Islamisten gegen Westen

Botschaften unter Feuer

Wütende Demonstranten versuchen westliche Botschaften im Sudan, Ägypten und in Tunesien zu stürmen. An der deutschen Vertretung in Khartum legen sie Feuer.

Demonstranten versuchen die deutsche Botschaft in Karthum zu stürmen.   Bild: reuters

KAIRO taz | Auseinandersetzungen waren in der der sudanesischen Hauptstadt Khartum erwartet worden, wie in allen Teilen der arabischen Welt. Aber nicht das: Mehrere tausend Demonstranten zogen nach dem Freitagsgebet in der größten Moschee der Stadt ausgerechnet vor die deutsche und die britische Botschaft. Die Menschen drangen anschließend in die deutsche Botschaft ein, rissen das Emblem und die Fahne der diplomatischen Vertretung herunter und hissten eine islamische Flagge. Dann legten sie Feuer.

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Die herbeigerufene Verstärkung der sudanesischen Sicherheitskräfte versuchte die Demonstranten durch Tränengaseinsatz zu vertreiben. Ein großer Teil von ihnen zog anschließend weiter zur US-Botschaft – teilweise in organisierten Bussen. Dort waren am Abend Schüsse zu hören, nach dem protestierende Islamisten die Außenmauer der US-Vertretung überwunden hatten.

Unklar blieb, ob die Sicherheitskräfte sich an der deutschen Vertretung mit Absicht zurückgehalten haben oder ob sie den tausenden Demonstranten zahlenmäßig weit unterlegen waren.

Der Drahtzieher hinter dem islamfeindlichen Schmähvideo ist laut US-Medienberichte eine dunkle Figur mit kriminellem Hintergrund. Justizbeamte hätten bestätigt, dass es sich um einen in Kalifornien lebenden Mann namens Nakoula Basseley Nakoula handele, berichtete das Magazin Time. Er bediene sich verschiedener Decknamen und sei unter anderem wegen Bankbetrugs 2010 zu einer Haftstrafe von 21 Monaten verurteilt worden. Dabei sei ihm auch für fünf Jahr der Zugang zum Internet verboten worden. Die New York Times bezeichnet Nakoula als einen "zwielichtigen Tankstellenbesitzer mit einer Geschichte von Festnahmen und geschäftlichen Pleiten". Er sei 55 Jahre alt und lebe gut 30 Kilometer südlich von Los Angeles. (dpa)

Sicherlich hatte sich die Polizei auf die US-Botschaft konzentriert und der Angriff auf die deutsche Botschaft kam überraschend. Dazu aufgerufen hatte offenbar der bekannter Scheich Mohammed Dschisuli. Er sagte im staatlichen Rundfunk, damit sollte gegen antiislamische Graffiti an Berliner Moscheen protestiert werden sowie gegen das Schmähvideo aus den USA.

Westerwelle verurteilt Angriffe

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilte die Angriffe aufs Schärfste und forderte eine sofortige Wiederherstellung der Integrität der Botschaft, wie sie vom internationalen Recht garantiert sein sollte. Laut Westerwelle sollen sich alle Botschaftsangehörige in Sicherheit befinden. Der Krisenstab des Auswärtigen Amts befand sich im ständigen Kontakt mit den Mitarbeitern der Botschaft in Khartum.

Der sudanesische Boschafter in Berlin war schon am Freitagvormittag einbestellt worden und wurde auf die Pflicht zum Schutz der diplomatischen Einrichtungen hingewiesen. Seine Regierung hatte den inkriminierten Internet-Film nach einem Bericht der Zeitung Sudan Tribune am Donnerstag scharf verurteilt, islamistische Gruppen hatten zu Protesten nach dem Freitagsgebet aufgerufen.

