Karl-Heinz Ruch zum Relaunch von taz.de

„Wunderbar, dieses Internet“

Lesen Sie hier, warum die taz einen neuen Online-Auftritt hat, und wohin wir damit steuern.

Karl-Heinz Ruch ist seit 34 Jahren Geschäftsführer der taz.   Bild: Anja Weber

Am 12. Mai 1995 wurden das erste Mal alle taz-Artikel eines Tages ins World Wide Web gestellt. Seit 2007 gibt es eine eigene Online-Redaktion. Am Dienstag schlagen wir wieder ein neues Kapitel auf. Die ganze taz wird auf taz.de publizieren. Alles, was bisher frei zu lesen war, wird frei bleiben. Und es kommt noch vieles dazu aus dem Universum der taz.

Eine Bezahlschranke wollen wir nicht, weil wir davon ausgehen, dass wir sie nicht brauchen. Unsere LeserInnen beteiligen sich freiwillig und engagiert bei „taz-zahl-ich“. Das neue taz.de kommt zu einer Zeit, in der die Zeitungskrise jeden Tag neue Schlagzeilen macht und nun auch auf die Newsportale im Internet übergreift. 

Zwischen dem Alten und dem Neuen herrscht vielerorts Sprachlosigkeit und zunehmend Ratlosigkeit angesichts eines Erfolges, der sich online bestenfalls in Reichweiten beziffert, aber keine Antworten auf die Frage hat, wie Journalismus im Netz zukünftig finanziert werden soll. Die taz ist dafür bekannt, alternative Wege zu gehen und Experimente zu wagen. Mit großem Engagement und dem notwendigen Glück führte dies oft zum Erfolg. Wir sind uns sicher, auch mit der neuen Version von taz.de auf dem richtigen Weg zu sein.

Zeitungen geht es nicht gut. Wir erleben das Ende von Verlegertum und Journalismus nach alter Manier. Anzeigenkunden und zahlende Leser haben über Generationen die aufklärende Arbeit von Journalisten möglich gemacht. Dieses Geschäftsmodell des Zeitungsjournalismus hat ausgedient und ein neues für einen Journalismus im Internet ist nicht in Sicht. Verlage haben sich im Hinblick auf das Internet eine grandiose Fehleinschätzung geleistet. Denn, so dachten viele Verleger, sind die Reichweiten im Internet erst unendlich, werden es auch unsere Werbeerlöse sein.

„Lousy Pennies“

Die Enttäuschung, dass es anders kam, summiert sich in zwei Worten: „Lousy Pennies“, die laut Hubert Burda für Verlage im Internet zu verdienen sind. Inzwischen werden Schuldige benannt, zuallererst Google. Die Suchmaschine macht mit Werbeanzeigen das Geschäft, das gerne die Verlage machen würden. Auch die begehrten Nutzer der News-Seiten bekommen nun ihren Teil der Schuld zugeschrieben.

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Nicht nur, dass Sie immer alles umsonst haben wollen, sie barrikadieren sich auch noch hinter Programmen, die Werbung auf den Seiten unterdrücken. In einem „Appell an die Solidarität der Leser“ wendet sich nun ein Kartell großer deutscher News-Seiten an ihre Leser mit der Bitte, diese „Adblocker“ für ihre Seiten abzuschalten. Solidarität? Ist es solidarischer, im TV einen Film zwischen Werbeblöcken auf einem Privatsender zu schauen, als beim gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen?

Mit Letzerem wäre dann auch der dritte Sündenbock an der Misere der Zeitungsverlage benannt. Es ist abzusehen, dass wir nach der Zeitungskrise nun eine Krise der News-Portale im Internet erleben werden. Auch hier hat der Irrtum einen Namen: Reichweite. News-Seiten werden für Google optimiert, nicht für die Leser. Es fallen einem die alten Sprüche aus der Umweltbewegung der 1980er Jahre ein: Erst wenn der letzte zahlende Abonnent gegangen ist, werdet ihr merken, dass man Klicks nicht essen kann.

Diese Einsicht wächst nun doch ganz schnell. Sie wächst so schnell, dass die Programmierer in den Entwicklungsstuben gar nicht hinterher kommen, die vielen neuen Ideen von Bezahlmodellen im Internet in eine funktionierende Wirklichkeit umzusetzen. Die taz war schon immer ein Sonderfall unter den Zeitungen. Aus heutiger Sicht könnte man sogar sagen, die taz ist ein Glücksfall. Als sie 1979 kam, war der Zeitungmarkt fest gefügt.

