Interview mit Yulija Bozhko

„Sie hassen ukrainische Journalisten“

Yulija Bozhko berichtete in Donezk über Demonstrationen pro-russischer Separatisten.

Stipendiatin Yulia Bozhko und Kuratoriumsmitglied Andreas Lorenz Bild: Barbara Dietl

Andreas Lorenz: Frau Bozhko, was hat Sie bewogen, sich beim taz.refugium, dem Auszeit-Programm von taz Panter Stiftung und Reporter ohne Grenzen zu bewerben?

Yulija Bozhko: Ich steckte in einer Sackgasse, kam nicht vor und nicht zurück. Ich lebte in Kiew, nachdem ich 2014 meine Heimatstadt Donezk im Osten der Ukraine verlassen musste.

Wieso mussten Sie weg?

Ich wurde bedroht. Ich arbeitete damals seit rund vier Jahren für den ukrainischen TV-Sender Kanal 5. Im Jahr 2014 berichtete ich in Donezk über die pro-russischen Demonstrationen. Dabei wurden wir beschimpft und angegriffen, mein Kameramann weigerte sich schließlich, weiter zu drehen.

Was waren das für Leute auf der Straße?

Russische Aktivisten. Sie hassen ukrainische Journalisten, besonders aber uns, die vom Kanal 5.

Warum?

Sie warfen uns vor, die Maidan-Bewegung unterstützt zu haben...

... die Bürgerproteste in Kiew ...

Dabei haben wir akkurat und ausgewogen berichtet. Sie fragten überall herum: Wo sie uns finden konnten, wo wir wohnten. Sie kamen in unser Büro, wir von Kanal 5 standen wohl ganz oben auf ihrer schwarzen Liste.

Der Besitzer von Kanal 5 ist der jetzige Präsident und Oligarch Petro Poroshenko?

Stimmt. Die Lage wurde für uns wirklich gefährlich. Als sich mein Kameramann weigerte zu filmen, habe ich die Demonstrationen mit meinem Smartphone und Tablet aufgenommen. Ich fühlte mich dazu verpflichtet: Wer würde denn sonst diese Situation, diese Leute beschreiben? Das waren alle Russen, die über die Grenze gebracht worden waren.

• taz.refugium ist ein Auszeit-Programm für Journalisten und Journalistinnen aus Krisengebieten. Es wird wird organisiert und finanziert von der taz Panter Stiftung und der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen.

• Das Programm richtet sich an JournalistInnen, die aus Krisengebieten berichten oder die selbst bedroht werden. Sie erhalten die Möglichkeit, nach Berlin zu kommen, um Kraft zu tanken, Abstand zu gewinnen, die Gedanken zu sammeln.

Woher wussten Sie das?

Andreas Lorenz, hat viele Jahre für den Spiegel und zahlreiche Tageszeitungen als Auslandskorrespondent berichtet. Seit 2011 engagiert er sich bei der taz Panter Stiftung als Kuratoriumsmitglied für die Ausbildung von JournalistInnen.

Ich bin in der Gegend aufgewachsen, meine Muttersprache ist russisch. Ich habe es an ihrem Akzent gehört. Sie haben schließlich meine Adresse und Telefonnummer herausgefunden. Einer von denen kündigte an, mich zu töten. Ich hatte Angst um meine Familie und um mich.

Was passierte dann?

Mein Chef schlug vor, Donezk für einige Zeit zu verlassen. Wir nutzten die Zeit, meine Tochter Alissa wegen einer Magenkrankheit behandeln zu lassen. Als wir zurückkehren wollten, war die Lage noch gefährlicher geworden: Journalisten und Aktivisten verschwanden, einige tauchten gefoltert wieder auf. Also entschied ich mich, in Kiew zu bleiben. Erst lebten wir bei einer Kollegin, dann mietete ich eine Wohnung, ich arbeite seither in der Kiewer Zentrale von Kanal 5.

Sind Sie seit 2014 mal in ihre Heimat zurückgekehrt?

Nein. Das alles erscheint mir so unwirklich. In Kiew werden wir wie Flüchtlinge behandelt. Schlimmer noch: Die Leute misstrauen uns, weil wir aus Donezk kommen. Sie halten uns für pro-russische Aktivisten, also für Feinde. Es war für uns deshalb schwierig, eine Wohnung zu finden. Für Alissa ist es besonders hart: Weil sie besser russisch als ukrainisch sprach, bekam sie in der Schule Probleme. Für sie war das alles ohnehin schwer zu verkraften. Sie musste zurücklassen, was ihr wichtig war: Großmutter, Hund, Katze.

Haben Sie danach ihre Verwandten wiedergesehen?

Nur über Skype. Meine Mutter ist nicht nach Kiew gekommen, weil sie fürchtet, sie werde nicht zurückgelassen – meinetwegen. Und ich selbst habe es nicht gewagt, dorthin zu fahren.

Wie ist es Ihnen in Berlin ergangen?

Als ich im September ankam, war ich angespannt und nervös. In Berlin konnte ich Abstand gewinnen, entspannen, den Stress hinter mich lassen. Ich verstehe nun die politische Situation in der Ukraine besser. Und ich hatte endlich Muße, über meine Zukunft nachzudenken.

Sie sind das erste Mal in Berlin. Was ist Ihnen aufgefallen?

Die Leute sind freundlich, sie lächeln auch Fremde an. Wir Ukrainer sind wegen des Krieges nicht sehr positiv gestimmt.

Sie brachten Ihre Tochter mit. Wie war es für sie?

Zum Glück hat die internationale Nelson-Mandela-Schule sie schnell aufgenommen. Obwohl sie weder gut Englisch noch Deutsch spricht, scheint sie gut klar zu kommen. In Kiew war sie sehr verschlossen, jetzt hat sie damit begonnen, sich zu öffnen. Einige Klassenkameradinnen sprechen sogar ein wenig Russisch, die Kinder und Lehrer sind sehr zugewandt und hilfsbereit.

Was haben Sie in Berlin unternommen?

Wir haben uns viele Sehenswürdigkeiten angeschaut und schon zehn Museen besucht. Ich habe ein Orgelkonzert in der Marienkirche gehört – der Klang von Engeln.

Nicht so himmlisch für Sie war ein anderes Erlebnis ...

Wir waren an der Krummen Lanke spazieren und plötzlich sahen wir so viele Nackte. Ich weiß um Ihre Kultur von Körperlichkeit und Freiheit, aber das waren wir nicht gewohnt. Wir haben dann erstmal einen Platz am Wasser gesucht, wo die Leute wenigstens einen Badeanzug an hatten.