Jahresrückblick Berliner Galerien

Kunst im Sturzflug 2016

Beate Scheder resümiert das Kunst-Jahr 2016 und empfiehlt zum Jahresabschluss Robert Lazzarini bei Dittrich & Schlechtriem.

Still aus Conglomerate's „Block 1“. Mehr dann in 2017: Block 3 steht uns bevor. Foto: Courtesy of Conglomerate

Robert Lazzarinis Bilder bei Dittrich & Schlechtriem flirren einem vor Augen. Je nach Position ist es fast schmerzhaft, länger hinzusehen. Nur im richtigen Abstand erkennt man, dass sich hinter den Linien Porträts einer Frau verbergen. Der Ausstellungstext verrät, um wen es sich handelt. Es ist Sharon Tate, die von Charles Manson getötete Schauspielerin, Ehefrau von Roman Polanski. Die Bilder entziehen sich, wie auch die Erinnerung an Tate, gestützt lediglich von visuellem Archivmaterial.

Dittrich & Schlechtriem, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 28. 1., abweichende Öffnungszeiten während der Feiertage, Tucholskystr. 38

Ganz so schwer fällt es mir nicht, mich an die Kunst in diesem auf vielerlei Weise denkwürdigen Jahr zu erinnern, einige Bilder haben sich festgehakt. Zum Beispiel die von Stephen G. Rhodes, der im Frühling Eden Eden, den Zweitraum von Isabella Bortolozzi zum Horrorkabinett verbaute: Windschiefe Holzgerüste, übermalte Schilder, kaputte Puppen, aufgespießte Gummiköpfe, Geflüchtete als Playmobilbox ergaben ein metaphern- wie anspielungsreiches apokalyptisches Puzzlespiel.

Von der Berlin Biennale, kuratiert vom Kollektiv DIS, blieben indes eher die Diskussionen hängen, die sie auslöste, darüber nämlich, wie kritisch, wie politisch Kunst sein kann und soll. Und ob es Sarkasmus in Reinform ist, aalglatte Oberflächen und Annäherungen an den Kommerz zu zeigen, anstatt Probleme zu adressieren, alternative Wege, Hoffnungen oder gar Lösungen aufzuzeigen – oder doch vielmehr der Versuch, die Gegenwart in ihrer Unfassbarkeit widerzuspiegeln.

Greifvögel versus Drohnen

Die Suche nach Antworten trieb auch viele Künstler_innen um. Zum Beispiel in der Galerie Wedding, deren Programm Post-Otherness-Wedding eine echte Bereicherung der Berliner Kunstszene darstellte. Unvergessen etwa Henrike Naumann,die in ostdeutschen Jugendzimmern nach Ursachen für Hass und Angst forscht.

Anne Imhof, Gewinnerin des Preises der Nationalgalerie für junge Kunst, widmete Letzterer gleich eine ganze Oper. Der zweite Akt, eine raum- wie zeiteinnehmende Installation mit Performern, Hochseiltänzern, Greifvögeln und Drohnen über das abgestumpfte Nebeneinander unserer Zeit, zog die Massen in den Hamburger Bahnhof und hielt sie dort über Stunden weg im Geschehen gebannt.

Auch mich – es war einer der Höhepunkte der Berlin Art Week. Fortsetzung folgt, wenn Imhof nächstes Jahr den deutschen Pavillon in Venedig bespielt.

TV Total

Apropos Fortsetzung: Noch einmal empfohlen – auch für die Feiertage – sei Conglomerate, die Online-TV-Plattform von Sol Calero, Ethan Hayes-Chute, Derek Howard, Christopher Kline und Dafna Maimon. Zwei Folgen sind schon online, 2017 geht es weiter!

 

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