Interreligiöser Dialog in Berlin

Jenseits von Ja und Amen

Alle reden vom Dialog der Religionen. Er soll aufklären und Begegnung ermöglichen. Aber wer spricht da eigentlich mit wem? Und worüber? Eine Bilanz zum Kirchentag in Berlin

Sieht so Dialog aus? WürdenträgerInnen beim Friedensgebet auf dem Breitscheidplatz im März Foto: dpa

Ein Freitag im Mai. Auf dem Petriplatz in Mitte, einer Brache an der sechsspurigen Gertraudenstraße, wuseln Sechstklässler durch Zelte. Hier ist das „House of One“ geplant, ein christlich-muslimisch-jüdisches Zentrum, aber der Baustart zieht sich. Aktionen wie „Young House of One“, wo sich Schüler zu Workshops begegnen, füllen die Lücke.

Heute kommen sie aus einer muslimisch geprägten Schule in Spandau und einer in Lichtenberg, wo kaum jemand den Religionsunterricht besucht. Die Workshops organisiert das Alice-Kindermuseum im FEZ Wuhlheide. Man kann Theater spielen, einen Song aufnehmen oder Comics zeichnen.

Im Song-Zelt hat Sängerin Bernadette La Hengst ihre Mühe, sie zum Mitrocken zu bewegen. Der Refrain („Respekt für mich, ich bin es wert“) kommt vor allem den Jungs kaum über die Lippen. Theaterpädagoge Folke Witten-Nierade bricht derweil das Eis mit Mitmachspielen. Sollte es hier nicht um Religion gehen? „Das wäre zu viel. Wir versuchen, das Thema ein bisschen zu umschiffen“, sagt er.

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Zwei Tage vorher: Pressekonferenz des House of One. Die Beteiligten stehen in einem der Zelte: Pfarrer, Imam und Rabbiner, Vereinsvorstand und Architekt. Außer dem Jugendprojekt präsentieren sie die gestalterische Zwischenlösung: Landschaftsgärtner haben den künftigen Grundriss mit Hochbeeten nachempfunden.

Die Grundsteinlegung verschiebt sich auf 2019. Das Problem der Initiative, die laut Pfarrer Gregor Hohberg ein enormes Echo hat: Beim Geld hapert es mit dem Glauben. Seit drei Jahren läuft ein Crowdfunding, 43 Millionen Euro werden benötigt, aber es sind erst 5,3 zusammengekommen – das meiste aus Bundes- und Landestöpfen.

Knapp ein Drittel der Berliner*innen gehören dem Islam, dem jüdischen Glauben oder dem Christentum an. Die größte Glaubensgruppe ist evangelisch. Laut Zahlen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg von 2016 kommen die evangelischen Gemeinden mit 583.339 Personen auf 15,9 Prozent. 320.000 Menschen gehören der katholischen Kirche an und machen einen Anteil von 8,7 Prozent der Stadtbewohner*innen aus. Die Zahlen speisen sich aus den Steuerregistern der Kirchen.

Die Größe der muslimischen Gemeinden liegt laut Schätzungen des Senats zwischen 220.000 und 300.000 Berliner*innen. Das macht 6 bis 8,4 Prozent. Zahlen zum jüdischen Leben liefert die Jüdische Gemeinde zu Berlin. Mit 10.000 Mitgliedern kommt sie auf 0,28 Prozent. (apo)

„Wir arbeiten dran“, lacht Hohberg, und Vorstand Roland Stolte beteuert: „Jede Etappe trägt schon die Spur der Vollendung in sich.“ Rabbiner Andreas Nachama freut sich, dass ein interreligiöser „Trialog“ wächst, der doch ein schöner Berliner Exportartikel sein könne. Im Beitrag von Imam Örs fällt zum ersten und einzigen Mal auf der Konferenz das Wort „Gott“.

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Interreligiöser Dialog ist en vogue. Das House of One ist nur ein besonders sichtbarer Akteur. Was steckt sonst dahinter? Kleine Gruppen, meist in Kirchengemeinden, gibt es seit Jahrzehnten, anfangs ging es um christlich-jüdische Gespräche, später trat der Islam hinzu. Nach 9/11 bemühte man sich um stärkere Vernetzung. 2011 rief Klaus Wowereit den „Dialog der Religionen“ ins Leben, 2014 wurde er im „Berliner Forum der Religionen“ institutionalisiert.

