Interview Harald Welzer

Die Bürgergesellschaft tut allen gut

Ehrenamt putzt aus, wo der Staat versagt. Ganz so einfach ist es nicht, findet der Sozialpsychologe Harald Welzer.

Spontane Solidarität: Massen an Kuscheltieren, die von Helfern gespendet wurden Bild: dpa

taz: Herr Welzer, wofür übehaupt ist ehrenamtliches Engagement gut?

Harald Welzer: Eine Demokratie braucht das Engagement ihrer Bürger und Bürgerinnen, ohne ehrenamtliches Tun wäre Demokratie eine leblose Angelegenheit. Das Gemeinwesen erfordert Engagement – für das Gemeinwesen. Das Ehrenamt steht beispielhaft für die Leidenschaft für das Gemeinwesen.

ist Direktor der Stiftung Futur Zwei und Miterfinder der Initiative Offene Gesellschaft.

Er ist überzeugt, das ehrenamtliches Engagement das ist, was unsere Gesellschaft wenigstens noch einigermaßen zusammenhält. Auch aus diesem Grund sieht er den taz Panter Preis als enorm wichtiges Projekt an.

2015 war er Mitglied der Panter Preis Jury.

Bild: Volker Wiciok/ Lichtblick

Aber, so wird kritisiert, übernimmt ehrenamtliche Arbeit eigentlich nicht nur das, was der Staat eigentlich zu leisten hätte?

Ich weiß nicht, ob man Engagement und Ehrenamt in dieser Weise kritisieren kann. Die Freiwillige Feuerwehr ist ja eine Selbsthilfeorganisation in kleineren Gemeinden, vor allem im ländlichen Raum. Sie entstanden zu einer Zeit, als es noch kaum staatliche Daseinsvorsorge in diesem Sinn gab. Ehrenamtliche Arbeit ersetzt jedenfalls meist nicht etwas, wofür sich der Staat schon einmal für zuständig gezeigt hat.

Und beim Roten Kreuz?

An so einer Institution kann man, auch in internationaler Perspektive, gut sehen, dass nicht alles der Staat leisten könnte, was das Ehrenamt leistet. Bürgerengagement zeigt an, wo die Schuhe drücken.

Putzen Bürgerinnen und Bürger, etwa bei der Arbeit für die Tafeln, nicht nur aus, was der Staat nicht gewährleistet: Nahrung für jene, die mit sehr wenig Geld sich kaum des Hungers erwehren können?

Das kann es im Einzelfall geben, ja, aber man könnte mit Gewinn darüber nachdenken, dass vieles eigentlich umgekehrt läuft. Über das Bürgerengagement wird den staatlichen Ebenen angezeigt, wo es dauerhafte Strukturen braucht.

Hilft das Helfen eher den Helfern oder den Geholfenen?

Beiden.

Das möchten Sie erklären?

Es hilft insofern beiden, weil natürlich so etwas wie ein Engagement für andere für den oder die, die hilft, Erfahrungen von Wirksamkeit, von Erfolg, von Dankbarkeit, von Verantwortlichkeit und so was vielleicht realisiert, die diese Person in anderen Umständen, meinetwegen als abhängig Beschäftigte, überhaupt nie haben könnte.

Insofern ist das auch eine selbstbezügliche Aktivität, oder kann es vielfach sein. Und wenn er/ sie diese Aktivität nicht ausüben würde, würde ja anderen Menschen diese Hilfe und dieses Engagement einfach fehlen. Also insofern haben beide was davon.

Wirken HelferInnen selbstlos?

Nein, das wäre viel zu einfach. Für mich ist es wahnsinnig interessant, wenn man sich mit Leuten unterhält, von denen man gar nicht gewusst hat, dass sie sich engagieren. Dass sie irgendwie in der Flüchtlingshilfe aktiv sind oder in einem Hospiz arbeiten, einerlei. Sie sind keine Einsamen. Wenn Personen, die man ansonsten vielleicht nicht kennengelernt hätte, in anderen Rollen antrifft.

Der Automechaniker, der jungen Flüchtlingen hilft. Oder die Frisörin, die Menschen mit Behinderung zu einem Konzert begleitet. Ihre Welten werden erweitert – und sie alle wissen das auch und finden genau das gut. Sie werden, könnte man sagen, reich. Oder sie sind es schon.

Man muss, wie viele Rechtspopulisten hoffen, nicht fürchten, dass die überwältigende Hilfsbereitschaft Flüchtlingen gegenüber plötzlich abstirbt wegen Erschöpfung der Beteiligten?

„Das Engagement wäre da, aber die Politik weiß es nicht zu nutzen. “

Nein, deswegen nicht. Sie stirbt ab in Ermangelung von Flüchtlingen. Das ist das große Problem: Das Engagement wäre da, aber die Politik weiß es nicht zu nutzen. Sie hat völlig versäumt, diese ehrenamtliche Arbeit als eine zu verstehen, die auch dauerhaft über dieses punktuelle Ereignis hinaus gepflegt werden muss.

In Flensburg etwa war es einfach so, dass, nachdem die Schweden ihre Grenze dichtgemacht haben, die 10.000 ehrenamtlichen Helfer im nördlichen Schleswig-Holstein nichts mehr zu tun hatten. Sehr viele von denen haben das sehr vermisst. Sie fühlen sich ungewürdigt.

Die Politik hat auch nicht vermocht, gerade die HelferInnen zu würdigen, die selbst ein migrantisch geprägtes Leben hatten und haben.

Ja, in der Tat. Man soll ja keine Prognosen machen. Aber wahrscheinlich wird mal im Rückblick das Jahr 2015 als ein Bruchpunkt unserer politischen Kultur begriffen werden. Die Bürgergesellschaft hat sich gezeigt – und wie. Doch wir haben ein so eklatantes Elitenversagen gesehen in der Thematisierung, im Kleinstolpern dieser unglaublichen bürgerschaftlichen Leistung, im Versagen der großen Unternehmen, hilfreich da zu sein.

Interview von JAN FEDDERSEN