Interview zur Neuköllner Kunstszene

"Soziale Spaltung droht nicht erst seit Neuestem"

Die Kunstszene in Neukölln beflügelt Neugierde und Kontakte im Bezirk, sagt die frühere Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland.

"Neukölln kann nicht groß mit Sehenswürdigkeiten angeben."  Bild: dapd

taz: Frau Kolland, wir sitzen hier in Ihrer Wohnung in Charlottenburg. Vor Ihrer Tür reihen sich Apotheken an gediegene Modeläden. Warum leben Sie, die beruflich so innig mit Neukölln verbandelt war, ausgerechnet hier?

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Dorothea Kolland: Ich zog 1971 her, als ich zum Studieren nach Berlin kam. Zehn Jahre, bevor ich im Kulturamt von Neukölln anfing. Meine Kinder wuchsen hier auf, sie waren mit Leib und Seele Charlottenburger. Eins davon lebt mittlerweile in Neukölln.

Ein Umzug kam nie in Frage?

Nur einmal stand ein Umzug nach Neukölln zur Debatte. Wir schauten uns in der Schillerpromenade eine Wohnung an, mein damals 14-jähriger Sohn kam mit dem Fahrrad zum Besichtigungstermin. Vor dem Haus ist er von arabischen Jugendlichen angegriffen worden. Und da war für ihn klar, er will keinesfalls nach Neukölln. Damit war das Thema durch.

 

Dorothea Kolland

30 Jahre leitete sie das Kulturamt Neukölln und begleitete den Wandel im Bezirk. 1947 in Bayern geboren, studierte sie Gesang an der Hochschule für Musik und Theater in München. Nachdem sie merkte, dass es für die große Gesangskarriere nicht reicht, ging sie nach Berlin und promovierte in Musikwissenschaft. 1981 übernahm sie die Leitung des Neuköllner Kulturamts. 1997 bekam Kolland für ihr bürgerschaftliches Engagement das Bundesverdienstkreuz. Im vergangenen Mai ging sie in den Ruhestand. (xla)

 

48 Stunden Berlin

Vom 15. bis zum 17. Juli widmet sich das Festival den Themen Einwanderung, Asyl, Illegalität und dem interkulturellen Zusammenleben in Neukölln. Zu sehen gibt es im gesamten Bezirk Ausstellungen, Konzerte, Performances und Lesungen. Neben Künstlerateliers werden wieder private Orte wie Treppenhäuser und Hinterhöfe bespielt. Das Programm:

www.48-stunden-neukoelln.de

 

Der Spiegel nannte Neukölln 2004 „Bronx von Berlin“.

Das war schon damals weit übertrieben. Zu 70 Prozent basierte das auf grauenhaften Vorurteilen. Als der Spiegel seine Geschichte schrieb, forschte gerade eine FU-Dozentin zur Außenwirkung von Neukölln. Wie nehmen Neuköllner ihren Bezirk war und wie die restlichen Berliner? Da gab es eklatante Unterschiede.

Welche?

Während die Neuköllner ihre Situation realistisch bewerteten, war die Haltung der anderen Berliner zu Neukölln katastrophal. Die stellten sich vor, dass da Schüsse durch die Nacht knallen und die Straßen in Dreck stehen, dass dort keine Frau nachts allein auf die Straße gehen kann. Ohne dass sie jemals im Bezirk vorbeikamen, wohlgemerkt.

Was taten die Neuköllner gegen diese Vorurteile?

Nicht viel. Neukölln ist ja auch nicht der Bezirk, der groß mit Sehenswürdigkeiten angeben kann. Die Berliner Stadtrundfahrten machten generell am Hermannplatz kehrt.

Wann kippte dieses negative Bild in der öffentlichen Wahrnehmung? Wann wurde Neukölln cool?

Schleichend, manifest wurde es vor etwa fünf bis sechs Jahren. Der Hauptanlass für die Medien, auch mal positive Bilder aus Neukölln zu bringen, war das Festival „48 Stunden Neukölln“.

Wofür steht das Festival?

Für etwas ganz Erstaunliches, das man in Neukölln nie vermutet hatte: für eine lebendige Kunstszene, für Subkultur und herrlich absurde Situationen.

Absurde Situationen?

Wenn zum Beispiel eine Ausstellung in ehemaligen öffentlichen Toiletten stattfindet. Das Konzept von „48 Stunden“ war von Anfang an, ungewöhnliche Orte für die Kunst zu finden und sie in den Bezirk rauszutragen. Da fanden dann Chorperformances auf Hinterhofbalkonen statt, Friseursalons wurden bespielt, Parkdecks zu Bühnen umfunktioniert.

Heute boomt der Bezirk: In der Boddinstraße stolpert man von einer Galerie in die nächste, im Körnerkiez eröffnen Co-Working-Spaces in Künstlerhand, in der Weserstaße drängen sich Kneipen, der Schillerkiez hat eine Jugendkunstschule und nach „48 Stunden“ läuft das Festival „Nacht und Nebel“.