Im Koordinierungskreis des Forums geht es bunt zu: Altkatholiken und Mormonen sitzen im Boot, japanische Buddhisten, Hindus – und Heiden: Die Pagan Federation Deutschlands vertritt Menschen, die an vorchristliche Naturreligionen anknüpfen. Große Islamverbände hingegen fehlen, auch orthodoxe Christen. „Die Forumsidee kennt kein Repräsentationsprinzip“, erklärt Geschäftsführerin Juanita Villamor-Meyer, „alle sind als Angehörige einer Religion dabei, nicht als deren Vertreter. Sonst bräuchte es einen riesigen runden Tisch.“

Jedes Jahr organisiert das Forum eine Konferenz im Roten Rathaus, letztes Mal war das Thema „Flucht“. Es gibt Arbeitsgruppen zu Musik oder Frauen. Das Forum hat einen „Interreligiösen Stadtplan“ veröffentlicht, die „Lange Nacht der Religionen“ initiiert. Trotzdem weiß Villamor-Meyer: „Der Dialog steht noch ganz am Anfang.“ Auch weil Religion in Berlin ein Außenseiterthema sei. „Man wird als bunter Hund wahrgenommen“, sagt die Religionswissenschaftlerin, die vor zwei Jahren aus Hessen kam.

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Die Lange Nacht steht längst auf eigenen Beinen. Thomas Schimmel von der „Franziskanischen Initiative 1219“ koordiniert sie. Die Zahl erinnert an das Jahr, in dem Franz von Assisi zum Sultan al-Malik ging, um ein Ende des Kreuzzugs herbeizupredigen – was nicht klappte. Trotzdem sollen sich beide respektvoll begegnet sein.

Während des Kirchentags findet die 6. Lange Nacht statt, 80 Gemeinschaften öffnen ihre Türen. Die Zahl der Besucher schätzt Schimmel vorsichtig auf 8.000. Wer kommt? „Die meisten stammen aus der Mittelschicht“, räumt Schimmel ein, „hauptsächlich Leute aus dem protestantischen oder liberalen katholischen Umfeld. Dass Menschen anderer Religionen die Kirchen besuchen, da gibt es noch Arbeitsbedarf.“

Sieht schon besser aus! Religiöser Mix bei einer „Langen Nacht der Religionen“ in Berlin Foto: dpa

Was können Christen in einer Moschee lernen? „Zum Beispiel etwas über Formen des Gebets“, so Schimmel. „In der Moschee stehen die Leute Schulter an Schulter vorne, in Kirchen wird der Raum oft zögerlich von hinten gefüllt.“ Eigentlich sollten aber weniger die Reli­gionen miteinander reden, sondern sich der Stadtgesellschaft öffnen. „Wenn dann Menschen die Chance nutzen, Vorurteile zu überprüfen, ist viel gewonnen.“

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Vorurteile gibt es genug. Wenn Religion ins Blickfeld rückt, sind die Nachrichten oft nicht gut. Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Konflikte um Kopftücher und Kreuze. Ein jüdischer Junge wird von der Schule gemobbt, und die evangelische Landeskirche machte beim Friedensgebet für die Opfer vom Breitscheidplatz gemeinsame Sache mit Extremisten, hieß es im vergangenen März. Ist das noch Dialog?

„Dass es in den arabischen Moscheen Menschen gibt, die den Staat Israel ablehnen, ist klar“, sagt Andreas Goetze, Landespfarrer für den interreligiösen Dialog der Evangelischen Landeskirche, „aber muss ich von denen auf den Vorstand schließen?“ Er sieht es so: „Alle islamischen Gruppierungen standen auf der Bühne, Sunniten neben Schiiten, Ahmadis und Sufis.“ Schon dafür habe es sich gelohnt.

