr. Gillis, Ihr neues Girl-Talk-Album "All Day" ist gerade erschienen. Es ist 71 Minuten lang und besteht aus Samples von 372 bekannten Popsongs. Und Sie haben bei keiner einzigen die Erlaubnis eingeholt, sie zu benutzen. Wie kommt es, dass Sie noch nicht im Gefängnis sitzen?

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Gregg Gillis: In den USA gibt es diesen Rechtsgrundsatz, der "Fair Use" heißt. Danach darf man Musik auch ohne Erlaubnis sampeln - wenn bestimmte Kriterien erfüllt werden. Wenn zum Beispiel mit dem Sample wirklich etwas Neues geschaffen wird. Oder wenn kein negativer Einfluss auf mögliche Verkäufe der Künstler entsteht. "All day" ist mein fünftes Album - und ich glaube, die meisten Künstler sehen inzwischen, dass das, was ich tue, ihnen nicht schadet.

Ich denke, ich beeinflusse ihre Plattenverkäufe nicht negativ - im Gegenteil. Ich habe eine relativ junge Fanbase - und wenn ich ältere Songs sample, kann es sogar sein, dass junge Leute alte Bands wiederentdecken, weil sie sie in meinen Tracks gehört haben. Idealerweise ist mein Ziel meiner Musik, etwas Neues zu gestalten. Man kann die Samples in meiner Musik gut identifizieren, man hört sie und weiß, welche Popsongs das sind. Aber ich will sie nicht nur einfach nutzen, ich will damit etwas Neues kreieren, das nicht in Konkurrenz zum Ausgangsmaterial steht.

Lange wurde kolportiert, dass Sie praktisch mit einem Bein im Knast stehen. Aber jetzt gibt es Theorien, dass die Musikindustrie Angst hat, Sie zu verklagen - weil so ein Präzedenzfall geschaffen werden könnte, der Sampling erlaubt. Teilen Sie diese Ansicht?

Im echten Leben heißt er Gregg Gillis (28) und stammt aus Pittsburgh. Das neue Album "All Day" des Künstlers kann man komplett gratis herunterladen als durchgängiges, 71 Minuten langes mp3-File. Hier ist der Link zum Download und hier zum Torrent. Besonders interessant ist der Link zum Streamen des Albums mit einer Angabe der gesampelten Songs, die jeweils laufen, im Mash-up Break-down.

Was ich tue, bewegt sich in einer Grauzone. Es kann nicht als hundertprozentig legal gelten, bis es vor Gericht kommt. Denn Fair Use ist kein Gesetz, sondern ein Rechtsgrundsatz. Aber ich denke, die meisten Menschen denken, dass man verklagt wird, wenn man den Song von jemand anderem ohne Erlaubnis sampelt. Oder dass man einen Haufen Geld dafür bezahlen muss.

Wenn es einen Prozess geben würde, würde das jede Menge Berichterstattung mit sich bringen, würde das Licht darauf lenken, dass es so etwas wie Fair Use überhaupt gibt. Und wenn wir gewinnen würden, dann würde das vielen Leuten die Augen öffnen, dass auch sie das tun können. Darum glaube ich, dass viele Menschen, die mit Musikurheberrechten zu tun haben, diesen Präzedenzfall gerne vermeiden würden. Darum ergibt es durchaus Sinn, dass sie sich derzeit nicht darum kümmern, was ich tue.

Das heißt, Sie wären darauf vorbereitet, vor Gericht zu gehen.

Natürlich hat kein Mensch Lust, vor Gericht zu gehen. Aber ich würde es definitiv tun - weil ich an das glaube, was wir tun. Dinge aus der Vergangenheit zu nutzen und daraus etwas Neues zu gestalten, ist keine böse Idee. Auf der ganzen Welt gibt es Menschen, die von dieser Idee begeistert sind. Wenn wir also Probleme bekommen würden, gäbe es mit Sicherheit eine anständige juristische Reaktion von Leuten, die uns und unsere Argumentation äußerst gerne vertreten würden.

Sehen Sie sich eigentlich eher als Künstler oder als Remix-Aktivist?

Ich habe immer danach gestrebt, Musiker zu sein. Aber ich habe keine Ahnung, ob die Leute mich so sehen. Ich kann kein traditionelles Musikinstrument spielen. Aber ich glaube, auch so kann man Musiker sein. Weil ich versuche, neue Musik zu machen.

Dafür kombinieren Sie auf dem neuen Album Aphex Twin mit Lady Gaga und den Rappern Souja Boys. Wie kommen Sie auf solche wüsten Kombinationen? Hören Sie einen Track und wissen, was dazu passt? Oder ist das das Ergebnis von langem Laptopgefrickel?

Das ist nicht besonders intuitiv für mich. Eher so, dass ich viel ausprobiere und wenig funktioniert. Ich sample ständig Songs und probiere Kombinationen aus. Aphex Twin und Soulja Boys - das hat sich nicht in meinem Kopf zusammengebastelt, sondern am Computer. "Windowlicker" von Aphex Twin ist einer meiner Lieblingssongs. Ich habe ihn über Jahre hinweg in unzähligen Remixversionen gespielt - aber es hat vier oder fünf Jahre gedauert, bis ich endlich die richtige Kombination für eine coole Version gefunden hatte.

Ich will nichts auf mein Album packen, wenn ich nicht das Gefühl habe, dass durch die Kombination tatsächlich etwas musikalisch Interessantes entsteht. Für die 372 Samples, die man jetzt auf dem Album hören kann, habe ich mit Schnipseln von über 2.000 Songs gearbeitet. Da gibt es viel mehr Reinfälle als Treffer.

