Ein Gutachten befeuert nun Diskussionen über den tatsächlichen Nutzen von verschiedenen Technologien gegen den Klimawandel. Meinungen gibt es viele, Belege kaum. von Bernhard Pötter

Grün genug? Wissenschaftler fürchten, dass ein angeblicher Königsweg dazu verleiten könnte, die Anstrengungen gegen den Klimawandel nicht mehr ernstzunehmen. Bild: photocase/jarts
Es ist ein bislang einmaliges Experiment im Klimaschutz, und es besteht aus einem schwebenden Rüssel. Im Oktober wollen britische Wissenschaftler über dem stillgelegten Militärflughafen bei Sculthorpe in Norfolk einen Wetterballon einen Kilometer hoch in den Himmel schicken. Daran hängt ein Schlauch aus Nylon, in den die Forscher vom Boden aus Wasserdampf pumpen. Dann wollen sie nachvollziehen, wie sich in der Atmosphäre die Wassertropfen verteilen. Das ist erst einmal alles.
Für Umweltaktivisten ist das schon zu viel. Sie nennen das Forschungsprojekt Spice den "Trojanischen Schlauch". Denn getestet wird an dem Himmelsrüssel, wie man kleine Partikel gezielt und kostengünstig in die Atmosphäre bläst, um den Klimawandel zu kontrollieren. Spice soll klären, ob sich im Ernstfall mit einem solchen Schlauch Schwefelpartikel 20 Kilometer hoch in die Stratosphäre transportieren lassen. Dort sollen sie Sonnenlicht reflektieren und den Treibhauseffekt mildern.
Diese geplante himmlische Lösung des Klimaproblems ist "effektiv und der Wirkungsmechanismus bestätigt" - allerdings ist sie auch möglicherweise illegal, stark umstritten, unübersehbar teuer sowieso und birgt dazu noch das Potenzial, im Falle einer Panne "sehr rasche und daher katastrophale Temperaturerhöhungen" hervorzurufen. So steht es im ersten umfassenden Gutachten zum Thema "Geo-Engineering", das das deutsche Forschungsministerium gestern vorgestellt hat.
Auf 180 Seiten hat das Ministerium Dutzende von Wissenschaftlern die umstrittenen Theorien bewerten lassen, mit denen der Klimawandel gebremst werden soll, ohne dabei die Emissionen von Treibhausgasen senken zu müssen. Nicht nur Klimawissenschaftler und Ozeanografen, sondern auch Ökonomen, Juristen und Sozialforscher haben an der weltweit ersten interdisziplinären Studie "Gezielte Eingriffe ins Klima?" den Wissensstand zum "Geo"- oder "Climate-Engineering" (CE) zusammengetragen.
Ihr Fazit: Es gebe "kein risikofreies Climate-Engineering": Die Daten über Wirksamkeit und Nebenwirkungen seien kaum verlässlich, die Technik könne internationale Konflikte auslösen und nationale Alleingänge seien völkerrechtlich verboten. Grundsätzlich würden die langfristigen Kosten unterschätzt und die Klimapolitik könne an Bedeutung verlieren. Schließlich würde bei einem Ausstieg aus manchen Techniken ein "rapider Klimawandel eintreten, der möglicherweise sogar stärker wäre als jener, der ohne vorherigen Einsatz der Technik entstanden wäre" - so würde also der Klima-Teufel mit dem CE-Beelzebub ausgetrieben.
Das deutsche Gutachten befeuert eine Debatte, die gerade richtig beginnt. Denn zwei Monate vor der UN-Klimakonferenz im südafrikanischen Durban, die über das Schicksal des Kioto-Protokolls entscheiden wird, zeichnen sich kaum Fortschritte beim klassischen Klimaschutz ab.
Nach Berechnungen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) befindet sich die Welt auf einem Emissionspfad, der die globale Mitteltemperatur bis 2100 um 6 Grad hochtreiben wird. Angesichts dieses realistischen Horrorszenarios und den festgefahrenen Klimaverhandlungen gilt manchen Klimaschützern, Technikern und Geschäftsleuten die Manipulation der Atmosphäre als Notbremse gegen den Klima-GAU. Der US-Klimaökonom Scott Barrett sieht den großen Vorteil im CE darin, dass es "kostengünstig ist und von einem einzigen Land einseitig durchgeführt werden kann."
Das Versprechen, eine Wunderwaffe gegen den Klimawandell gefunden zu haben, interessiert viele: 2009 untersuchte die britische Royal Society in ihrer umfassenden Studie "Geo-Engineering the Climate" die CE-Vorschläge, mahnte zur Vorsicht und forderte mehr Forschung; seit Jahren tüfteln Ingenieure an Ideen, Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu filtern oder die Wärmestrahlung der Sonne zu reduzieren. 2010 beschlossen die Staaten in der UN-Konvention zur Artenvielfalt einen weitgehenden Stopp aller CE-Experimente.
Die EU finanziert allerdings Forschungsprojekte, die Kohlendioxid mit dem sogenannten CCS-Verfahren aus Kraftwerken abscheiden und unterirdisch endlagern wollen. Das deutsche Umweltbundesamt (UBA) fordert in einem aktuellen Bericht "aus Vorsorgegründen größte Zurückhaltung" und ein Moratorium für CE-Maßnahmen.
