Islamisten in Mali

Nichts ist, wie es war

Der Norden Malis wird von Islamisten beherrscht. Im Grenzgebiet versucht das Militär, Stärke zu zeigen, und gängelt die Medien. Eine Stadt und ihr Lokalradio im Alarmzustand.

Im Ausbildungscamp in Mopti warten die jungen Milizen auf ihren Einsatz – zur Verstärkung der malischen Armee. Offiziell wird dies bestritten.  Bild: Jens Grossmann

MOPTI taz | Sie waren schon mehrfach bei ihm. Drei, vier Soldaten der malischen Armee, bewaffnet mit Sturmgewehren. Sie klopften, durchsuchten die Räume, drohten und gingen wieder. „Nichts Besonderes“, sagt Mamadou Bocoum. Er ist Chefredakteur des lokalen Radiosenders Kaoural in Mopti. Die Stadt ist die letzte in der Südhälfte des Landes, die gefahrlos bereist werden kann. Rund 70 Kilometer dahinter beginnt Islamistengebiet.

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Mamadou Bocoum ist Journalist des Jahres 2012 in Mali. Seit Wochen darf er aber nicht mehr berichten, jedenfalls nichts Politisches. „Es gibt für uns eine ganz klare Warnung des Militärs: Entweder wir bleiben unpolitisch oder sie kommen und zerstören den Sender.“

Bocoum ist derzeit nicht gut auf das Militär und die Pseudoregierung in Malis Hauptstadt Bamako zu sprechen. „Ich darf zwar nicht senden, aber wer soll mir das Recherchieren verbieten?“, fragt er trotzig. Die Freiheit der Presse ist in Malis Grundgesetz verankert, doch seit mehr als zwei Monaten gilt dies nur noch eingeschränkt. Seitdem im März in der Hauptstadt Bamako das Militär putschte und die Nordhälfte des Landes unter die Kontrolle einer Koalition von Tuareg-Rebellen und islamistischen Milizen geriet, haben sich die politischen Verhältnisse in Mali dramatisch verändert.

Wieder klingelt eines der Telefone auf Bocoums Schreibtisch. Er spricht laut, die Verbindung ist schlecht. Ein Kollege aus Gao berichtet ihm von den Zuständen in der von Islamisten kontrollierten größten Stadt Nordmalis. Bocoum stellt auf laut.

Journalist des Jahres 2012 in Mali: Mamadou Bocoum.  Bild: Jens Grossmann

In Gao, sagt der Journalist, sei am Morgen demonstriert worden. Die Islamisten hätten in die Menge geschossen. „Es hat mehrere Tote gegeben.“ Die Stimmung sei ebenso angespannt wie die Versorgungslage. „Es fehlt vor allem Wasser.“ Beim Sturm auf Gao Ende März hätten die Tuareg-Rebellen und die islamistischen Kämpfer alles zerstört, was nach öffentlicher Ordnung aussah: Banken, Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude, Geschäfte und Mobilfunkantennen. „Gao, Timbuktu und Kidal – es ist überall dasselbe“, sagt Bocoum, als er das Gespräch beendet.

Armee trägt Mitschuld

Wenn man den Radiojournalisten nach den Gründen für die Situation im Norden fragt, beschuldigt er an erster Stelle Malis Armee. Sie habe versagt. Und mehr als das. „Ich habe hier Interviews“, sagt er und zeigt auf seinen Laptop, „mit Eltern, deren Söhne seit Wochen verschwunden sind. Wir haben Anhaltspunkte dafür, dass die Armee gegen arabisch- und tuaregstämmige Familien vorgeht.“ Fünf Menschen soll die Armee allein in Mopti in den letzten Wochen verschwinden lassen haben.

Das Leben in Mopti scheint äußerlich seinen gewohnten Gang zu gehen, Geschäfte und Märkte sind geöffnet. Aber der Handel stagniert, die Händler aus dem Norden bleiben aus. Immer weniger kommen mit ihren Pirogen den Fluss Niger hinauf, der sich eigentlich von Mopti aus gen Norden schwingt, bevor er südöstlich Richtung Niger und Nigeria weiterfließt. Diese Route ist jetzt dicht, und im Kriegsfalle würden wohl auch die Lastwagen aus Burkina Faso und der Elfenbeinküste wegbleiben. Die Menschen in Südmali sind jedoch auf diese Waren angewiesen.

„Die Lücken geschlossen“

Bereits jetzt nimmt die Militärpräsenz in und um Mopti spürbar zu. Die Armee patrouilliert zunehmend mit hochgerüsteten Pick-ups, selbst in der Altstadt. Außerhalb hat das Militär die Kontrolle der Checkpoints übernommen – ein Job, den in Friedenszeiten die Polizei erledigt. Jetzt stehen dort Truppenpanzer und bewaffnete Fahrzeuge.

Offensichtlich bereitet sich Malis Militär in Mopti auf den großen Gegenschlag vor: Immer wieder sind Schüsse vom Flughafen her zu hören. Dort hat die Armee ein Trainingsgelände. Die Truppenteile, die im März aus Gao, Timbuktu und Kidal geflohen sind, hat man nun teilweise in Mopti konzentriert.