Westerwelle erklärte, dass er die Empörung der islamischen Welt auf das Hassvideo gegen die islamische Welt verstehen könne, dass dies aber keine Rechtfertigung für die Erstürmung einer Botschaft darstelle. „Dieses Video ist unerträglich und verletzt die Gefühle von Millionen gläubigen Menschen, aber es ist keine Rechtfertigung für diese Gewalt“, sagte er.

Unverständnis über die Botschaftserstürmung äußerte auch Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats in Deutschland. „Was dort geschieht, ist mir völlig unverständlich. Ich begreife auch nicht, was damit bezweckt wird. Dafür gibt es keinerlei religiöse Begründung“, sagte Kizilkaya. „Wer Kritik wegen eines Films üben will, der soll friedlich demonstrieren. Gewalt ist kein Mittel des Meinungsstreits, Gewalt schadet dem Islam“, sagte Kizilkaya.

Kentucky Fried Chicken in Flammen

Auch in anderen arabischen Ländern kam es zu weiteren Auseinandersetzungen. Im Libanon wurde während des Papstbesuches eine Zweigstelle der Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken (KFC) sowie die Filiale einer weiteren US-Fastfoodkette angezündet.

Danach sei es nach Behördenangaben zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Die Polizei hätte das Feuer eröffnet und einen der Angreifer getötet. Auseinandersetzungen wurden auch aus dem Jemen gemeldet.

Dort feuerte die Polizei Warnschüsse und setzte Tränengas gegen Islamisten ein, die sich der amerikanischen Botschaft genähert hatten. Zum Schutz ihrer Vertretung entsandten die USA 50 Marines in die jemenitische Hauptstadt Sanaa. In Afghanistan blieben die Proteste dagegen friedlich.

Tote in Tunis

Bei dem Sturm der US-Botschaft in Tunis sind laut Angaben der Nachrichtenagentur afp am Freitag mindestens zwei Menschen getötet worden. Mindestens 29 Menschen seien verletzt worden, als Demonstranten aus Wut über einen in den USA produzierten islamfeindlichen Film die Vertretung in der tunesischen Hauptstadt angriffen, meldete die Nachrichtenagentur TAP unter Berufung auf vorläufige Angaben des Gesundheitsministeriums. Zwei der Verletzten schwebten in Lebensgefahr.

Mehrere Demonstranten waren über eine der Mauern um die in einem Vorort von Tunis gelegene Botschaft geklettert. Nachdem die Menge Molotowcocktails auf das Gelände geworfen hatte, brannten mehrere Fahrzeuge. Die Polizei setzte zunächst Tränengas ein. Später schossen die Sicherheitskräfte. Laut TAP setzten Demonstranten auch die wenige Meter entfernte US-Schule in Brand und plünderten die Ausrüstung der Schule. Am Abend kehrte zunächst Ruhe ein.

Dicker schwarzer Rauch hing über dem Gebäudekomplex. Schüsse waren zu hören. Mindestens fünf Menschen sollen durch Kugeln verletzt worden sein. Die Menschen riefen „Allahu Akhbar“ (Gott ist groß) und schwenkten scharze Fahnen. Am Abend legten Demonstranten Feuer in der amerikanischen Schule in Tunis.

Auch in Kairo ging der Sturm auf die US-Botschaft in der Innenstadt weiter. Wie in den vergangenen Tagen versuchten mehrere hundert meist Jugendliche die Botschaft zu stürmen, die aber inzwischen von den Sicherheitskräften durch eine Betonmauer abgeriegelt wurde.

Ursprünglich hatte die Muslimbruderschaft zu einem Millionenmarsch in Protest gegen das Hassvideo aufgerufen. Der wurde aber dann wenige Stunden vor dem Freitagsgebet abgeblasen. „Aufgrund der Entwicklung der letzten Tage wird die Muslimbruderschaft nur symbolisch an den Protesten teilnehmen, um weitere Angriffe auf Menschen und Eigentum zu vermeiden“, hieß es in einer Erklärung der Muslimbruderschaft. (mit afp)

 

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