Integration in Wuppertal

Zukunft einfordern

Einkommen, Hautfarbe oder Bildungsschicht spielen in der Initiative "Chance! Wuppertal" keine Rolle. Aber wie kann Integration funktionieren? Und was sagt die Jugend dazu?

In der "Chance! Wuppertal“ soll nicht nur Hausaufgabenhilfe für eine integrative Gesellschaft sorgen Bild: dpa

von ANN-KATHRIN LIEDTKE

Wuppertal gehört vermutlich nicht zu den beliebtesten Städten Deutschlands, mit 350.000 Einwohnern auch nicht zu den allergrößten. Und sie gehört nicht, wie manch einer denken mag, zum Ruhrgebiet, sondern liegt im Bergischen Land. Man verbindet mit ihr am ehesten die Schwebebahn. Doch was viele nicht wissen: Wuppertal ist deutschlandweit die treppenreichste Stadt: Es sind 469, um genau zu sein.

Eine der zahlreichen Treppen führt durchs Arbeiterviertel Langerfeld und direkt zum „Stobbe“. Hier, hinter den geschlossenen Türen, hört man Stimmengemurmel, klackern Tastaturen, raschelt Papier. Ganz vorne, am Eingang des Hauses, hängen Zettel. Sie sind auf eine Schnur gespannt und tanzen im Wind. Auf jedes Blatt ist ein großer Buchstabe gedruckt: CHANCE! WUPPERTAL steht dort.

Ebendiese Initiative, die „Chance! Wuppertal“, ist es, die taz.meinland nach Wuppertal geführt hat. Die Einheimischen nennen sie liebevoll „Stobbe“, nach ihrem Gründer, dem franziskanischen Arbeiterpriester Joachim Stobbe.

Wo liegen die Probleme?

In gemütlicher, bunter Runde wurde im Haus der Einrichtung intensiv diskutiert, debattiert und vor allem: auf Augenhöhe miteinander gesprochen. Denn: Wir müssen reden – sagt die taz. Bis zur Bundestagswahl im September tourt taz.meinland durch die Republik. Wir wollen wissen: Was ist hier eigentlich los? Wie ist die Stimmung im Land und wo liegen die tatsächlichen Probleme?

Das wollen wir auch in Wuppertal erfahren. „Wenn unterschiedliche Menschen zusammen kommen, kommt es immer wieder zu Spannungen“, erzählt Pater Stobbe zu Beginn der Veranstaltung. Auch in der Chance! Wuppertal.

Die christliche Initiative bietet jungen Menschen schwerpunktmäßig Hausaufgabenhilfe an, von der Grundschule bis zum Abitur, von halb zwölf bis Mitternacht. Das Besondere dabei: vor allem auch Kinder aus zugewanderten Familien werden gefördert. Sie sollen bestmöglich integriert werden.

Bis zu 130 Kinder und Jugendliche kommen täglich zur kostenlosen Hausaufgabenhilfe vorbei. Einkommen, Hautfarbe oder Bildungsschicht spielen keine Rolle. Auch Religion nicht. Die Leiter der Initiative Pater Joachim Stobbe, der die Chance! Wuppertal 1976 gründete, und Thomas Willms sind katholisch. Das Miteinander der unterschiedlichen Religionen sei für sie aber kein Problem. Sie sind bestrebt, das Miteinander der unterschiedlichen Religionen zu fördern.

Aber wie sieht es in der restlichen Stadt aus? Wie ist die Stimmung gegenüber Andersdenkenden? Gegenüber Geflüchteten und gegenüber Menschen, die vielleicht keine weiße Hautfarbe haben?

Gebetsverbot in Wuppertal

2014 fiel die Stadt negativ auf, weil sieben Männer mit Warnwesten und dem Aufdruck „Shariah Police“ in der Innenstadt die Einhaltung von islamischen Sitten einforderten. Und kürzlich wurde das Ganztagsgymnasium Johannes Rau mit einer kontroversen Forderung medial bekannt: Dort sollte ein Gebetsverbot für muslimische SchülerInnen eingeführt werden. 

Mittlerweile hat die Bezirksregierung Düsseldorf das Verbot als Schulaufsicht auch bestätigt, weil sich andere Schüler und Lehrer durch das Verhalten der betenden Schüler bedrängt gefühlt hätten.

„Ich unterstütze es natürlich, wenn jemand seinen Glauben, seine Kultur ausleben will“, meint Stobbe dazu. Er sagt aber auch: „Voraussetzung sollte immer sein, dass ich andere damit nicht belasten darf.“ Das Klassenzimmer während einer Prüfung für ein Gebet zu verlassen, gehöre da beispielsweise dazu.

Ich glaube, ihr Beten heißt: Ich bin hier und ich bin stark.“

Anita Ferizoviqi war selbst Schülerin auf dem Gymnasium. Einen tatsächlichen Konflikt hätte es dort allerdings nie gegeben, sagt sie. „Ich habe nie mitbekommen, dass jemand den Unterricht wegen des Betens unterbrochen hat. Das Problem wurde von den Medien aufgebauscht.“ Es hätte eine Unterschriftenaktion für einen Gebetsraum gegeben; für die meisten SchülerInnen sei die Sache dann aber erledigt gewesen.

Woher kommt überhaupt die stärkere Hinwendung junger Menschen zur Religion? Der Wunsch, sich an vermeintlich strengere Regeln zu halten oder mehrmals täglich zu beten?