Da hat sich so viel getan. Als ich vor 30 Jahren im Kulturamt anfing, wurden im Bezirk um 18 Uhr die Bordsteine hochgeklappt. Es gab vielleicht 30 Künstler in Neukölln und ihr Altersdurchschnitt war 60 – wenn nicht höher. Das ist jetzt komplett anders. Es hat einen enormen Zuzug von Künstlern gegeben.

Die deutlich jünger sind?

Zur ersten Zuzugswelle vor etwa zehn Jahren gehörten Leute zwischen 35 und 45, die sich in Atelierhäuser einmieteten oder eigene Ateliers in Gewerbe-Etagen fanden. Es folgten jüngere Künstler aus anderen Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg oder aus dem unbezahlbar gewordenen Mitte. Heute sind die meisten der jungen Leute, die nach Neukölln strömen, eher Studenten. Hinzu kommen Menschen aus anderen Ländern, vor allem aus Südamerika, Spanien, Italien und Griechenland. Leute um die 30, die daheim keine Arbeit kriegen und ihre Hoffnungen auf Berlin setzen.

Im Zuge dieser Entwicklung steigen die Mieten im Bezirk, alte Mieter werden verdrängt.

Ich sehe das mit den Mieterhöhungen nicht so rasant wie Sie. Viele Mieten sind noch auf niedrigem Niveau, solange man einen alten Mietvertrag hat. Die Mietsteigerungen sind im Vergleich zum Rest der Stadt zwar erheblich, aber ausgehend von einem ziemlich niedrigen Niveau. Gleichwohl gibt es natürlich Luxussanierungen wie die in der Schillerpromenade.

Parallel dazu gibt es den Wegzug von Hartz-IV-Empfängern. Trägt die erstarkte Kulturszene und die damit verbundene Attraktivität Neuköllns letztlich zur Spaltung des Bezirks bei?

Viele Neuköllner deutscher und nichtdeutscher Herkunft leben bereits lange Zeit auf dem untersten Existenzlevel, da droht die Abspaltung nicht erst seit Neuestem. Ich sehe eher eine große Möglichkeit, mit Künstlern Brücken zu bauen über die sozialen Gräben hinweg.

Haben Sie dafür Beispiele?

Nehmen Sie den Körnerkiez: Viele der Läden dort wurden von Künstlern bezogen. Auch Buchbinder, Schmuckmacher und andere Kreative produzieren dort. Noch vor drei Jahren waren zwei von drei Läden dicht, die Rollläden unten. Es sah sehr abweisend aus. Jetzt stehen die Türen offen. Die Nachbarn sind neugierig, kommen zu Besuch und miteinander ins Gespräch. Es ist eine wesentlich weniger zugeknöpfte Situation als hier in Charlottenburg zum Beispiel. Dadurch ergeben sich soziale Kontakte in der Nachbarschaft, die vorher nicht da waren und die von einem Sozialarbeiter nicht so einfach herzustellen sind.

Weil das Zusammenkommen ungezwungener abläuft?

Man macht nicht mit Ansage das große Projekt Nachbarschaft, man ist einfach Nachbar. Die Künstler haben für die Quartiere sozial etwas geleistet. Stadtpolitisch hat der Senat auf solche Entwicklungen zu reagieren, wenn er nicht die große Sezession zwischen Arm und Reich will. Da muss man darüber nachdenken, wie und ob man für Künstler – nicht nur für die Bildenden –zum Beispiel Arbeitsräume subventioniert.

Steht Neukölln die Prenzlauerbergisierung bevor?

Das glaube ich nicht. In Prenzlauer Berg haben sich nach der Wende die Besitzverhältnisse komplett verändert. Das ist in Neukölln nicht der Fall. Es wird nicht in dem Maße gehypt und wohlhabend werden.

Ist das nicht eine Frage der Zeit? Erst kommen die Leute mit Ideen und dann die mit Geld?

Ich glaube nicht, dass sich die Schickeria in Neukölln besonders wohl fühlt. Dort wohnen nach wie vor ganz viele ganz stinknormale Leute. Eher bodenständige Typen. Die Kunst- und Kulturszene im Bezirk ist noch nicht arriviert. Das ist fast alles noch im Kessel des Werdens –und nichts, womit man repräsentieren kann. Bezeichnend dafür ist, dass noch keine renommierte Galerie nach Neukölln gezogen ist, bei der es wirklich um Geld geht.

Also geben Sie eine entspannte Prognose für die Entwicklung Neuköllns ab?

Das auch nicht. Die jetzige Entwicklung des Bezirks kann kippen – und zwar in Richtung Verelendung –, wenn es nicht gelingt, den neu zugezogenen Neuköllnern attraktive Angebote zum Bleiben zu machen. Dazu gehören in erster Linie gute Schulen für den Nachwuchs.

 

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