Kampfsportler Stockmann

Die Empathie nach dem Fight

Free-Fight-Veteran Andreas Stockmann über Schläge und Tritte im Kampfsport, Pazifismus in der DDR-Armee und seine Malerei.

Andreas Stockmann: "Was das Schlagen am Boden angeht: Das gehört immanent dazu."  Bild: privat

taz: Herr Stockmann, Kämpfen als Sport - was fasziniert Sie so daran? Ist das nicht Männergetue, wer hat den Längsten?

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Andreas Stockmann: Ein Schwanzvergleich ist das nicht gerade. Kampfsportmeister sehen sich oft als die ewig Lernenden. Und irgendwann fragst du dich, ob das, was du machst, auch gegen andere Stile funktioniert. So bin ich zum Free Fight gekommen, was wir heute MMA nennen, also Mixed Martial Arts, kombinierte Kampfkünste.

 

Dieser Text erscheint in der sonntaz vom 12. Dezember 2009 - zusammen mit der taz am Kiosk erhältlich.

Sie sind Chef der deutschen Free Fight Association - eine Sportart, die immer mehr Politiker verbieten wollen. Woran liegt das?

Das fing dieses Jahr an, mit der Veranstaltung der US-amerikanischen UFC in Köln im Juni. Es war Wahljahr, und die Masse hat dann das Märchen vom regellosen Kampf geschluckt, der erst vorbei ist, wenn einer nicht mehr aufsteht. Wer ein bisschen recherchiert, findet umfangreiche Regelwerke der unterschiedlichen internationalen Verbände.

 

Vor ein paar Wochen hat der Landtag in Mecklenburg-Vorpommern einen Antrag verabschiedet, der auf das Verbot von MMA-Veranstaltungen zielt. Was geht da in Ihnen vor?

Wenn ich nicht wüsste, dass die Leute das ernst meinen, müsste ich lachen. Wenn man in der Parlamentsdebatte nicht einmal die Bezeichnung richtig aussprechen kann und von mehreren Todesfällen spricht, dann ist das entweder Unwissenheit oder Lüge.

 

Warum sollten die Politiker lügen?

Wir sind in ihren Augen eine ganz kleine Gruppe, haben aber ein interessantes Produkt. Man kann sich wahrnehmbar profilieren, wenn man uns verbietet.

 

Am stärksten wird immer kritisiert, dass bei MMA Schläge und Tritte auf Kämpfer am Boden erlaubt sind. Warum ändern Sie das nicht einfach?

Das Regelwerk entwickelt sich ja. Manches, was früher erlaubt war, etwa Knie zum Kopf auf einen liegenden Kämpfer, ist inzwischen verboten. Was das Schlagen am Boden angeht: Das gehört nun immanent dazu, und man schlägt ja keinen Wehrlosen. Das sind zwei Athleten, die darauf vorbereitet sind, und es gibt viele Stile, die den Kampf aus der Guard bevorzugen, wenn man also auf dem Rücken liegt und den Gegner zwischen seinen Beinen hat. Das ist eine strategische Situation, die ich durchaus zum Vorteil nutzen kann, etwa mit Hebel- oder Würgetechniken.

 

Aber die Vermarktung von MMA ist oft sehr martialisch und zieht womöglich Leute an, die tatsächlich nur Blut und Gewalt sehen wollen.

Warum werfen Sie uns das vor und nicht dem Boxen? Arthur Abraham kämpft sieben Runden mit gebrochenem Unterkiefer und wird als Volksheld gefeiert. Oder Vitali Klitschko, der mit einem Cut weiterkämpft, also einer Platzwunde, wo mein Finger reinpasst … Nicht, dass wir nicht mit einem Cut auch weiterkämpfen würden, aber in so einer Größenordnung, da wäre bei uns schon lange Schluss. Im Übrigen müssen ja nicht alle MMA mögen - aber sie sollen es doch bitte als das respektieren, was es ist: ein Sport, Punkt.

 

Die Verbotsbefürworter sagen, auf diesen Veranstaltungen würde brutale Gewalt zelebriert und das führe zu einer Verrohung der Gesellschaft.