Außerdem hätten sich alle explizit hinter den Aufruf gegen Extremismus gestellt. Träten jetzt problematische Prediger in Gemeinden auf, „hat die Zivilgesellschaft die Möglichkeit, sie daran zu erinnern“. Eine Gewähr gebe es nie, so Goet­ze, und wenn der umstrittene Imam Taha Sabri gesagt habe, die Attentäter missbrauchten den Islam, sei das für manche zu wenig Selbstkritik und für andere schon zu viel. „Solche Unschärfen gibt es im interreligiösen Dialog. Billiger ist Demokratie nicht zu haben.“

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131 Treffer liefert die Programmsuche nach „Interreligiöser Dialog“ auf dem Evangelischen Kirchentag, der kommenden Mittwoch in Berlin beginnt. Unter den Podien und Vorträgen dominieren solche zum Verhältnis von Christen und Juden, es folgt der christlich-muslimische Dialog. Eine Veranstaltung befasst sich mit dem Buddhismus, eine weitere mit dem Konfuzianismus.

Beispiele gefällig? „Dialog ist kein Kuschelkurs – Perspektiven gemeinsamer Praxis“ heißt eine christlich-jüdische Debatte, am Donnerstag um 11 Uhr im Ludwig-Erhard-Haus in der Fasanenstraße. Gleichzeitig sprechen in der Thomaskirche am Mariannenplatz eine muslimische und eine evangelische Professorin über „Die benutzte und genutzte Schrift – Perspektiven zum Verständnis von Koran und Bibel“. Um 15 Uhr sitzen dann in der Halle 22a der Messe Berlin Wissenschaftlerinnen und Theologinnen auf einem Podium mit dem Thema „Feminist*innen aller Religionen vereinigt euch! Strategien gegen Fundamentalismus“.

Spannungsgeladen dürfte es am Freitag um 11 Uhr im Palais am Funkturm zugehen: Dort diskutieren u. a. Islamfunktionär Aiman Mazyek und Landesbischof Markus Dröge unter dem Motto „Wie hältst du es mit der Religion?“ über „Religion- und Islamfeindlichkeit in Deutschland“. Versöhnlicher geht es wohl am Samstag um 15 Uhr zu, wenn im Kino Kosmos VertreterInnen der drei abrahamitischen Religionen Antworten auf die Frage „Queer und religiös?!“ geben . Alle Infos: kirchentag.de/programm. (clp)

Fünf Jahrhunderte nach Luther, der Juden und „Türken“ hasste wie den Teufel, sind die Protestanten geläutert. Man sehnt sich nach Kontakt. Andreas Goetze zählt die Aktivitäten auf: Leh­rer­fortbildung, Gesprächs­kreise, Vorträge. Er als Hauptamtlicher will seine Ressourcen für andere mitnutzen: „Wir organisieren Besuche von Kirchen, Synagogen und Moscheen. Plötzlich sind Muslime zum ersten Mal in einer Synagoge – dass das geschieht, finde ich toll.“

Goetze spricht von der Würde der Differenz, von Selbstgewissheit bei gleichzeitigem Respekt vor dem Glauben der anderen. Wollte nicht die Kirche früher alle von ihrer Wahrheit überzeugen? „Mission heißt, ich habe einen Auftrag“, sagt Goetze. „Ich werde erzählen, was mich bewegt, da werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich. Ich will Zeuge sein, keine Konvertiten machen.“ Nicht jedem gefällt das: „Ich kriege immer wieder Briefe, die Kirche solle sich nicht so sehr den Muslimen anpassen.“

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Für Burhan Kesici von der Islamischen Föderation ist die Zeit des Misstrauens vorbei: „Wir reden im interreligiösen Dialog freundschaftlich, Konflikte sind mir nicht bekannt.“ Mehrere Gemeinden der Föderation – des Landesverband des Islamrats – beteiligten sich. Die Rixdorfer Gazi-Osman-Pascha-Moschee organisiert Treffen mit evangelischen Christen in der Kirche oder der Moschee. Da gehe es um verbindende religiöse Inhalte wie die Figur des Moses oder um soziale Fragen. Betrachten die Muslime andere Religionen als gleichwertig? „Auf jeden Fall“, sagt Kesici, „sonst würden wir das ja nicht machen.“

Auch Mohamad Hajjaj vom Zentralrat der Muslime findet die Beziehungen „relativ unverkrampft“. „Der Dialog erweitert auch unseren Horizont. Wir lehnen andere Religionen ja nicht ab, die haben auch einen Wahrheitsgehalt.“