Und im Juni hat sich auch der UN-Klimarat IPCC zum ersten Mal ausführlich mit dem Thema beschäftigt, das prominent im nächsten Klimareport 2014 auftauchen wird. "Wir wollen uns das Thema anschauen, weil das IPCC zu politikrelevanten Fragen rund um den Klimawandel Beurteilungen abgeben soll", sagt Thomas Stocker, Professor für Klimaphysik an der Universität Bern und Kovorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe "Wissenschaftliche Grundlagen".
Auf die Agenda gesetzt wurde das Thema bereits vor einigen Jahren von einem niederländischen Nobelpreisträger und einem indonesischen Vulkan. Paul Crutzen, der für seine bahnbrechenden Erkenntnisse zum Ozonloch ausgezeichnet worden war, nahm sich den Ausbruch des Pinatubo 1991 zum Vorbild: Damals hatte die Schwefelwolke aus der Eruption die globale Temperatur um etwa 0,2 bis 0,5 Grad gesenkt. Ähnliches könne man mit einer permanenten Schwefelwolke bewirken, die aus Flugzeugen in den Himmel gestreut werden, so Crutzen.
Der Werkzeugkasten der Klimaklempner unterscheidet zwei Arten von CE: Beim "Strahlungsmanagement" wird entweder eine Art von Sonnenschirm aufgespannt, der Energie von der Erde fernhalten soll. Oder aber die Reflektion von Sonnenstrahlen wird durch die Erdoberfläche vergrößert. "Kohlendioxidbeseitigung" zielt darauf, das wichtigste Treibhausgas in der Atmosphäre zu reduzieren.
Einen Königsweg gibt es dabei nicht, stellt das Gutachten aus dem Forschungsministerium klar: Strahlungsblocker wie Spiegel oder Schwefel in der Atmosphäre kühlen zwar schnell die Erde, müssen aber sehr lange eingesetzt werden und sind daher sehr teuer. Wird ein solches Experiment beendet, können die Temperaturen stark ansteigen. Die Beseitigung des CO2 wiederum wirkt nur auf die lange Sicht und hilft nicht gegen mögliche schnelle Temperaturanstiege, falls "Kipppunkte" im Klimasystem überschritten werden.
Noch ist nicht erwiesen, dass irgendeine der Techniken funktioniert, bezahlbar ist und unter dem Strich dem Klima nützt. Im Gegenteil: Forscher warnen vor veränderten Wetter- und Niederschlagsmustern durch das CE, vor stärkerer Versauerung von Atmosphäre und Ozeanen, vor dem Verlust an Solarenergie durch Verschattung und vor der Vergeudung von Geld und Energie, die besser in die Verbreitung etwa von erneuerbaren Energien gingen.
Auch fürchten sie, dass ein angeblicher Ausweg aus der Klimafalle dazu verleitet, die Anstrengungen beim Klimaschutz nicht ernst zu nehmen. Schon warnt das UBA, bei den Vorschlägen stehe der "Aufwand an Energie und Logistik in keinem sinnvollen Verhältnis zum Effekt", und betont: "Kosten und unkalkulierbare Risiken sind keine vernünftige Alternative zu Klimaschutzmaßnahmen."
Nicht nur beim Spice-Rüssel fürchten Klimaschützer daher, dass der Klimaschutz in Zukunft auf dem Schlauch steht. IPCC-Autor Thomas Stocker erinnert an den Auftrag aus der Klimarahmenkonvention, eine "gefährliche Einwirkung des Menschen auf das Klima" zu verhindern. "Das gilt natürlich auch für mögliche Folgen des Geo-Engineering", sagt Stocker. Er erinnert aber auch daran, dass das größte unkontrollierte Experiment mit der Atmosphäre bereits seit Jahrzehnten läuft: die Freisetzung von inzwischen etwa 30 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr durch den Menschen.
China, Südkorea und Australien führen in naher Zukunft den Handel mit Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten ein. Und mancher träumt schon vom integrierten CO2-Markt. von Christian Mihatsch

In ihrem Videocast fordert Kanzlerin Merkel einen schnellen Ausbau der deutschen Stromnetze. Um den Windstrom von den Norden in den Süden zu schaffen, sind Tausende neue Netzkilometer nötig.

Die Welt befindet sich derzeit mitten in einem großtechnischem Experiment mit ungewissem Ausgang: Die intensive Freisetzung von Treibhausgasen, vor allem dem Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas, verändert die Atmosphäre des Planeten in einer erdgeschichtlich einmaligen Geschwindigkeit. Der Anteil von CO2 in der Atmopshäre ist so hoch wie seit Jahrtausenden nicht und die Emissionen haben 2010 einen historischen Rekordstand erreicht. Bislang ist die globale Mitteltemperatur der Erde gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum um etwa 0,8 Grad Celsius gestiegen. Setzen sich die bisherigen Trends fort, wird die Erde bis 2100 im Schnitt etwa vier Grad Celsius wärmer sein. In manchen Gegenden wie den Polgebieten wird der Anstieg noch deutlich größer sein.