Wir als Sportler sind doch nicht dafür verantwortlich, wenn die Gesellschaft verroht. Ich denke, wer uns das vorwirft, hat noch nie so eine Veranstaltung gesehen, das respektvolle Miteinander der Athleten vor oder nach dem Kampf. Wer mal hinter die Kulissen schaut, etwa bei der Regelbesprechung Stunden vorher, sieht, dass sich die Kämpfer teilweise im selben Raum warmmachen, dass sie nette und umgängliche Menschen sind, unter denen eine gute Atmosphäre herrscht.

 

Wer in einen Kampf geht, weiß, dass er verletzt werden kann, dass er womöglich zwei Wochen mit einem blau geschlagenen Gesicht durch die Gegend läuft. Man hat Angst und kämpft trotzdem. Warum tut man sich das an?

Das Wort Angst würde ich so nicht stehen lassen. Man hat Respekt, man ist aufgeregt, man hat Adrenalin, klar. Aber ob ich mit einer Platzwunde weitermache, ob ich mir das Gesicht blau schlagen lasse - das hab doch ich in der Hand. Ich kann jederzeit abklopfen. Die Kämpfer, die ich kenne, wollen sich nicht gerade als Urmenschen präsentieren. Wir überprüfen unsere Leistung im Wettstreit, es entwickeln sich neue Strategien.

 

Wenn einem Kämpfer das Blut über das Gesicht läuft, muss es das Ziel seines Gegners sein, da immer weiter draufzuhauen. Aber als Mensch müsste er doch sagen: Komm, wir lassens jetzt gut sein. Was lässt einen diese Schwelle überschreiten?

Ich bin ein bisschen traurig, wenn Sie mir Unmenschlichkeit unterstellen, weil ich den Gegner haue. Nein, das gehört zu unserem Sport, den wir beide ausüben und mit dem wir beide einverstanden sind. Das Ziel ist nicht, den Gegner zu verletzen, sondern den Kampf zu den eigenen Gunsten zu beenden, und dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, entweder klassische, wie beim Boxen, oder technische. Sobald der Kampf zu Ende ist, ist die Empathie da.

Empathie. Sie haben also auch eine weiche Seite?

Nach der Schule war ich, was man in der BRD einen Hippie genannt hätte.

 

Sie sind in der DDR großgeworden …

… in Dessau geboren, in Hoyerswerda aufgewachsen. Ich hatte damals lange Haare, Blockflöte, Schlaghose, dann per Anhalter durch die Welt und alle Langhaarigen sind meine Freunde.

 

Richtig Love & Peace?

Ich war sehr pazifistisch und hatte viele Träume und Vorbilder. Ich wollte dann unbedingt was für den Frieden tun und bin zur Armee gegangen, hab mich freiwillig gemeldet und …

 

Moment! Ein langhaariger Pazifist geht freiwillig zur Armee?

Ich hab halt gesagt, so, ich quatsch jetzt nicht nur, ich mach was gegen den Kapitalismus oder den Imperialismus. Vollkommen blauäugig. Ich bin in Plauen zu einem Bahnhofsfriseur gegangen und hab gesagt, er soll mir die Haare abrasieren. Meine damalige Freundin wollte mich gar nicht reinlassen, weil sie mich erst nicht mehr erkannt hat.

 

Wie war es für Sie als Soldat?

Weil ich schon seit meiner Kindheit leistungsorientiert Kampfsport gemacht hatte und außerdem drei Sätze fehlerfrei sprechen konnte, war ich für die Armee sehr interessant. Außerdem war ich überzeugt - heute würde ich sagen: Ich war fanatisch links außen. Aber ich war natürlich Hundefutter für die. Ich hatte das Gehirn eines 16-Jährigen, der nicht darüber nachgedacht hat, was eine Armee eigentlich will, dass sie nicht dafür da ist, den Frieden zu bringen, sondern Menschen zu töten. Ich war dann in diversen Spezialeinheiten und fand es klasse, den Weltfrieden mit militärischen Mitteln durchzusetzen.

 

Was waren das für Spezialeinheiten?

Ach, das Thema ist abgeschlossen. Ich hab damals gesagt, ich rede nicht drüber, und ich red auch nicht drüber, fertig.