Idee einer unabhängigen alternativen Presse

Den für Zeitungen wichtigen Anzeigenmarkt aufzuschließen ist der taz nie gelungen. Umso intensiver kümmerte sie sich um ihre LeserInnen. Das besondere an der taz sind vor allem ihre Leserinnen und Leser, die sich immer auch als Unterstützer der Idee einer unabhängigen alternativen Presse begreifen.

Solidarität steht in der Beziehung der Leser zu ihrer taz weit oben, deswegen funktionieren auch Modelle wie der „taz-Solidarpakt“ bei den Abonnements, bei dem jeder den Preis frei wählen kann. Deswegen funktioniert bei der taz – und vielleicht nur bei ihr – ein freiwilliges Bezahlmodell wie „taz-zahl-ich“ auf taz.de.

Dazu passt die genossenschaftliche Unternehmensform der taz und die damit verbundene, auch nach fast 20 Jahren ungebrochene Attraktivität, sich als TeilhaberIn an der taz-Genossenschaft zu beteiligen. Inzwischen garantieren 12.700 taz-GenossInnen mit ihren Anteilen die publizistische und wirtschaftliche Unabhängigkeit der taz.

Wunderbar, dieses Internet. Und die taz war schon ganz am Anfang mit dabei. Vor 18 Jahren wurden erstmals alle taz-Texte online gestellt, und damit auch für LeserInnen in Alaska oder Feuerland tagesaktuell zugänglich gemacht. Heute lesen mehr Menschen die taz im Internet als in gedruckter Form. Mediennutzung und Lesegewohnheiten haben sich in diesen 18 Jahren dramatisch verändert.

Vier große Lesergruppen

Ebenso hat sich die taz verändert. Heute gibt es mindestens vier große Gruppen regelmäßiger Leser: die täglichen Abonnenten und die Wochenendabonnenten der gedruckten Ausgabe, die E-Paper-Abonnenten der digitalen Ausgabe und die taz.de-Nutzer. Vor einigen Monaten haben wir diese Gruppen befragt, die Antworten analysiert und festgestellt, dass es trotz großer demografischer Unterschiede bei Alter, Geschlecht und Einkommen zwischen diesen Gruppen starke Übereinstimmung bei Einstellungen zu gesellschaftlichen Fragen oder zur taz gibt.

Die taz ist mehr als eine Zeitung. Sie ist Teil eines gesellschaftlichen Trends, der aufzeigt, dass es sehr wohl Alternativen zu den eingefahrenen Wegen gibt. In dieser Bewegung ist die taz ein wichtiger Knoten im Netz und ein gern gesehener Partner bei Kooperationen. Die taz kann inzwischen selbst Projekte unterstützen: mit unserer taz-Panterstiftung fördern wir gesellschaftliches Engagement.

Journalismus liegt uns besonders am Herzen. Wir bieten Volontariate sowie Workshops und Fortbildungen für den Nachwuchs. Das taz-Café in der Rudi-Dutschke Straße ist ein beliebter Treffpunkt und Veranstaltungsort. Groß diskutiert wird einmal im Jahr beim taz.lab im Berliner Haus der Kulturen der Welt, groß gefeiert bei der Verleihung des taz-Panterpreises im September.

Reisefreudige taz-LeserInnen sind begeistert von den taz-Reisen in die Zivilgesellschaft unter Leitung von taz-Korrespondenten in aller Welt. Im taz-Shop kann man taz-Räder aus dem Münsterland bestellen oder fairen tazPresso aus Afrika. Und beim Lesen muss man nicht nach der täglichen taz aufhören: unsere Publikationen von Le Monde diplomatique zur Globalisierung sind Bestseller, das Umweltmagazin zeo2 berichtet über die Hintergründe der ökologischen Entwicklung und die spannenden Bücher von taz-Autoren sind immer ein empfehlenswertes Geschenk.

Neben den täglichen Nachrichten wird unser neugestalteter Web-Auftritt dieses kleine feine taz-Universum noch zugänglicher machen als bisher. Das Netz schafft Verbindungen und Kontakte. Auf taz.de treffen sich die, die verändern wollen, ganz in dem Sinne unseres letzten taz.labs: Erfindet: so kann es nicht weitergehen!

Karl-Heinz Ruch ist Geschäftsführer der taz.