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Insolvenz von Native InstrumentsWenn Finanzinvestoren mit Musik spekulieren

Das Berliner Musiksoftware-Unternehmen Native Instruments steht vor einer ungewissen Zukunft. Die Belegschaft protestiert gegen die Teilinsolvenz.

Native Instruments hat viel dafür getan, digitale Zugänge zur Musikproduktion und zum DJing zu erleichtern Foto: imago

Der Schritt ist drastisch, die Reaktionen ebenso. Vergangene Woche leitete der Berliner Musiktechnologie-Konzern Native Instruments für mehrere Gesellschaften beziehungsweise operative Einheiten ein vorläufiges Insolvenzverfahren ein. Auch wenn der Musiksoftwarehersteller seine Use­r:In­nen per Statement zu beruhigen versuchte, löste die Meldung weltweit Bestürzung aus. Am Berliner Standort von Native Instruments, geprägt von einer fast 30-jährigen Firmengeschichte, stehen hunderte Festangestellte und viele Freelancer vor einer ungewissen Zukunft.

Native Instruments hat seit Gründung im Jahr 1996 viel dafür getan, digitale Zugänge zur Musikproduktion und DJing zu erleichtern. Besonders in den nuller und zehner Jahren landete man mit Software wie Traktor, Kontakt und Maschine Markterfolge und erreichte Millionen Menschen, idealistische Musikbegeisterte genauso wie Weltstars.

Der Berliner DJ und HipHop-Produzent Figub Brazlevič bedauert die jüngste Entwicklung: „Ich bin traurig, da sich die schlechte Nachrichten im Bereich Musik häufen. Als User von NI setze ich neben Programmen zur Beatproduktion den Kontrol Z2-Mixer ein, dessen Produktion bereits vor Längerem eingestellt wurde.“ Felipe Vareschi, als Do­zen­t:in und Pro­du­zen­t:in tätig, spricht stellvertretend für viele, die mit der Software arbeiten. „NI-Produkte, insbesondere die der kürzlich übernommenen Unternehmen Izotope und Brainworx, kommen in etwa 80 Prozent meiner Projekte zum Einsatz.“

Grundlagen kreativer Arbeit in Gefahr

Viele Pro­du­zen­t:in­nen befürchten, dass durch die Insolvenz nun Grundlagen ihrer kreativen Arbeit in Gefahr geraten könnten. Als einer der ersten warnte der Komponist und Blogger Peter Kirn auf seinem CDM-Blog vor den Folgen: „User:Innen sind in der Produktionssoftware auf Vorhersehbarkeit und langfristige Beziehungen angewiesen.“

Vareschi betont die Bedeutung von NI-Software: „Ihre Designer verfügen über ausgezeichnete technische und gestalterische Fähigkeiten und bringen oft revolutionäre Produkte auf den Markt, aber NIs mangelndes Engagement bei der Weiterentwicklung bremst sie aus.“ Zwar beherrscht die Firma Pioneer mittlerweile den DJ-Markt, aber auch für DJs, gerade aus dem Bereich der elektronischen Musik, war Native Instruments lange Zeit enorm wichtig.

DJ Walter Marinelli, als Coach und Beta-Tester für das Unternehmen tätig, sagt aber auch: „NI war immer der Laden, der auf seine User gehört hat, und das hat irgendwann aufgehört.“ NI-Mitarbeiter:innen, die über Jahre enge Beziehungen zu Musikprofessionellen hielten, stehen jetzt vor einer ungewissen Zukunft.

Angespannte Stimmung in der Belegschaft

Die IG Metall, die 2021 mithalf, einen Betriebsrat bei Native Instruments zu gründen, äußerte sich, im Gegensatz zu Betriebsrat, Unternehmensführung und früheren CEOs, gegenüber der taz: „Die Stimmung in der Belegschaft ist verständlicherweise angespannt. Viele sorgen sich um ihre Zukunft und die ihrer Familien. Gleichzeitig erleben wir große Geschlossenheit. Die Menschen wollen, dass der Standort weiterarbeitet, und kämpfen gemeinsam dafür.“

Am Berliner Standort arbeiteten zuletzt rund 340 Mitarbeiter:innen. Sie haben turbulente Jahre hinter sich, die nicht nur mit Marktveränderungen und technologischem Wandel zu tun haben. Einem Inhaberwechsel im Jahr 2019 folgte 2021 der Verkauf der Mehrheitsanteile an den Technologie-Investor Francisco Partners, der in mehreren Listen unter den 30 finanzstärksten Private-Equity-Konzernen der Welt erscheint.

Im Portfolio des weltweit operierenden Investors wirkt Native Instruments wie ein kleiner Fisch, es war eines der ersten Investments in der Musikbranche. Der Einstieg von Francisco Partners fiel in eine Phase stark gestiegener Nachfrage, auch ausgelöst durch die Covidpandemie, in der viele Musikfreaks im Homeoffice nach sinnvoller Beschäftigung suchten.

Beim Verkauf 2021 wollte man laut einer Mitteilung „die starke Vordenkerrolle von Native Instruments im Bereich der digitalen Musikproduktion fortsetzen und das Produktangebot des Unternehmens erweitern, um eine durchgängige, nutzerorientierte Plattform für die Musikproduktionsbranche zu schaffen“.

Es folgten bald Entlassungen

Auf eine Phase von Goldgräberstimmung und Neueinstellungen folgten bald Entlassungen. Auch kommunikativ und strategisch änderte Native Instruments mehrfach die Stoßrichtung. Wie viele Anbieter der Branche setzte NI verstärkt auf Abo-Modelle und wurde von Nut­ze­r:in­nen für ein teils als aggressiv empfundenes Marketing kritisiert.

Der Erwerb und die Integration mehrerer Sound-Plug-in-Firmen wie Izotope oder Plugin Alliance, das unter dem neuen Namen Soundwide zusammengefasst werden sollte, fiel ebenfalls in diese Zeit. Die Folgen waren nach Einschätzung von Branchenbeobachtern eine durch die Zukäufe gewachsene Schuldenlast sowie eine Verkaufslage, die mit dem expansiven Kurs nicht mehr Schritt halten konnte.

Peter Kirn sagt dazu: „In der gesamten Musikindustrie besteht große Sorge wegen und Unzufriedenheit über den Einstieg von Private-Equity-Unternehmen in die Bereiche Technologie und Kultur.“ Vareschi wird noch deutlicher: „Bei NI und Izotope arbeiten äußerst talentierte Menschen. Aber wenn Finanzleute die Leitung von Nichtfinanzunternehmen übernehmen, kommt es oft zu Katastrophen.“

Ob NI zerschlagen und in Einzelteilen verkauft wird oder ob ein rettender, nachhaltiger agierender Käufer auftaucht, ist unklar. Was bleibt, ist die Sorge um Native-Instruments-Mitarbeiter:innen und die Arbeitsgrundlage vieler Produzent:innen, DJs und Musiker:innen.

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