 

Warum sind Sie denn ausgestiegen?

Solange ich den bösen Imperialisten zu bekämpfen glaubte, war alles in Ordnung. Hätte ich mein ganzes Leben lang in der Bundesrepublik Abschussraketen beschnüffeln oder amerikanische Soldaten beobachten oder in Angola gegen Südafrika helfen können - dann wäre ich immer dabeigeblieben. Erst als ich in Einheiten im Innern des Landes eingeschleust wurde, hat sich meine Sicht ganz schnell geändert. Unmenschliche Offiziere, gepaart mit Dummheit, sind gefährlich für alle Menschen. Das hat dann dazu geführt, dass ich mich entpflichtet habe, und um der Sache Nachdruck zu verleihen, hab ich auch gleich einen Ausreiseantrag gestellt.

 

Und was geschah?

Repressalien, Bespitzelung … Wenn man einen gewissen Erfahrungsschatz hat, merkt man schon, ob einem jemand hinterherfährt. Oder wenn ich in einem Café sitze und gegenüber gehen Vorhänge auf, dann weicht jemand zurück, ich sehe nur noch Umrisse, aber die haben einen Fotoapparat. Die Stasi macht ja auch Fehler. Ich hatte dann 1988 meinen ersten Fluchtversuch. Der ging schief, ich bin wieder zurück, hab dann gesagt, ich war besoffen und hab Party gemacht, und das wurde mir als Fehltage angerechnet und gut wars.

 

So was ging?

Wenn du mit niemandem redest und allein losgehst, ja. Anfang 1989 hab ich es wieder versucht, diesmal mit Erfolg.

 

Wie sind Sie geflüchtet?

Ich war mal in der Tschechei zur Kur gewesen und hatte im Adlergebirge gehört, dass drei oder vier Förster aus der Bundesrepublik plötzlich in der Tschechei aufgetaucht waren. Die waren wohl auf einem Jagdausflug, haben sich zugesoffen und sind in der Tschechei gelandet. Das hab ich abgespeichert: Wenn vier Leute aus der Bundesrepublik sturzbesoffen in der Tschechei aufwachen können - dann muss doch ein einzelner Mann durchlaufen können.

 

Und, konnten Sie?

Beim ersten Mal hatte ich Pech. Ich hatte meinen Weg zwar genau geplant, aber irgendwie hatte ich mit dem Einfachsten nicht gerechnet: Ich traf auf Hunde. Ich weiß nicht, ob die zur Grenzsicherung gehörten oder nicht. Jedenfalls wurde ich gebissen und konnte nicht weiter, kam aber unerkannt wieder weg.

 

Und beim zweiten Mal?

Da hab ich mich anders bewegt und bin durchgelaufen. Erst auf der Westseite - was ich damals aber zunächst nicht wusste - traf ich plötzlich auf jemanden in einer Uniform, die ich nicht kannte. Ich hatte keine Waffe mitgenommen, nur ein paar Bilder, die mir was bedeuteten. Ich war mir nicht sicher, ob ich nicht gerade einem verdeckten DDR-Greifkommando in die Arme lief, hob einen Stein auf und dachte: Wenn der meine Fragen nicht positiv beantwortet, dann hau ich ihm den Stein über den Kopf. Er hat mir dann einen Ausweis gezeigt, und obwohl ich den nicht kannte, hab ich den Stein weggeschmissen und gut wars. Ich hab dann erst später erfahren, dass der Mann vom Technischen Hilfswerk war. Gottlob hab ich ihm nichts getan.

 

Dann waren Sie im Westen, mit einer NVA-Vergangenheit. Wie konnten Sie denn an Ihr voriges Leben anknüpfen?

Ich hab einerseits Arbeit gesucht, was recht schwierig war, und gleichzeitig bin ich in einen Sportverein gegangen, weil es beim Sport relativ einfach ist, Sozialkontakte zu bekommen. Was mich störte: Die Leute durften zwar alles trainieren, auch die Sportarten, die in der DDR als "nicht erwünscht" galten, aber sie hatten eine Trainingsdisziplin, die mich erschütterte! Man diskutierte mit dem Trainer! Ich merkte, dass es in der Bundesrepublik genau andersherum war als in der DDR. Dort war kämpfen normal, und hier wollte die Masse nicht kämpfen und machte den Sport nur so. Das wirkt sich natürlich aufs Training aus. Meine große Suche war, jemanden zu finden, der das richtig macht.

