Interview mit David Mulindwa Mukasa

Neue Kraft schöpfen

Der ugandische Journalist wurde mehrfach verhaftet, verfolgt und gefoltert. Dank taz.refugium bekam er eine Auszeit.

Kuratoriumsmitglied Andreas Lorenz und Stipendiat David Mulindwa Mukasa Bild: Barbara Dietl

Andreas Lorenz: David, wie oft hat Sie die Polizei in letzter Zeit festgenommen?

David Mulindwa Mukasa: Vier Mal seit 2013. Die Polizei hat mich aber immer nur wenige Stunden festgehalten. Hinter solch einem Arrest steckt nicht die Absicht, Dich vor Gericht zu bringen.

Sondern?

Sie wollen verhandeln, entweder mit der Journalistenorganisation oder mit Deiner Familie. Der Deal lautet: Lass die Recherchen zu dieser oder jener Geschichte fallen und wir lassen Dich laufen. Dann sagen Deine besorgten Familienangehörigen: Vergiss diese blöde Geschichte, dann kommst Du frei.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das letzte Mal landete ich hinter Gittern, weil ich fotografiert hatte, wie Polizisten einen Kollegen verprügelten. Unter der Bedingung, dass ich das Foto lösche, ließen sie mich wieder laufen.

• taz.refugium ist ein Auszeit-Programm für Journalisten und Journalistinnen aus Krisengebieten. Es wird wird organisiert und finanziert von der taz Panter Stiftung und der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen.

• Das Programm richtet sich an JournalistInnen, die aus Krisengebieten berichten oder die selbst bedroht werden. Sie erhalten die Möglichkeit, nach Berlin zu kommen, um Kraft zu tanken, Abstand zu gewinnen, die Gedanken zu sammeln.

Sie haben es also gelöscht?

Andreas Lorenz, hat viele Jahre für den Spiegel und zahlreiche Tageszeitungen als Auslandskorrespondent berichtet. Seit 2011 engagiert er sich bei der taz Panter Stiftung als Kuratoriumsmitglied für die Ausbildung von JournalistInnen.

Ja, meine Kollegen, die meine Freilassung verhandelten, sagten mir: „Lösch es ruhig, wir haben eine Software, damit können wir das Foto auf der Festplatte retten. “

Sie haben die Polizei danach verklagt?

Ja, wir waren auf einer Polizeiwache, wo dieser Radiokollege saß, den sie vom Mikrofon weg festgenommen hatten, weil ihnen nicht gefiel, was er sendete. Nach dem Foto warfen sie mich in einen winzigen Raum, der voller Pfefferspray war. Danach verklagte ich sie, sie reagierten mit einer Gegenklage: Ich hätte einen Beamten bei der Ausübung seines Dienstes behindert.

Was kam heraus?

Nichts, das Gericht stellte das Verfahren ein, weil die Polizisten nichts gegen mich in der Hand hatten. Meine Klage läuft noch.

Eine Geschichte, die Sie ebenfalls in Schwierigkeiten brachte, waren die Leichen am Viktoriasee ...

Richtig, das war nach Weihnachten 2015. Die Polizei fand dreizehn Tote am Ufer und behauptete, alle hätten betrunken gebadet und seien ertrunken.

Was machte Sie misstrauisch?

Es stellte sich heraus, dass nicht 13, sondern 30 Menschen gefunden wurden. Ich kenne die Gegend. Es gehen nicht so viele Leute zur gleichen Zeit betrunken ins Wasser. Und es gab niemanden, der Alarm geschlagen hätte. Wenn jemand ertrinkt, dann wird sein Körper wegen der Strömung in der Regel erst nach Tagen irgendwo anders gefunden. Außerdem: Die meisten der Toten waren Muslime. Welcher Muslim feiert christliches Weihnachten am Viktoriasee und betrinkt sich so, dass er ertrinkt?

Was steckte nach Ihrer Meinung dahinter?

Wir wissen es nicht, Kollegen und ich arbeiten daran. Aber: Der Präsidenten-Wahlkampf ...

Es ging um die Wiederwahl von Präsident Yoweri Museveni, der seit 1986 an der Macht ist ...