Moptis Armeekommandant Patrick Sangaré ist zum Gespräch an einem neutralen Ort bereit. „Die Sicherheit der Menschen hier ist gewährleistet“, behauptet der Kommandant. Es habe einige wenige Korridore gegeben, durch die Islamisten oder Tuareg-Rebellen gen Süden gelangt seien, aber „diese Lücken sind nun geschlossen“. Auf die Frage, ob die Armee noch in diesem Jahr in den Norden einmarschieren wolle, antwortet er nur: „Als Soldat muss man den Feind überraschen.“ Derzeit, sagt Sangaré, sei die Luftwaffe mit Aufklärern über dem Norden im Einsatz. „Die malische Armee ist gut ausgerüstet, die Region Mopti ist sicher.“

Traditionelle Miliz

Eine Behauptung, die in Sicherheitskreisen auf große Skepsis stößt. Vier Flugzeuge soll Malis Militär angeblich besitzen. „Nicht eines davon kann Munition mit sich führen“, sagt ein belgischer Sicherheitsexperte, der seit Jahren in Westafrika tätig ist. Die Hubschrauber seien zu klein und „zum großen Teil nicht einsatzbereit“. Und ausländische Hilfe? Einiges sei wohl schon da, vermutet der Belgier.

Verstärkung für die malische Armee könnten die sogenannten Gandakoye und Ganda Izo bringen: eine traditionelle Miliz, die von jungen Männern gebildet wird, die anderen Ethnien als den Tuareg oder Arabern angehören und gemeinsam aus den Städten des Nordens nach Mopti geflohen sind. Sie scheinen für den Ernstfall zu proben. Das Militär spricht darüber nicht, die Bevölkerung wohl.

Bei einem Besuch im Camp der Milizen sitzen dort etwa 700 junge Männer in kleinen Gruppen – und warten. Auf was, dürfen sie nicht sagen. Sie rauchen, spielen Karten, schlafen auf gepackten Taschen. In einem der Schlafsäle näht ein Jugendlicher ein GriGri, einen Talisman.

Die Funktionäre reden, doch gesprächig sind sie nicht. Sie wiederholen lediglich die offizielle Sprachregelung: Gandakoye und Ganda Izo seien sie nicht, sondern Flüchtlinge, die dringend Hilfe bräuchten. Nur einmal gewährt der Mann, der sich als „Personalleiter“ vorgestellt hat, einen kleinen Einblick in die Kämpfermentalität: „Die Ziege ist ein friedliches Tier, aber wenn man sie reizt, stößt sie zu.“

Auch Radiomann Mamadou Bocoum hat das Camp besucht. „Es besteht kein Zweifel, dass die Jungs kämpfen werden“, sagt er. Er hat erfahren, dass sie in Mopti Geld für Waffen gesammelt haben. Inzwischen gibt es Berichte, dass in Douentza, einer Stadt 180 Kilometer von Mopti, Angehörige dieser Milizen zu den Islamisten übergelaufen seien.

Über Mali hinaus

Was viele Malier zurückhaltend mit „das Problem im Norden“ umschreiben, sorgte international für Aufsehen, als die Islamisten in einem brutalen Akt das Weltkulturerbe in Timbuktu zerstörten. Die Sache hat durchaus Potenzial, zum internationalen Konfliktfall zu werden. Das islamistische Bündnis – bestehend aus der in Algerien beheimateten Aqmi (al-Qaida im Islamischen Maghreb) und der malischen Miliz Ansar Dine – ist keine rein malische Bewegung. Man geht von Verbindungen nach Nigeria und Somalia aus, sogar bis nach Pakistan und Afghanistan, und aus den Anrainerstaaten wie Mauretanien, Tschad, Niger, Burkina Faso und Libyen sollen Sympathisanten oder heimatlose Terroristen bereitstehen.

Wenn sie sich im Norden Malis festsetzen, dann haben die salafistischen Extremisten den Gürtel in Afrika geschlossen. Der belgische Sicherheitsexperte, der seinen Namen nicht nennen will, sagt: „Das Schlimmste wäre, wenn sich die Islamisten hinter Kidal in die Berge verschanzen.“ Dort beginnt Algerien.

Um die Tuareg-Rebellen und ihren Traum vom eigenen Staat Azawad geht es schon gar nicht mehr. Es zeigt sich immer deutlicher, dass die Tuareg von den Islamisten nur benutzt wurden. Jetzt regieren neue Herren in den Städten. In Gao sollen die Islamisten den Tuareg-Rebellen ein Ultimatum gestellt haben, innerhalb von zwei Stunden die Stadt zu verlassen. Nun patrouilliert dort die Schariapolizei, wie Menschen aus Gao berichten. Frauen und Männer dürfen sich nicht mehr zusammen zeigen, Bars sind geschlossen oder zerstört, Sport ist verboten, Rauchen und Alkohol sowieso.

Könnte Mali ein afrikanisches Afghanistan werden? Bocoum nickt. „Wir müssen uns darauf einstellen.“

 

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