Eine Frau aus dem Publikum meint: „Viele Muslime fühlen sich in Deutschland unterdrückt. Ich glaube, das Beten bedeutet für sie, gesehen zu werden, beachtet zu werden. Ich glaube, ihr Beten heißt: Ich bin hier und ich bin stark.“

Die unsichtbaren Frauen

Umso wichtiger erscheint die Arbeit, die im „Stobbe“ geleistet wird. Neben der Hausaufgabenhilfe gibt es eine Kinderkochgruppe, monatliche Diskussionsforen für Jugendliche, eine Lebensmittelausgabe, Sozialberatung, Deutschkurse – und einen Frauentreff. Anita Ferizoviqi und Rend Ibrahim organisieren das Treffen einmal im Monat.

„Viele Frauen aus muslimisch geprägten Ländern wollen nicht zu unseren Veranstaltungen kommen, wenn dort Männer anwesend sind, die sie nicht kennen – oder besonders, wenn sie Single sind“, erzählt Ferizoviqi. „Daher wollen wir Räume schaffen, in denen die Frauen ungestört miteinander und mit uns sein können.“

„In meiner Kultur ist es üblich, dass sich Männer und Frauen in getrennten Räumen aufhalten“, ergänzt Ibrahim. „Ich bin als Kind nach Deutschland gekommen, für mich war es leicht mich daran zu gewöhnen. Aber meinen Eltern fiel das sehr viel schwerer.“

Kultur darf nicht verloren gehen

Ein Problem, das sich auch in anderen Veranstaltungen der Initiative niederschlägt: 2016 sollte das Fastenbrechen gemeinsam im Haus der Chance gefeiert werden. Allerdings: es kamen fast nur junge Männer. Die Frauen blieben zuhause. „Das lag daran, dass die Frauen sich um die Kinder kümmern mussten“, meint ein Mann aus dem Publikum. „Und es ist nun mal so, dass hier sehr viele Single-Männer sind. Die kommen natürlich alleine.“

„Ich habe lange gebraucht, bis ich mich an die Blicke der Leute gewöhnt habe.

Ferizoviqi hingegen meint, dass das Fastenbrechen kein Einzelfall gewesen sei. „Wir versuchen den Frauen zu erklären, dass wir hier in Deutschland alle alles gemeinsam tun, dass es keine strikte Trennung von Männern und Frauen im Alltag gibt.“ Bis sie ganz selbstverständlich miteinander Kaffee trinken können, sei es noch ein langer Weg.

Eine schwierige Situation. Den neu Ankommenden sollen keine deutsche Gewohnheiten übergestülpt werden. Die Kultur der Herkunftsländer müsse nicht abgelegt, aber die neue akzeptiert werden. Das erfordert allerdings, dass sich beide Seiten entgegen kommen.

Mit Rassismus leben müssen

Die Erfahrungen, die die Teilnehmenden in der Vergangenheit bereits mit Rassismus machten zeigt, dass dies nicht immer funktioniert. Margam Quilolo, deren Eltern aus dem Kongo nach Deutschland kamen, erzählt davon, dass sich im Bus niemand neben sie setze oder LadenbesitzerInnen sie oft im Geschäft verfolgten und beobachteten, ob sie etwas klaue. „Das ist schmerzhaft“, erzählt die 19-Jährige. „Aber ich glaube, es hat mich auch stärker gemacht.“

„Ich finde nicht, dass mich die Konfrontation mit solchen Situationen stärker gemacht hat“, entgegnet Ibrahim. Sie trägt Kopftuch. „Ich habe lange gebraucht, bis ich mich an die Blicke der Leute gewöhnt habe. Mittlerweile tut es nicht mehr ganz so weh.“ Letztendlich sei ein Kopftuch doch auch nur ein Stück Stoff, findet eine junge Frau aus dem Publikum. Nur, dass es eben die Haare bedecke, nicht die Arme oder Beine.

Hubertus Engelmann leitet ehrenamtlich einen Deutschkurs in der Initiative. Er sagt, dass nicht nur Deutsche Probleme mit Ausgrenzung und Rassismus hätten. „Ich konnte in meinem Kurs beobachten, wie sich nach und nach Assad-Gegener und -Befürworter in Gruppen zusammenschlossen. Oder dass Sunniten und Schiiten nicht gemeinsam einen Kurs belegen konnten. Manche wollen einfach keinen offenen Austausch.“

Eine fehlgeschlagene Integration also? Zumindest in der Chance! Wuppertal hat man diesen Eindruck nicht. Gerade die vielen jungen Leute tragen durch ihr Ehrenamt dazu bei, dass die Einrichtung, die sich durch Spenden finanziert, funktioniert.

Einfach da sein

Wie die 22-Jährige Mariam Ibrahim, die von sich aus anbot, einen Deutschkurs für syrische Kinder zu geben. Oder Margam Quilolo, die zunächst mit einer Hauptschulempfehlung zur Hausaufgabenhilfe ging – bald wird sie Zahnmedizin studieren und gibt längst selbst Nachhilfe. Sie tut es auch, um etwas zurückzugeben.

Es ist ebendiese Jugend, die am Ende der Veranstaltung sagt, wie sie sich ein gemeinsames Zusammenleben, eine offene Gesellschaft vorstellt. Es sind Schlagworte wie Toleranz, Gleichheit, Bunt-Sein und Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, in die man sich selbst einbringen müsse. „Wir haben da, im Gegensatz zu vielen anderen Einrichtungen, einen entscheidenden Vorteil“, schließt Stobbe. „Wir sind einfach immer da.“