... wurde damals heißer. Wir vermuten, dass diese Leute Gegner der Regierung waren und umgebracht wurden. Einige hatten zusammengebundene Hände, als sie aus dem Wasser gezogen wurden.

Was passierte bei den Recherchen?

Ich wurde beobachtet und verfolgt. Ich habe das nicht sehr ernst genommen. Bis zu der Nacht, als Leute in mein Haus in Kampala einbrachen und meine Ausrüstung stahlen: zwei Mobiltelefone, Laptop, zwei Kameras, zwei Festplatten. Seltsamerweise waren andere Dinge, ein Fernseher, eine komplett neue Musikanlage, noch da.

Sind Sie zur Polizei gegangen?

Ja, aber ich habe bislang nichts von Ihnen gehört – seit Januar 2016. Der Diebstahl der Ausrüstung war ein harter Schlag für mich.

Wie würden Sie die Lage der Medien in Uganda beschreiben?

Das, was ich `unseriösen Journalismus` nenne, ist leider sehr verbreitet. Diese Kollegen haben keinerlei Probleme mit der Obrigkeit. Für jene, die seriösen Journalismus betreiben, wird die Lage von Tag zu Tag schlechter. Kritischer Journalismus stirbt, weil Journalisten und Medienunternehmen unter Druck gesetzt oder bestochen werden. Wir einzelne Journalisten müssen stark bleiben, selbst wenn Redaktionen wegen des Drucks von oben Geschichten in den Mülleimer werfen. Was uns zudem besorgt: Die Regierung will dem Minister r für Kommunikation und Informationstechnologie mehr Macht einräumen – schlecht für uns Journalisten.

Ist das ein Problem, das den ganzen Kontinent betrifft? Die Demokratie scheint in Afrika auf dem Rückzug.

Ehrlich gesagt: Der Westen ist mitschuldig an dieser Situation. Er hat uns beigebracht, was Demokratie ist, und wir haben es angenommen. Aber was passiert nun? Die Europäer finden zum Beispiel heraus, dass Wahlen nicht frei und fair sind, und dennoch rollen sie ein paar Wochen später eben jenen Potentaten den roten Teppich aus.

Was sollte der Westen tun?

Aufrichtig sein. Diese Leute nehmen das Geld, das nicht Ihnen gehört, um in anderen Ländern zu investieren, Geschäfte zu machen, Immobilien zu kaufen. Und Ihr nehmt auch noch dieses Geld an!

Sie sind das erste Mal in Europa. Was hat Sie überrascht, was enttäuscht?

Ich hatte immer den Eindruck, dass die Leute hier, besonders die Deutschen, etwas gegen Schwarze haben, ich dachte, sie würden sich im Zug wegsetzen, wenn ich komme. Ich musste mein Vorurteil revidieren. Die Menschen sind sehr freundlich – ein positiver Schock.

Und der negative Schock?

Es gibt eigentlich keinen. Was mich auch überraschte, und da sollten sich unsere Politiker ein Beispiel nehmen: Der Sinn für das Gemeinwohl.

Wo haben Sie den gespürt?

Ein kleines Beispiel: Sie haben mich anfangs davor gewarnt, meine Monatskarte wegen der Kontrollen zu vergessen. Aber ich habe in diesen drei Monaten keinen einzigen Kontrolleur getroffen. Und dennoch: Die Menschen kaufen immer Fahrkarten, selbst wenn sie riskieren, den Zug zu verpassen.

Wie sind Sie mit Kälte und Dunkelheit zu recht gekommen?

Ich war auf das Schlimmste vorbereitet, aber es war gar nicht so kalt. Um 16.00 Uhr dachte ich allerdings, dass der Tag vorbei wäre, weil es schon dunkel war.

Nach fast drei Monaten in Berlin: Was könnte in unserem Auszeitprogramm nach Ihrer Ansicht besser laufen?

Wenn jemand aus einer Umgebung kommt, in der er oder sie traumatisiert wurde und er oder sie erhält die Gelegenheit zur Ruhe, wäre es gut, wenn der Gast die Möglichkeit bekommt, sich zu beschäftigen – vielleicht zwei, drei Stunden am Tag. Ich denke an Workshops oder Sprachunterricht. Sonst kann diese plötzliche Ruhe sehr schwierig werden.