Ursache für die Freisetzung der Treibhausgase ist zum größten Teil die Energiewirtschaft. Aber auch die industrielle Land- und Viehwirtschaft, die Zerstörung des tropischen Regenwalds und der Verkehr tragen große Mengen zum menschengemachten ("anthropogenen") Klimawandel bei, der die natürlichen Schwankungen (etwa durch Sonnenaktivitäten oder geologische Phänomene) inzwischen deutlich überdeckt. Der UN-"Klimarat" IPCCC hat mit einer überwältigenden Mehrheit der zuständigen Wissenschaftler in bislang vier Sachstandsberichten klargestellt, dass der Klimawandel real ist, schneller als gedacht abläuft und zum großen Teil von menschlicher Aktivität verursacht wird. Der aktuelle Bericht des IPCC datiert von 2007, der fünfte Bericht wird für 2014 erwartet.
Fast alle Fachleute (mit Ausnahme einiger weniger oftmals unqualifizierter und politisch motivierter "Klimaskeptiker") gehen davon aus, dass eine solche Veränderung des Klimas massive Folgen nach sich zieht: Die Meeresspiegel könnten bis zu einem Meter steigen, die Gletscher in vielen Gebirgen abschmelzen und die Wasserversorgung gefährden; Vegetationszonen verschieben sich bereits, Tiere und Pflanzenarten geraten unter zusätzlichen Druck, die Ernährung der Bevölkerung ist bedroht. In vielen Regionen nehmen die Wetterextreme zu und bisher gewohnte Muster wie der Monsun in Indien beginnen sich zu verändern. Ab einem bestimmten Punkt befürchten Wissenschaftler einen "Rückkopplungseffekt", an dem sich die Klmaerwärmung von selbst verstärkt: Schmilzt etwa das Eis an den Polen absorbiert das dunklere Wasser mehr Sonnenenergie, erwärmt sich und schmilzt darauf wiederum mehr Eis. Als solche "Kipppunkte", an denen das Weltklima eine rasche Erwärmung erfahren könnte, wenn eine Schwelle überschritten ist, gelten zum Beispiel die Polkappen, der "Golfstrom", der Amazonas-Regenwald oder die auftauenden Permafrostböden vor allem in Sibirien.
Die Menschheit hat das Problem bereits relativ früh erkannt, aber bislang nur sehr zögerlich reagiert. 1992 schlossen die meisten UN-Staaten die "Klimarahmenkonvention" UNFCCC, die zum Ziel hat, eine "gefährliche menschengemachte Veränderung des Weltklimas" zu verhindern. 1997 folgte daraus das Kioto-Protokoll, in dem sich die Industrieländer, die historisch für einen Großteil der Emissionen verantwortlich sind, zu einer Reduzierung ihrer Emissionen um ingesamt 5,2 Prozent bis 2012 gegenüber 1990 verpflichteten. Obwohl sich die USA als damals größter Verschmutzer aus dem Abkommen zurückzogen, wurden die Quoten erreicht - doch die weltweiten Emissionen stiegen und steigen weiter steil an. Vor allem die wirtschaftliche Entwicklung der "Schwellenländer" wie China, Indien, Brasilien oder Südafrika, die unter dem Kioto-Protokoll zu keiner Reduktion verpflichtet sind, heizt inzwischen das Klima stark auf. Nach einem gescheiterten Versuch, auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen einen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zu schließen, der alle Länder umfasst, gibt es nun eine solche Perspektive für 2020: Bis zu diesem Zeitpunkt, so haben die Staaten einstimmig bei der Klimakonferenz 2011 im südafrikanischen Durban beschlossen, soll ein allgemeines internationales Abkommen den globalen Klimaschutz regeln.
Trotz aller Versprechungen sind die aktuellen Anstrengungen zum Klimaschutz aus Sicht der Wissenschaft bei weitem nicht ausreichend. Eine Studie des UN-Umweltprogramms UNEP vom Herbst 2011 kommt zu dem Schluss, dass bisher nur etwa 60 Prozent der nötigen Anstrengungen unternommen werden, um den Klimawandel auf zwei Grad Celsius bis 2100 zu beschränken - diese Schwelle gilt bei vielen Wissenschaftlern als die Obergrenze, bis zu der die Folgen des Klimawandels noch beherrschbar sind. Um dies zu erreichen, müsste der weltweite Ausstoß von CO2 etwa 2015 seinen Höhepunkt erreichen und dann rasch absinken. Die bisherigen Trends lassen eine solche Entwicklung allerdings sehr fraglich erscheinen. Viele Wissenschaftler gehen deshalb inzwischen davon aus, dass das 2-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
08.10.2011 18:39 | Mia
Da glaubt so Mancher im Himmel laengst Eingriffe zu beobachten zu koennen, sogar schon seit einigen Jahren und inzwischen g ...
07.10.2011 22:18 | Armin Ulrich
Danke Holger für Ihren Kommentar. Ich wollte nur Ihre Aussage ...
07.10.2011 12:42 | ilmtalkelly
@ holger ...