Konfliktreicher scheint der „intrareligiöse Dialog“ zu sein. Mit der Ahmadiyya-Gemeinde führe man keine Gespräche, so Kesici, auch nicht mit den in Berlin stark vertretenen Aleviten, deren Zugehörigkeit zum Islam umstritten ist. Nushin Atmaca vom Liberal-Islamischen Bund (LIB) findet trotzdem: „Wenn Gruppen als Muslime wahrgenommen werden und unter antimuslimischem Rassismus leiden, kann man auch gemeinsam dazu Stellung nehmen.“ Der kleine LIB markiert das liberale Ende der islamischen Skala. Die Gruppe trifft sich in einer Moabiter Kirche und pflegt gute Kontakte zu deren Gemeinde.

Ein spezielles Problem hat Imam Örs vom „House of One. Sein Verein „Forum Dialog“ gehört der Gülen-Bewegung an, deren Mitglieder in der Türkei als Terroristen verfolgt werden. Man spricht ungern darüber, aber für die türkischsprachigen Islamverbände ist das „Forum Dialog“ ein rotes Tuch. Die Anschlussfähigkeit des House of One an den muslimischen Mainstream ist praktisch null.

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Rabbiner Daniel Alter hat oft mit Imamen vor Schulklassen gestanden, in denen antisemitische Sprüche gefallen waren. Weil der Nahostkonflikt Nährboden für Anfeindungen ist, einigten sie sich im Programm „meet­2respect“ auf die Formel, nach der Israel ein Existenzrecht hat und das palästinensische Volk das Recht auf einen Staat. „Das hat insofern ganz gut funktioniert, als wir in jeder Klasse Schüler erreicht haben“, sagt Alter. „Aber ich habe immer wieder gehört, dass muslimische Schüler gezielt von den Eltern zu Hause gelassen wurden.“

Alter arbeitet mit am Dialog, aber er sieht auch Verzagtheit, bis hin zum Selbstbetrug: „Solange wir nicht klar gegen Antisemitismus vorgehen, in der Kerngesellschaft wie in muslimischen Communities, ist der interreligiöse Dialog ein Feigenblatt. Ein ‚Heititei, mein Freund, der Jude‘ bringt nichts.“ Er verurteilt Taha Sabris Teilnahme am Friedensgebet: Der werde vom Verfassungsschutz wegen seiner Nähe zu Muslimbruderschaft und Hamas beobachtet.

Für Alter geht der Dialog nicht tief genug. Richtig heikel wird es ja erst, wenn man die heiligen Schriften, das Reden und Handeln der jeweiligen Galionsfiguren unter die Lupe nimmt. Der Koran verunglimpft Juden als Schweine, Mohammed ließ einen jüdischen Stamm massakrieren. Die Christen brandmarkten die Juden als Gottesmörder, Luther empfahl ihre Unterdrückung bis knapp vor den Genozid. „Eine Diskussion darüber, wie man mit problematischen Textstellen religiöser Schriften umgeht, habe ich noch nie wahrgenommen“, sagt er.

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Oft hilft schlicht menschliche Präsenz. Das weiß Hagar Levin, 29, jüdische Israelin, seit vier Jahren aktiv im arabisch-muslimisch geprägten Rollbergviertel von Neukölln. Im Rahmen der Initiative „Shalom Rollberg“ ist sie bei der Schülerhilfe und anderen Aktivitäten des Vereins Morus e. V. dabei.

„Mit theoretischen Debatten kommst du hier nicht weiter“, sagt Levin, „aber allein deine Anwesenheit verändert etwas.“ Am Anfang wollten viele Menschen mit palästinensischem Hintergrund gar nicht mit mir sprechen. „Aber ich war jede Woche beim Frauenfrühstück, und irgendwann kamen die ersten Fragen – auch wenn es nur war: Wie ist das Wetter in Israel? Für einige war es schon eine Überwindung, ‚Israel‘ zu sagen.“

Der Glaube kommt dann auch noch zur Sprache. Als einmal ein Termin wegen Pessach ausfallen musste, erzählt Levin, „da kamen Fragen, was für ein Fest das ist. So kommt man langsam ins Gespräch.“

 

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