Kalkül hinter dem Anschlag in Afghanistan

„Die Kommandeure agieren eigenständig“

Haben die Taliban ein Strukturproblem? Ja, meint der Afghanistan-Experte Conrad Schetter nach dem schwere Anschlag in der Provinz Faryab.

Haben ein Strukturproblem: Die Taliban.   Bild: dapd

taz: Die Provinz Faryab, die zum der Bundeswehr unterstehenden Regionalkommando Nord gehört, galt bisher als relativ ruhig. Deutet der schwere Anschlag vom Freitag auf eine Verschlechterung der Sicherheitslage hin?

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Conrad Schetter: Faryab war nie richtig ruhig, sondern dort hat es immer gebrodelt, wenngleich das nicht so bekannt war wie etwa in Kundus. Faryab hat eine hohe ethnische Vielfalt mit sehr vielen untereinander zerstrittenen Gruppierungen, ist also eine eigentlich konfliktanfällige Provinz, die aber nie im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Das Kriegsfürstentum war dort immer sehr stark ausgeprägt.

Stecken die Taliban, wie von der Regierung behauptet, hinter dem Anschlag?

Der Anschlag mit 17 toten Polizisten war ganz offensichtlich gegen die lokale Regierung gerichtet, wurde also von Regierungsgegnern durchgeführt. Und da wären in erster Linie die Taliban zu nennen. Denkbar ist auch eine Racheaktion, weil kürzlich in Faryab ein Talibankommandeur getötet wurde. Auch trägt der Anschlag eine Art von Handschrift, die derjenigen der Taliban entspricht. Denn diese haben immer wieder Anschläge gerade in Moscheen verübt.

48, ist Experte für Afghanistan und Konfliktforschung. Er ist Privatdozent am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn.

Wenn am ersten Tag des islamischen Opferfestes mutmaßliche Islamisten einen Selbstmordanschlag auf eine Moschee verüben und Dutzende Gläubige töten, müsste dies doch kontraproduktiv für ihre politischen Ziele sein. Denn das wäre etwa vergleichbar mit einem Anschlag auf eine christliche Kirche an Weihnachten. Welches Kalkül steckt dennoch dahinter?

Aus der Logik einer Aufstandsbewegung betrachtet, ist dies eine der wenigen Möglichkeiten, bei denen sich der Gegner schwer verteidigen kann. Denn in eine Moschee gehen der Gouverneur und Polizisten unbewaffnet, und sie sind dort alle zusammen. Sie bilden dort ein weiches militärisches Ziel, das anders als sonst leicht zu treffen ist. In dem Fall überwiegt meiner Meinung nach die Aufstandslogik gegenüber der negativen Publizität, dass die Taliban selbst in Moscheen Anschläge verüben.

Talibanchef Mullah Omar rief diese Woche seine Kämpfer erneut dazu auf, Zivilisten zu schonen. Jetzt sind wieder viele Zivilisten unter den Opfern. Was steckt hinter solchen Aufrufen?

Ich sehe dahinter ein Strukturproblem der Taliban, also des Verhältnisses der zentralen Führung zu den einzelnen Kommandeuren. Die Zentrale will die einzelnen Kommandeure unter Kontrolle rufen, die sich jedoch auch immer wieder emanzipieren und dabei auch Sachen machen, welche die Taliban als Bewegung vielleicht gar nicht wollen. Der Fall zeigt aber auch, dass der Arm von Mullah Omar eben nicht bis Maimana reicht und die Kommandeure aus unterschiedlichen Gründen ihr eigenes Ding machen. Mullah Omar will mit solchen Aufrufen die Taliban sowohl positiv darstellen als auch die Kommandeure disziplinieren. Das gelingt aber nicht. In vielen Provinzen agieren die Kommandeure sehr eigenständig, und die Taliban sind auf sie angewiesen.

 

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