Joachim Löw ist sauer

Auch Spanien hat einen Koch

Vor dem Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Argentinien platzt Bundestrainer Löw der Kragen. Kritik begegnet er mit Trotz, zum Sportlichen sagt er wenig.

Nicht amüsiert: Joachim Löw beim Training vor dem Spiel am Mittwoch.  Bild: reuters

FRANKFURT/MAIN taz | Glaubt man der Bild-Zeitung, dann hat der deutsche Fußball schwere Probleme zu bewältigen. Angeblich gibt es eine „Hymnen-Diskussion“, eine „Memmen-Diskussion“ und eine „Luxus-Diskussion“, kurzum: Die deutsche Nationalmannschaft sei nur deswegen nicht Europameister geworden, weil nicht alle elf Spieler die Nationalhymne singen, weil es keine echten Führungsspieler gebe und weil die Profis viel zu sehr gehätschelt würden.

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Joachim Löw geht die Diskussionswut des bunten Blattes ziemlich auf die Nerven, weswegen er im Vorfeld des Länderspiels gegen Argentinien (Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF) seine Sicht der Dinge präsentierte. „Sie glauben doch nicht, dass Millionen von Leuten beim Public Viewing zusehen, wenn keine Siegertypen auf dem Platz stehen“, sagte Löw.

Exakt 46 Tage nach dem wegen einer taktischen Fehleinschätzung mitverschuldeten EM-Ausscheidens brach Löw sein Schweigen in einer unerwarteten Weise: Der 52-Jährige schaltete beim ersten öffentlichen Auftritt anlässlich des Freundschaftsspiels auf Angriffsmodus. Löw redete und redete, und viele Beobachter fragten sich: Hat der badische Fußballlehrer jemals so bestimmt und druckvoll das Wort geführt?

Das Jubiläum: Das Männer-Fußball-Nationalteam bestreitet gegen Argentinien das insgesamt 864. Länderspiel. In Frankfurt soll am Mittwoch der insgesamt 500. Sieg gefeiert werden. Seit 1908 gab es zudem 174 Unentschieden und 190 Niederlagen. Das Torverhältnis lautet 1.929:1.028.

Die Bilanz: Joachim Löw betreut das deutsche Team zum 84. Mal als Bundestrainer. 57 Siege stehen für den 52-Jährigen zu Buche, dazu jeweils 13 Unentschieden und Niederlagen.

Der Gegner: An das letzte Spiel gegen den zweimaligen Weltmeister um Weltfußballer Lionel Messi hat die deutsche Mannschaft sehr gute Erinnerungen. Im WM-Viertelfinale 2010 gab es in Südafrika ein 4:0 nach Toren von Miroslav Klose (2), Thomas Müller und Arne Friedrich. Insgesamt ist die Bilanz negativ: Von 19 Spielen wurden 6 gewonnen und 8 verloren.

Die Begrifflichkeit „Wutrede“ passte dennoch nicht, denn die entscheidende Passage, den 25-minütigen Anfangsmonolog, hatte Löw offenbar durchdacht. Nur die Zwischentöne entsprangen der Emotion. Sie zielten direkt auf die zynische Stimmungsmache nach dem EM-Aus. „Teilweise habe ich die Kritik als nicht zielführend und ermüdend empfunden.“

Führungsspieler Schweinsteiger

Und weiter: „Mit dieser Struktur und diesen Führungsspielern haben wir extreme Fortschritte gemacht und fast alles gewonnen. Viele Mannschaften mit ihren klassischen Führungsspielern sind weit vor uns nach Hause gefahren.“ Explizit lobte Löw Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose.

Noch mehr geärgert habe ihn indes die populistische Hymnenzwang-Debatte. Nur weil jemand die Nationalhymne nicht mitsinge, sei das doch „kein Beleg für die Unlust, zu kämpfen“. Diese Kritik hat den Trainer im Mark erschüttert. „Ich finde es fatal, dass man ihnen unterschwellig den Vorwurf macht, sie seien keine guten Deutschen. Ich kenne die tiefsten Beweggründe.“

Und dann wollte Löw auch noch den Vorwurf der angeblichen Überversorgung seiner Profis kontern. „Wir erwarten alle Spitzenleistungen. Die Spanier haben auch einen Koch und fahren auch nicht nur mit dem Bus.“ Löws Auftritt verriet viel Enttäuschung. Einsichtig wollte er sich nicht zeigen, was die Bild-Zeitung gestern dann auch süffisant kommentierte: „Jogi Löw rechnet mit allen ab – nur seine Spieler packt er in Watte.“

Auf seinen Kardinalfehler, mit der Hereinnahme eines dritten defensiven Mittelfeldspielers damals am 27. Juni die ausgeklügelte Balance im Spiel der DFB-Elf zerstört zu haben, ging Löw nur ein, als er von „einem klaren strategischen Plan“ sprach, „von dem ich zu 100 Prozent überzeugt war, wir haben dann nicht unseren eigenen Stil durchgesetzt“. Vielleicht auch, weil etliche Bayern-Spieler („Wir hatten nur eine einzige komplette Woche Vorbereitung mit ihnen“) körperliche Defizite hatten.

Ein bisschen Demut

Bei sportlicher Kritik, räumte der trotzige Mann immerhin ein, könne er jedoch Zugeständnisse machen; der Begriff „Demut“ fiel zweimal.

Weiterhin gab Löw zu Protokoll: „In manchen Bereichen sind wir besser als bei der WM 2010 gewesen.“ So habe seine Elf offensiv mehr Abschlüsse kreiert und sei auch defensiv besser organisiert gewesen, „nur war unsere Chancenauswertung schlecht“. Zudem würde man noch nicht das moderne Pressing beherrschen, den Ball – wie die Spanier – in den ersten zehn Sekunden zurückzuerobern.

Spanien verfüge nun mal über eine Ausnahmegeneration mit Automatismen, „die bei uns noch nicht so greifen“. Dennoch werde er, der eine erste EM-Analyse mit allerlei Zahlenwerk bereits dem DFB-Präsidium vorgestellt hat, unbeirrt versuchen, genau dieses Niveau zur WM 2014 in Brasilien zu erreichen. Löw: „Es ist immer noch ein kleiner Schritt von der Weltklasse, in der wir uns befinden, in die Weltspitze.“ Aber der Weg stimme. Und das Konzept auch. „Mit einem Titelgewinn hat es jetzt noch nicht geklappt, aber wir werden weiter danach streben.“

 
15. 08. 2012

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