Dann ist es so, dass Sie für Ihre Tracks gezielt Musiker und Songs auswählen, die Sie gut finden und nochmal promoten wollen?

Ich will nie aktiv bestimmte Künstler pushen. Aber ich weiß natürlich, dass das manchmal einfach passiert. Ich packe nicht so etwas wie Aphex Twin oder Supergrass auf mein Album, nur um es drinzuhaben. Ich mache das nur, wenn es musikalisch gut funktioniert. Aber gleichzeitig liebe ich wirklich diesen ganzen Kram, den ich sample. Auf dem Album versuche ich außerdem, so unterschiedliches Material wie möglich unterzubringen, herumzuspringen zwischen unterschiedlichen Genres, Styles und unterschiedlichen Bekanntheitsgraden. Aber gemein ist allen Tracks, die ich verwende, dass es eben Popsongs sind.

Es gibt Kulturpessimisten, die hassen, was Sie tun. Menschen, die glauben, dass jetzt ein Remix-Zeitalter anbricht, in dem alles Zeug immer und immer wieder neu zusammengemischt wird und keine neue Musik mehr entsteht. Teilen Sie diese Angst?

Ich teile diese Ansicht auf eine gewisse Weise - aber ich sehe das nicht als Problem an. Wir könnten jede neu erschienene CD auf dem Markt kaufen und uns hinsetzen und herauspicken, welche musikalischen Einflüsse wir darauf hören: "Das hört sich ein bisschen an wie die Sex Pistols, gemischt mit den Foo Fighters - und diese Drums, das ist doch wie bei Public Enemy."

Musikmachen ist sehr oft einfach ein Recyceln von Dingen, die man kennt. Leute, die Gitarre spielen, haben weder die Gitarre erfunden noch die Akkorde noch die Notenstruktur. Sie arbeiten mit einer Idee von Musik, die sich etabliert hat. Und das macht man beim Sampeln doch auch. Man nimmt etwas, das bereits existiert und manipuliert es. Das ähnelt der Arbeitsweise von traditionelleren Musikern sehr. Ich bin da sicher ein extremes Beispiel, denn ich nutze ganze Melodien aus anderen Songs.

Sampling ist einfach ein neues Werkzeug, wie man die ganze Musik in einen neuen Kontext stellt. Normale Fans von "Daft Punk" zum Beispiel denken wahrscheinlich gar nicht darüber nach, dass das eine Gruppe ist, deren Musik fast ausschließlich auf Samples basiert. Die Leute sampeln schon seit Ewigkeiten. Schon Led Zepplin hat sich alte Bluesriffs ausgeborgt. Das ist eine ziemlich traditionelle Methode des Musikmachens: Sich aus der Vergangenheit etwas ausborgen und darauf etwas Neues aufbauen. Und remixen ist einfach die neue Schule dieser gesamten Bewegung.

Ihr neues Album "All Day" wurde im Netz euphorisch aufgenommen und wird heruntergeladen wie verrückt. US-amerikanische Magazine feiern Sie jetzt schon als den "ersten postmodernen Rockstar". Fühlen Sie sich so?

Ich habe es immer geliebt, mit dieser Identität zu spielen - zu schauen, wie weit ich es treiben kann. Wie sehr Girl Talk als originäres Musikprojekt angesehen wird, das auf Samples basiert. In den USA werden meine Shows immer größer. Ich spiele live vor tausenden Leuten. Und es wird tatsächlich mehr und mehr wie eine Rock-'n'-Roll-Show.

Die Leute gehen total ab und haben Spaß dabei zuzuschauen, wie jemand Samples auf seinem Laptop zusammenschneidet. Das ist manchmal schon so ein postmodernes Rockstarding. Ich habe ziemlich klein angefangen, erst mit der Zeit sind die Shows immer größer geworden. Aber was jetzt passiert ist, nachdem das neue Album draußen ist, ist total irre.

Ihren Job als Biomediziningenieur haben Sie ja vor einiger Zeit aufgegeben, weil Sie von der Musik leben können. Dabei kann man Ihr Album im Netz kostenlos herunterladen. Was ist eigentlich Ihr Geschäftsmodell?

Ich lebe vom Touren. Remixes für andere Musiker übernehme ich selten, weil ich mit dem Girl-Talk-Kram so beschäftigt bin - und damit, immer neues Material für meine Shows zusammenzuschnipseln. In den letzten Jahren habe ich 150 Auftritte pro Jahr gehabt. Das macht mir großen Spaß - und so hat das ganze Projekt auch seine Popularität aufgebaut.

Als ich mein neues Album aufgenommen habe, wusste ich, dass ich damit kein Geld verdienen muss - weil ich wusste, dass die Toureinnahmen für mich reichen werden. Und dann habe ich überlegt: Wie kann ich das ganze Ding hier noch größer machen. Früher habe ich meine Platten ziemlich konventionell vertrieben - für 10 Dollar pro CD. Und die Leute haben meine Musik im Netz trotzdem schon kostenlos getauscht und hochgeladen.

So hat sich meine Fanbasis erst aufgebaut. Dann habe ich mich jetzt eben entschieden, das neue Album kostenlos rauszuhauen. Damit es so viele Ohren wie möglich erreicht. Ich sehe das nicht als Geschäftsmodell für die Musik der Zukunft. Oder als Weg, den andere Musiker auch eingeschlagen sollten. Aber für meine ganz besondere Situation hat das ziemlich gut funktioniert.

 

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