Jugendliche in Deutschland seien angepasst und ziellos, die Occupy-Proteste unnütz, klagt der Buchautor Gerald Hörhan. Er schlägt vor: Wirtschaftskurse statt Maul aufreißen.Interview: Timo Reuter

"Wer nicht gestaltet, darf auch nicht meckern": Na, wenn das mal keine Grabgestaltung ist. Vor der EZB in Frankfurt am Main. Bild: dpa
taz: Herr Hörhan, Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Sie pauschal junge Leute beschimpfen. Jetzt sagen Sie zur Occupy-Bewegung: Eure Demos bringen nichts. Was soll das?
Gerald Hörhan: Ich beschimpfe nicht. Ich kritisiere und provoziere mit Kalkül. Ich werfe der Jugend vor, dass sie sich anpasst statt zu revoltieren und selbst etwas Neues zu entwickeln. Statt wirtschaftliche Macht aufzubauen und damit politischen Einfluss zu gewinnen will sie shoppen, chillen und Schulden machen. Wenn ich bei einem Bewerbungsgespräch fordere, jemand soll pünktlich zur Arbeit kommen und etwas leisten, dann bekommt er schon allein davon fast ein Burnout und ist noch stolz drauf. Ich sage: Hört auf zu mosern. Packt euer Schicksal selber an!
An den letzten Wochenenden waren jeweils tausende zu Protesten auf den Straßen.

Gerald Hörhan
35, studierte an der Harvard-Universität angewandte Mathematik und Betriebswirtschaft. Der Investmentbanker arbeitete bei McKinsey und JP Morgan, besitzt ein eigenes Finanzunternehmen und bezeichnet sich selbst als Punk.
Foto: edition aDie derzeitigen Proteste gegen das Finanzsystem sind sinnlos. Denn die, die da demonstrieren, sind selbst mit Schuld an der Krise, weil sie verlernt haben, selbst anzupacken. Wer nicht gestaltet, darf auch nicht meckern.
Sie sind ja originell: Auf der einen Seite fordern Sie "die Jugend" auf, sich nicht anzupassen. Zum anderen kritisieren Sie die aktuellen Proteste gegen das Bankensystem als "Zirkusveranstaltung" und "sinnlos". Was denn nun?
Das Problem ist, dass die Demonstrationen nichts bringen, weil sie keine Ziele haben. Deshalb haben auch die Proteste in Spanien rein gar nichts gebracht. Ich gebe dagegen eine klare Anleitung, was wie zu tun ist. Wer wirtschaftliche Macht aufbauen will, muss Grundbegriffe der Wirtschaft kennen. Es ist gar nicht so schwer, die zu lernen, und es bringt was.
Nur weil Sie sich wie ein Punk verkleiden und als "Investmentpunker" bezeichnen, werden ihre pauschalen Thesen nicht origineller.
Ich verkleide mich weder als Punk, noch bezeichne ich mich als „Investmentpunker“. Vielmehr hieß mein erstes Buch „Investment Punk“, vielleicht verwechseln Sie da etwas. Ich stehe auf Punk-Musik, gehe gerne zu Rock- und Punk-Festivals und trage gerne die entsprechenden Klamotten. Ich lebe frei und selbstbestimmt, und dazu möchte ich auch die Jugend ermutigen, auch, indem ich sie provoziere. Die jungen Menschen müssen wissen, was sie wollen. Das schaffen ältere Generationen besser. In der älteren Generation gibt es mächtige Stimmen, die 'Nein' sagen, wenn man ihnen etwas wegnehmen will. Die Jugend sagt nicht mächtig genug 'Nein'.
Deshalb soll sie die Klappe halten, während Leute wie Sie sich eine goldene Nase verdienen?
Ich habe der Jugend noch nie empfohlen, die Klappe zu halten, und würde das auch niemals tun. Ich sage bloß: Statt gegen ein System zu protestieren, das ihr gar nicht versteht, wäre es besser, es beherrschen zu lernen und für eigenen kreative Ziele zu benutzen. Mein Aufruf an die Jugend ist: Bildet euch wirtschaftlich, so dass ihr mitreden könnt.
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Im Juli 2011 schlug die Redaktion der kanadischen antikonsumeristischen Adbusters-Zeitschrift vor, angesichts der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich die Wall Street zu besetzen. Als Protestbeginn schlugen sie den 17. September, den Verfassungstag der USA vor. Die Idee wurde von vielen Aktivisten aufgegriffen und am 17. September wurde die Wall Street tatsächlich besetzt. So begann die Protestbewegung "Occupy Wall Street", die inzwischen zahlreiche Länder erfasst hat.
Doch die Wurzeln der Occupy-Bewegung sind vielfältiger. Zu Beginn des Jahres 2011 wurde die Weltöffentlichkeit von mehreren demokratischen Proteste in arabischen und nordafrikanischen Ländern überrascht. Im Sommer begannen in krisengebeutelten europäischen Ländern Proteste gegen Einsparungen durch die Regierungen. Der Tenor: Banken bekommen in der Krise Milliardensummen zugesprochen während Renten und Sozialausgaben gekürzt werden.
Schon im Mai gab es von den spanischen Protestierenden den Aufruf für einen weltweiten Protest am 15. Oktober. Und so kam es. An diesem Tag gingen Menschen in fast 1.000 Städten in zahlreichen Ländern und Kontinenten auf die Straße.
Die Forderungen und Ziele der Bewegungen sind vielfältig, häufig geben sie auch vor, keine eindeutigen Ziele zu haben: Es geht um Partizipation, um Diskussion, um Gemeinsamkeit, um ein Unbehagen mit der Welt. Das Unbehagen wird durch den weltweit verbreiteten Slogan „We are the 99 percent“ ausgedrückt, dass trotz Demokratie und Freiheit eine kleine Anzahl von Menschen den Großteil der ökonomischen Produktionsmittel und der politischen Macht besitzen.
Hier finden Sie Berichte, Reportagen und Kommentare zur globalen Protestbewegung. Unser Reporter Jannis Hagmann bloggt aus Frankfurt am Main über die dortigen Proteste.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
16.01.2012 00:22 | Random Sun
Komisch, dass das noch niemanden aufgefallen ist: ...
04.11.2011 12:58 | Wanja
Selbst machen statt meckern, ich muss zugeben das trifft für viele vor Ort absolut zu. Aber muss man Wirtschaftskurse beleg ...
31.10.2011 09:03 | Grundstein
Es ist schon possierlich, wie wenig das altlinke Establishment (das für gewöhnlich die TAZ liest) mit den Occupys anfangen ...