 

Und? Haben Sie jemanden gefunden?

Ja, bei den Vollkontakt-Kampfsportarten. Beim Thaiboxen, beim Kyokushinkai-Karate - das entsprach meiner Vorstellung vom Trainieren und Kämpfen. Das ist so eine kleine Sparte, und die das hier in Deutschland machen, sind sehr traditionell. Respekt, Achtung, Ehre, ein sehr hoher spiritueller Anteil - das ist genau das, was ich wollte.

 

Sie sind nicht nur Kämpfer, sondern arbeiten auch als Künstler - führen Sie ein Doppelleben?

Es gibt doch keinen Menschen, der nur eins ist. Ich lebe beide Seiten gleichzeitig aus.

 

Sind Kunst und Kampfsport für Sie getrennte Welten?

Früher war das so. Erst meine inzwischen verstorbene Managerin in Österreich hat mir gesagt: Andreas, das ist die Geschichte, du unterscheidest dich dadurch von anderen Künstlern, man muss das miterzählen.

 

Wann haben Sie begonnen, sich für Malerei zu interessieren?

Schon als Kind. Im Zeichenunterricht hat man gemerkt, dass ich Talent dafür hatte, und wenn man Pech hatte, wurde das in der DDR sehr schnell in Bahnen gelenkt. Ich hab mich da einbinden lassen. Ein Schlüsselerlebnis war in einem dieser Ferienlager, wo man von Profs unterrichtet wurde, wenn man zu den Talenten zählte. Als Abschlussarbeit habe ich eine Zeichnung von einem Gefängnisinnenhof in Lateinamerika gemacht, wo Revolutionäre erschossen werden. Das Problem: Die Damen und Herren regten sich darüber auf, dass ich die Täter groß dargestellt habe und nicht die Revolutionäre. Ich war vollkommen beleidigt und habe aufgehört, in offiziellem Rahmen zu malen. Ich bin dann zur Jazz-Szene gekommen, die war etwas, was man heute als Off-Szene bezeichnen würde. Ich fing an, dort auszustellen.

 

Wer seine Bilder ausstellt, hat etwas mitzuteilen. Was ist das in Ihrem Fall?

Ich hab zeitig angefangen, meine Bilder nicht mehr zu dokumentieren und ihnen auch keine Titel zu geben. Die Bilder enthalten meist Zahlen oder Kürzel, die für mich eine Bedeutung haben, aber dem Betrachter keinen Hinweis geben. Ich habe drei Grundthemen, die immer da sind: Zeit, Traum und das was ich "der Zweite" nenne, also der Unterlegene, der Geschundene, der Getötete. Mich hat nie der Pharao interessiert, sondern wer die Pyramide gebaut hat. Das ist natürlich politisch, auch wenn ich mich nie als politischen Künstler verstanden habe.

Sind Sie mit Ihrer Kunst angeeckt?

Die DDR-Offiziellen sind immer davon ausgegangen: Der Typ ist beim Militär, da kann es ja im Grunde gar keine oppositionellen Gedanken geben. Die dachten: Ist halt ein Spinner. Ich habe früh gemerkt, dass ich ein Bild mit einer Aussage malen und dann was ganz anderes behaupten kann.

 

Haben Sie ein Beispiel?

Ein Polizeistiefel im Gesicht eines Menschen, der am Boden liegt. Das hatte ich nach einer kleinen Mini-Revolte von Jugendlichen in Hoyerswerda gemalt. Offiziell habe ich dann erzählt, es ginge um Vietnam.

 

Aber ist es nicht ziemlich furchtbar, falsch verstanden zu werden?

Es macht nichts, wenn du in dem Bild etwas anderes siehst als das, was ich dir sagen wollte - denn ich will dir ja auch gar nichts sagen.

 

 

<typohead type="5"> Anja Weber, 41, fand die MMA-Kämpfer alle reizend, steht trotzdem mehr auf Fußball</typohead>

 

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